Die russische Föderale Steuerbehörde (FNS) rechnet im laufenden Jahr 2026 mit erheblichen Mindereinnahmen im Bundeshaushalt. Nach internen Prognosen der Behörde fallen die Steuereinnahmen sowohl im ersten Halbjahr als auch im gesamten Jahresverlauf deutlich niedriger aus als geplant. Die Zahlen deuten auf eine zunehmende strukturelle Krise der russischen Finanzsysteme hin – und widersprechen den optimistischen Darstellungen der Regierung in Moskau zur Widerstandsfähigkeit der Wirtschaft.
Einnahmeausfälle im Öl- und Gassektor
Der größte Druck auf die Einnahmenseite des Haushalts geht demnach vom Rohstoffsektor aus. Die FNS beziffert die gesamten ausfallenden Einnahmen aus der Förderabgabe auf Kohlenwasserstoffe (MET) und der zusätzlichen Einkommenssteuer (AIT) für 2026 auf 1,99 Billionen Rubel. Besonders stark betroffen ist die Abgabe auf die Ölförderung: Von den geplanten 7,91 Billionen Rubel werden voraussichtlich nur 6,55 Billionen Rubel eingenommen – ein Minus von 1,36 Billionen Rubel. Auch die AIT auf Kohlenwasserstoffe bleibt weit hinter den Erwartungen zurück: Statt der veranschlagten 850 Milliarden Rubel flossen im ersten Halbjahr lediglich 442,9 Milliarden Rubel. Für das Gesamtjahr wird ein Fehlbetrag von 588,7 Milliarden Rubel prognostiziert.
Ursachen: Preisverfall, Rubelstärke und Produktionsrückgang
Als Hauptgründe für die Einnahmeausfälle nennt die Steuerbehörde das gleichzeitige Wirken von Preis-, Produktions- und Wechselkurseffekten. Der Ölpreis fiel zwischen dem vierten Quartal 2025 und dem ersten Quartal 2026 um 12,1 Prozent auf 50 US-Dollar pro Barrel. Gleichzeitig wertete der russische Rubel auf, was die Einnahmen in Rubel zusätzlich schmälerte. Zudem sank die Fördermenge unter die im Haushaltsplan zugrunde gelegten Werte.
Die geringeren Einnahmen aus der Öl- und Gasförderung werden durch andere Steuerquellen nur unzureichend aufgefangen. Zwar brachten die Anhebung der Mehrwertsteuer und eine vorübergehende Erhöhung der Gewinnsteuer im ersten Halbjahr zusätzliche Mittel. Der zwischenzeitliche Überschuss bei der Gewinnsteuer von 280,7 Milliarden Rubel wird von der FNS jedoch als temporär eingestuft: Für das Gesamtjahr wird ein Fehlbetrag von 134 Milliarden Rubel erwartet.
Schwäche in weiteren Wirtschaftsbereichen
Die Krise zeigt sich auch in anderen Steuerarten. Die Einnahmen aus den Verbrauchsteuern auf Mineralölprodukte blieben im ersten Halbjahr um 10,3 Milliarden Rubel hinter dem Plan zurück, was die FNS auf einen Rückgang der Dieselverkäufe um 8,6 Prozent zurückführt – ein Indikator für nachlassende Wirtschaftsaktivität und sinkende Nachfrage im Güterverkehr. Besonders deutlich fiel das Minus bei den Steuern auf Kerosin aus: Statt der geplanten 39,9 Milliarden Rubel an Subventionen mussten 59,1 Milliarden Rubel gezahlt werden – ein Hinweis auf die anhaltende Abhängigkeit der russischen Zivilluftfahrt von Staatshilfen.
Die Verbrauchsteuer auf Erdgas verfehlte im ersten Halbjahr das Soll um 12,8 Milliarden Rubel. Die Behörde begründet dies mit dem Wegfall ausländischer Absatzmärkte und gesunkenen Transportmengen. Für das Gesamtjahr erwartet die FNS ein Minus von 27,7 Milliarden Rubel bei den innerrussischen Verbrauchsteuern, da auch die Einnahmen aus Steuern auf Autos und Alkohol zurückgehen – Ausdruck einer sinkenden Kaufkraft von Bevölkerung und Unternehmen.
Strategische Bedeutung für Europa
Die russische Steuerbehörde bestätigt mit ihren Zahlen, dass die Haushaltsprobleme chronisch geworden sind und die wichtigsten Einnahmequellen treffen. Der wirtschaftliche Abschwung in Russland bestätigt aus europäischer Sicht die Wirksamkeit der westlichen Sanktionen. Die Versuche Moskaus, die Wirtschaft nach dem Verlust europäischer Abnehmer und dem Wegfall von Technologieimporten umzubauen, sind nach Einschätzung der FNS gescheitert. Die schrumpfenden Einnahmen aus dem Export von Kohlenwasserstoffen begrenzen den finanziellen Spielraum des Staates und erhöhen die langfristigen fiskalischen Risiken – einschließlich der Möglichkeit, dass Mittel für staatliche Programme und Rüstungsausgaben gekürzt werden müssen.


