Der ungarische Ministerpräsident Péter Magyar stellt den mit Russland vereinbarten Ausbau des Atomkraftwerks Paks infrage und lässt das Projekt einer umfassenden Prüfung unterziehen. In einer am 13. August 2026 bekannt gewordenen Stellungnahme äußerte Magyar Zweifel daran, dass die Vereinbarung seines Vorgängers Viktor Orbán mit der russischen Staatsgesellschaft Rosatom erfolgreich umgesetzt werden kann.
„Diese Pläne wurden beschlossen, obwohl Atomkraftwerke, die nicht mit einem geschlossenen Kühlsystem arbeiten und von der Umwelt abhängig sind, weltweit nicht mehr gebaut werden“, sagte Magyar. Er widersprach damit auch der Darstellung Rosatoms, wonach der Bau von zwei neuen Reaktoren in Paks weiterhin nach Zeitplan verlaufe.
Streit über Zeitplan und Baufortschritt
Nach Angaben des ungarischen Regierungschefs hätte das Projekt Paks II nach dem ursprünglichen Vertrag bereits 2024 in Betrieb gehen sollen. Stattdessen seien bisher rund 2,8 Milliarden Euro ausgegeben worden. Dafür gebe es aus seiner Sicht vor allem „Lagerhallen und zwei große Betongruben“. „Ich sehe nicht, dass die russische Seite die Vertragsbedingungen tatsächlich einhält“, sagte Magyar.
Der Generaldirektor von Rosatom, Alexej Lichatschow, hatte zuvor erklärt, die Arbeiten lägen weiterhin im vorgesehenen Zeitplan. Nach seiner Darstellung waren die Betonarbeiten am fünften Reaktorblock zu mehr als 80 Prozent abgeschlossen. Die Arbeiten am sechsten Block würden voranschreiten, außerdem werde bereits die Herstellung von Reaktorkomponenten vorbereitet. Magyar stellte diese Angaben nicht als ausreichenden Nachweis für die Einhaltung des ursprünglichen Vertrags dar.
Die Berichterstattung über Magyars Aussagen zum Paks-II-Abkommen fällt in eine Phase, in der die neue ungarische Regierung die bisherigen Grundlagen des Projekts erneut bewertet. Nach Angaben des Ministerpräsidenten führt die Regierung derzeit eine umfassende Analyse der Vereinbarung durch. Konkrete Entscheidungen über eine Änderung oder Beendigung des Projekts wurden nicht bekannt gegeben.
Abkommen aus dem Jahr 2014
Der Vertrag über die Erweiterung des einzigen ungarischen Atomkraftwerks wurde im Jänner 2014 zwischen der damaligen Regierung unter Viktor Orbán und Rosatom unterzeichnet. Vorgesehen ist der Bau zweier neuer Reaktorblöcke des Typs WWER-1200 mit einer gemeinsamen Leistung von 2,4 Gigawatt.
Die Gesamtkosten des Vorhabens werden mit rund 12,5 Milliarden Euro angegeben. Bis zu zehn Milliarden Euro davon sollte Russland in Form eines staatlichen Kredits bereitstellen. Die Umsetzung war von wiederholten Verzögerungen begleitet. Hinzu kamen rechtliche Auseinandersetzungen mit Aufsichtsstellen der Europäischen Union sowie ökologische Einwände gegen die geplante Kühlung.
Ungarn hatte auch nach dem Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine längere Zeit an der Zusammenarbeit mit Rosatom festgehalten. Die beiden neuen Blöcke gingen jedoch nicht zu den ursprünglich vorgesehenen Terminen in Betrieb. Der Bau ist damit weiterhin nicht abgeschlossen, während zwischen der ungarischen Regierung und Rosatom unterschiedliche Angaben über den Stand und den Zeitplan bestehen.
Wasserstand der Donau beeinflusst Betrieb
Zusätzliche Aufmerksamkeit erhielt die bestehende Anlage Paks durch eine mehrwöchige Periode extremer Hitze und Trockenheit. Der Wasserstand der Donau sank dabei auf ein Rekordtief. In der Folge ging die Stromproduktion des ungarischen Atomkraftwerks um mehr als zehn Prozent zurück.
Paks deckt nach den vorliegenden Angaben rund ein Drittel des ungarischen Strombedarfs. Die bestehenden Reaktoren sind für ihre Kühlung auf Wasser aus der Donau angewiesen. Der Rückgang der Produktion wurde daher im Zusammenhang mit der Verfügbarkeit der Kühlressourcen und den technischen Voraussetzungen des Standorts genannt.
Magyar verwies in diesem Zusammenhang auf die grundsätzliche Frage, ob ein Kühlsystem, das von den Bedingungen der natürlichen Umgebung abhängt, die Grundlage für weitere langfristige Investitionen bilden soll. Eine Entscheidung über die technischen Parameter von Paks II oder über die weitere Zusammenarbeit mit Rosatom liegt nach den vorliegenden Informationen noch nicht vor.
Regierungsprüfung ohne Entscheidung über das Projekt
Die nun angekündigte Prüfung betrifft ein Vorhaben, das Finanzierung, Bauausführung und die langfristige Energieversorgung Ungarns miteinander verbindet. Der Vertrag sieht russische Technologie für zwei neue Reaktoren und eine umfangreiche staatliche Kreditfinanzierung aus Moskau vor. Zugleich ist die bestehende Anlage Paks ein wichtiger Bestandteil der ungarischen Stromversorgung.
Die Aussagen des Ministerpräsidenten markieren damit zunächst eine Neubewertung des unter Orbán vereinbarten Projekts. Sie enthalten noch keine formelle Entscheidung über einen Baustopp, eine Neuverhandlung des Vertrags oder eine Abkehr von Rosatom. Auch die von Lichatschow genannten Baufortschritte wurden von der russischen Seite nicht zurückgenommen.
Für die weitere Behandlung des Vorhabens dürften daher die Ergebnisse der ungarischen Regierungsanalyse maßgeblich sein. Im Zentrum stehen der tatsächliche Baufortschritt, die Einhaltung des ursprünglichen Zeitplans und die Bedingungen des Abkommens, während die Arbeiten an Paks II fortgesetzt beziehungsweise überprüft werden.


