Europäisches Gesundheitsforum Gastein: Experten fordern umfassende Reformen im österreichischen Gesundheitssystem

Oktober 2, 2025 16:32
Europäisches Gesundheitsforum Gastein: Experten fordern umfassende Reformen im österreichischen Gesundheitssystem

Das österreichische Gesundheitssystem steht unter Druck: Bei der diesjährigen Auflage des European Health Forum Gastein diskutierten wichtige Vertreter aus Politik und Gesundheitswesen über notwendige Reformen. Einigkeit herrschte vor allem in einem Punkt: Jetzt ist der richtige Zeitpunkt für große Veränderungen. Darüber berichtet Welt Stimme.

BAD HOFGASTEIN. Trotz seiner hohen Leistungsfähigkeit im internationalen Vergleich machen sich führende Gesundheitsexperten zunehmend Sorgen um die Finanzierbarkeit des österreichischen Gesundheitssystems. Auf dem European Health Forum Gastein (EHFG) äußerten Staatssekretärin Ulrike Königsberger-Ludwig (SPÖ), Ex-Gesundheitsminister Johannes Rauch (Grüne), EHFG-Präsident Clemens Martin Auer und Herwig Ostermann (Geschäftsführer der Gesundheit Österreich GmbH) Bedenken, dass ohne tiefgreifende Reformen die Solidarität des Systems gefährdet ist.

„Die Menschen verlieren Vertrauen“

Königsberger-Ludwig hob hervor, dass Österreich mit einem der besten Gesundheitssysteme Europas ausgestattet ist, jedoch das Vertrauen der Bevölkerung schwindet: „Das ist die größte politische Herausforderung – die Menschen müssen wieder das Gefühl haben, dass sie sich auf unser System verlassen können.“ Die Corona-Pandemie habe die Notwendigkeit transparenter Kommunikation verdeutlicht; Maßnahmen müssen nachvollziehbar erklärt werden, um Akzeptanz zu erhalten.

Die Staatssekretärin nannte zusätzlich zur Vertrauenskrise drei weitere Kernprobleme: die zunehmende Alterung der Gesellschaft, die steigenden Spezialisierungskosten und den zu geringen Stellenwert der Prävention. „Nur rund fünf Prozent unseres Gesundheitsbudgets fließen in Vorsorge. Das ist viel zu wenig“, kritisierte Königsberger-Ludwig und forderte einen massiven Ausbau der Präventions- und Gesundheitsförderungsmaßnahmen, um langfristig Kosten zu senken und die Lebensqualität zu erhöhen.

Finanzierung: Streit um neue Modelle

Die Diskussion um die Finanzierung des Gesundheitssystems erregte besondere Aufmerksamkeit. Königsberger-Ludwig erklärte: „Wenn wir unser solidarisches Gesundheitssystem sichern wollen, müssen wir auch über neue Einnahmequellen reden.“ Sie sprach dabei Vermögens- und Erbschaftssteuern an – eine Forderung, die im SPÖ-Wahlprogramm verankert ist und regelmäßig zu Konflikten in der Regierung führt.

EHFG-Präsident Auer äußerte sich skeptisch zu nationalen Steuern: „Wir brauchen eine multilaterale Steuerpolitik. Es reicht nicht, nur in Österreich neue Abgaben einzuführen. Wir müssen international über Finanzströme, Datenverwendung oder Robotik besteuern.“ Die geringe politische Beschäftigung mit dieser Debatte bezeichnete er als „befremdlich“.

„Föderalismus ist ein Elend“

Ehemalige Minister haben es oft leichter, Klartext zu reden. Johannes Rauch bezeichnete die Zuständigkeit von Bund und Ländern bei Gesundheitsfragen als ein „Elend“: „Das lähmt jede Reform.“ Er plädierte für eine Finanzierung aus einer Hand und die Zusammenlegung aller Sozialversicherungen: Kleinere Reparaturen am bestehenden System genügen nicht. „So, wie es jetzt läuft, wird uns das Geld in den nächsten Jahren ausgehen“, warnte er.

Ostermann bestätigte, dass die demografische Entwicklung die Sozialsysteme massiv belastet. Während die Finanzierung von Pensionen und Pflege durch Anpassungen langfristig noch leistbar erscheine, seien die Gesundheitsausgaben schwerer zu kontrollieren. „Wir müssen uns fragen, wie wir unser System nachhaltig gestalten können“, so Ostermann.

„Jetzt ist das Zeitfenster offen“

Einigkeit herrschte darüber, dass der Zeitpunkt für Reformen momentan günstig ist. Da in den kommenden zwei Jahren keine großen Wahlen anstehen, ist der politische Spielraum größer. „Es braucht Mut, die großen Würfe anzugehen – auch mit wechselnden Mehrheiten im Parlament“, fasste Rauch zusammen.

Ein möglicher Ansatz ist die Bildung größerer Versorgungsregionen. Salzburgs Landeshauptmann-Stellvertreter Christian Stöckl (ÖVP) hatte bereits zuvor eine bessere überregionalen Zusammenarbeit gefordert. Königsberger-Ludwig verwies auf das Modell einer „Gesundheitsregion Ost“, ähnlich dem Vorschlag von Wiens Bürgermeister Michael Ludwig: „Das wäre ein erster Schritt, den auch andere Bundesländer übernehmen könnten.“

Was bedeutet das für die Region?

Eine solche Neuordnung könnte für Salzburg bedeutende Auswirkungen haben. Krankenhäuser und Gesundheitszentren würden enger vernetzt werden, und die hausärztliche Versorgung könnte langfristig stabilisiert werden. Allerdings bleibt klar, dass jede Strukturreform ohne ausreichend Nachwuchs im medizinischen Bereich unvollständig bleibt. „Die Menschen wollen diesen Beruf ergreifen – aber wir müssen ihnen auch attraktive Bedingungen bieten“, betonte Königsberger-Ludwig.

Zwischen Stolz und Sorge

Trotz aller Kritik war am Ende Selbstbewusstsein zu spüren. „Wir sollten nicht vergessen, dass unser europäisches Solidaritätsmodell einzigartig ist“, erinnerte Auer. Die Corona-Krise habe gezeigt, dass Länder mit einem starken Sozialstaat wirtschaftlich besser durch Krisen kommen. Gleichwohl sei klar, dass ohne mutige Reformen, eine ehrliche Diskussion über Finanzierungsmodelle und ein Umdenken in Richtung Prävention das System nicht zukunftssicher gemacht werden kann.

Die intensiven Debatten in Gastein hinterlassen die Erkenntnis: Die Diagnose ist gestellt, die Therapie erwartet. Ob die Politik jedoch bereit ist, die nötige Kur einzuleiten, wird sich erst in den kommenden Jahren zeigen.

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