Nach jahrzehntelangen Verhandlungen zum Mercosur-Abkommen kommt auf EU-Ebene Bewegung in die Sache rein. In Wien würde die Industrie vom Freihandelsabkommen deutlich profitieren. Die jährliche Wertschöpfung durch den Wegfall von Zöllen und Co. würde sich um jährlich knapp 40 Millionen Euro erhöhen. Zusätzlich würden durch Einmaleffekte rund 300 neue Arbeitsplätze geschaffen. Darüber berichtet Welt Stimme.
SÜDAMERIKA/WIEN. Das Freihandelsabkommen zwischen der Europäischen Union und den Mercosur-Staaten nimmt konkrete Formen an. Die fünf südamerikanischen Länder – Argentinien, Brasilien, Paraguay, Uruguay und Bolivien – werden in diesem Rahmen eng miteinander verbunden. Trotz der Suspendierung Venezuelas seit 2016 wird Mercosur als drittgrößter Markt der Welt betrachtet, auch viele assoziierte Staaten sind durch verschiedene Vereinbarungen eingebunden.
Die EU verfolgt bereits seit mehreren Jahrzehnten das Ziel eines Freihandelsabkommens mit Mercosur. Im Jahr 2019 wurde ein Entwurf des Abkommens unterzeichnet, der unter anderem die Reduzierung oder Abschaffung von Zöllen sowie die Anpassung von Warenstandards vorsieht. Diese Thematik stößt auf Widerstand, insbesondere in der europäischen Landwirtschaft und bei Umweltschutzorganisationen wie Greenpeace, da hier zahlreiche Bedenken hinsichtlich des Inhalts geäußert werden.
Während der Widerstand in großen Teilen der EU groß ist, arbeitet Brüssel intensiv an der Ausarbeitung des Abkommens. Ziel ist der größtmögliche Schutz heimischer Produzenten und der Abbau von Exporthindernissen. Anfang September erhielt die EU-Kommission die Zustimmung für eine ausgearbeitete Fassung des Abkommens. Die Zustimmung der EU-Mitgliedstaaten und des Europaparlaments steht noch aus. Laut einer Analyse von Bank Austria wird die österreichische Industrie jedoch erheblich von dem Abkommen profitieren.
300 neue Jobs in Wiener Industrie
Die Nachfrage nach Gütern aus den Mercosur-Staaten generierte 2024 eine Wertschöpfung von rund 700 Millionen Euro in Österreich, wovon etwa 5.000 Arbeitsplätze in der Industrie abhängen. Die Europäische Kommission schätzt, dass das Abkommen die EU-Ausfuhren von Waren und Dienstleistungen nach Südamerika um etwa 40 Prozent steigern könnte.
Auf Österreich umgerechnet würde dies eine zusätzliche jährliche Wertschöpfung von rund 300 Millionen Euro bringen, was zur Schaffung von 2.000 neuen Arbeitsplätzen in der Industrie führen könnte. Wien wäre eines der Bundesländer, das stark profitieren könnte, da die Stadt bereits viele pharmazeutische Produkte nach Südamerika exportiert. Der Fahrzeug- und Maschinenbau könnte ebenfalls von dem Abkommen profitieren, so die Experten der Bank Austria.
Die Analyseabteilung der Bank Austria prognostiziert, dass eine Einigung zwischen der EU und den Mercosur-Staaten jährlich zusätzlich etwa 40 Millionen Euro Wertschöpfung für die Wiener Industrie schaffen könnte. Zudem könnten in den ersten Jahren bis zu 300 neue Industriearbeitsplätze in der Hauptstadt hinzukommen.
Auch Abseits blicken
Diese positiven Effekte beschränken sich allerdings lediglich auf die Industrie. Die Bank Austria hebt hervor, dass negative Auswirkungen aus anderen Sektoren nicht in die Analyse einflossen. Insbesondere die heimische Landwirtschaft könnte unter dem Druck billigster Importe aus Südamerika leiden, was bereits Besorgnis bei Greenpeace ausgelöst hat. Das Umweltschutznetzwerk warnt, dass der umstrittene Handelsvertrag den Handel mit umweltbelastenden Produkten, wie Rindfleisch, Zucker und Mais aus Südamerika, erheblich steigern könnte.
Bank Austria-Chefökonom Stefan Bruckbauer betont: „Das Mercosur-Abkommen ist eine wichtige Ergänzung zu bestehenden Handelsbeziehungen, ersetzt diese aber nicht – die Wirtschaftskraft der Mercosur-Staaten beträgt nur rund zehn Prozent jener der USA.“ Die österreichische Bundesregierung zeigte sich vorsichtig positiv gegenüber dem neuen Vorschlag aus Brüssel, wartet jedoch auf weitere Details. Im Jahr 2021 hatte sich die Mehrheit der Parteien gegen das Mercosur-Abkommen ausgesprochen; mit dem neuen Entwurf könnte sich dies jedoch ändern.


