Ungarische Nachrichtendienste sollen über Jahre hinweg verdeckt Informationen über EU-Institutionen in Brüssel gesammelt und versucht haben, Beamte der Europäischen Kommission anzuwerben. Das geht aus einer gemeinsamen Recherche mehrerer europäischer Medien hervor, die am 9. Oktober 2025 veröffentlicht wurde. Demnach agierten ungarische Agenten unter diplomatischer Tarnung als Mitarbeiter der ungarischen EU-Vertretung und boten europäischen Beamten Geld für vertrauliche Informationen an.
Netzwerk unter Orbáns Kontrolle
Die Ermittler kamen zu dem Schluss, dass der ungarische Premierminister Viktor Orbán ein verdecktes Spionagenetzwerk aufbauen ließ, das vor etwa zehn Jahren entstand – in einer Phase zunehmender Spannungen zwischen Budapest und der Europäischen Kommission. Einer der Agenten, der in den Berichten als „V.“ bezeichnet wird, war zwischen 2015 und 2017 in Brüssel tätig, offiziell als Mitarbeiter der ungarischen Botschaft bei der EU. Damals leitete Oliver Várhelyi die diplomatische Vertretung; heute ist er EU-Kommissar für Gesundheit und Tierschutz.
V. soll regelmäßig Kontakt zu einem EU-Beamten gepflegt, offizielle wie inoffizielle Informationen gesammelt und schließlich Geld für vertrauliche Einblicke angeboten haben. Als der Beamte dies ablehnte, flog der Agent auf – offenbar, weil er ungesicherte Kommunikationskanäle nutzte. Trotz der Enthüllung setzte V. seine Karriere fort und arbeitet laut einer Veröffentlichung des ungarischen militärischen Nachrichtendienstes heute als Oberstleutnant im Informationsbüro, der Auslandsaufklärung Ungarns.
Aggressive Methoden und politische Spannungen
Die Recherche deckte auch zwei weitere mutmaßliche ungarische Agenten auf, die im gleichen Zeitraum versuchten, übermäßig enge Kontakte zu EU-Beamten aufzubauen. Die angewandten Methoden seien für einen EU-Mitgliedstaat ungewöhnlich aggressiv gewesen und erinnerten an Taktiken, wie sie eher mit Russland oder China in Verbindung gebracht werden.
Das Verhältnis zwischen Budapest und Brüssel ist seit Jahren angespannt. Die Europäische Union wirft der Regierung Orbán systematische Verstöße gegen demokratische Grundprinzipien, Eingriffe in die Justiz und Einschränkungen der Medienfreiheit vor. Zugleich blockiert Ungarn regelmäßig zentrale EU-Entscheidungen – etwa zu Sanktionen gegen Russland oder zu Hilfspaketen für die Ukraine. Orbán selbst präsentiert sich dabei als Verteidiger der nationalen Souveränität gegen den „Diktat aus Brüssel“.
Krise des Vertrauens innerhalb der EU
Dass ein EU-Mitglied offenbar gezielt die Institutionen der Union ausspioniert hat, stellt die Grundlage gegenseitigen Vertrauens infrage, auf der das europäische Projekt beruht. Der Vorfall könnte den politischen Graben zwischen Budapest und den übrigen Mitgliedstaaten weiter vertiefen und die Diskussion über interne Sicherheitsstrukturen innerhalb der EU neu entfachen.
Die Enthüllungen zeigen, dass Bedrohungen für die Sicherheit der Union nicht nur von außen – etwa durch Russland oder China – kommen, sondern auch aus dem Inneren des Staatenverbunds entstehen können. Experten fordern nun eine Verschärfung der Sicherheitsstandards für diplomatische Missionen sowie eine engere nachrichtendienstliche Zusammenarbeit der Mitgliedstaaten.
Frühere Spionagevorwürfe gegen Budapest
Ungarn war bereits zuvor in Spionageskandale verwickelt. Im Dezember 2024 berichteten Medien, ungarische Geheimdienste hätten Ermittler des Europäischen Amtes für Betrugsbekämpfung überwacht, die Korruptionsfälle im Umfeld von Orbáns Schwiegersohn untersuchten. Zwischen 2015 und 2017 sollen ungarische Agenten EU-Beamte bei Besuchen in Ungarn observiert, Telefone abgehört und Hotelzimmer durchsucht haben, um Daten von Laptops zu kopieren.
Risiko geopolitischer Instrumentalisierung
Beobachter warnen, dass Russland den Skandal propagandistisch ausschlachten könnte, um die EU als innerlich zerrissene Struktur darzustellen, in der selbst Mitgliedstaaten einander misstrauen. Der Kreml könnte die Enthüllungen zudem nutzen, um eigene Spionageaktivitäten in Europa als „normale Praxis“ darzustellen – ein Versuch, die Glaubwürdigkeit und Einheit des Westens weiter zu untergraben.


