Armenien hat einen internationalen Wettbewerb für die Planung einer Eisenbahnverbindung zwischen Gjumri und dem türkischen Kars ausgeschrieben. Das teilte der armenische Minister für territoriale Verwaltung und Infrastruktur, David Chudatjan, am 26. August 2026 mit. Nach der Auswahl des Auftragnehmers will die Regierung nach eigenen Angaben möglichst rasch mit der Projektierung und anschließend mit dem Bau der Strecke beginnen.
Die geplante Verbindung soll die Eisenbahnnetze Armeniens und der Türkei wieder miteinander verknüpfen. Für Jerewan wäre sie eine zusätzliche Transportverbindung in eine Richtung, die bisher über Jahrzehnte nicht regulär genutzt werden konnte. Die praktische Umsetzung steht allerdings noch am Anfang: Zunächst muss das internationale Auswahlverfahren abgeschlossen werden, danach folgen die Projektierung und die Bauarbeiten.
Arbeitsgruppe befasste sich mit Wiederaufnahme
Bereits im April 2026 traf sich in Kars eine gemeinsame Arbeitsgruppe mit Vertretern Armeniens und der Türkei. Bei dem Treffen ging es um die Wiederherstellung und Aufnahme des Eisenbahnverkehrs zwischen beiden Ländern. Beide Seiten verwiesen dabei auf die Bedeutung einer möglichst schnellen Wiederinbetriebnahme der Strecke im Rahmen eines Ausbaus der regionalen Verkehrsanbindungen.
Die neue Ausschreibung betrifft nach den vorliegenden Angaben zunächst die Projektierungsarbeiten. Armenien begründet die internationale Ausrichtung des Verfahrens damit, dass heimische Planungsunternehmen und Bauorganisationen bisher nicht über ausreichende Erfahrung mit Infrastrukturprojekten dieser Größenordnung verfügen. Die Regierung will daher Unternehmen aus dem internationalen Markt einbeziehen.
Für den Bau des armenischen Abschnitts werden vorläufige Kosten von rund 15 Millionen US-Dollar genannt. Weitere Angaben zu Streckenführung, Bauzeit, Finanzierung oder einem möglichen Termin für die Aufnahme des Bahnverkehrs liegen in den vorliegenden Informationen nicht vor.
Russische Konzession läuft bis 2038
Die Ausschreibung steht zugleich im Zusammenhang mit der besonderen Eigentums- und Betriebsstruktur des armenischen Eisenbahnnetzes. Die bestehenden Eisenbahnen Armeniens werden von der Süd-Kaukasischen Eisenbahn betrieben, einer Tochtergesellschaft der staatlichen russischen Eisenbahngesellschaft RŽD. Grundlage dafür ist ein Konzessionsvertrag aus dem Jahr 2008.
Die Konzession wurde für eine Laufzeit von 30 Jahren vergeben und sieht nach den Angaben zur Vereinbarung die Verwaltung und den Betrieb der armenischen Eisenbahninfrastruktur durch das russische Unternehmen bis 2038 vor. Die bestehende Infrastruktur befindet sich damit in einem System, in dem ein russischer Betreiber eine zentrale Rolle spielt.
Die geplante Strecke zwischen Gjumri und Kars soll dagegen nicht Teil dieser russischen Konzession sein. Nach den vorliegenden Angaben wäre sie unabhängig von der bisherigen Betriebsstruktur und würde Armenien eine zusätzliche Eisenbahnverbindung zur Türkei eröffnen. Damit entstünde neben dem bestehenden Netz ein weiterer Transportweg, dessen Aufbau und Nutzung nicht an den russischen Betreiber gebunden wären.
Direkte Verbindung zwischen Armenien und Türkei
Die Verbindung Gjumri–Kars hätte für beide Staaten zunächst eine bilaterale Bedeutung. Armenien und die Türkei arbeiten damit an einem konkreten Verkehrsprojekt, während die politischen und infrastrukturellen Beziehungen zwischen beiden Ländern über lange Zeit durch eine geschlossene Grenze und Spannungen eingeschränkt waren. Die gemeinsame Arbeitsgruppe in Kars und die nun angekündigte Ausschreibung bilden die bisher genannten praktischen Schritte zur Wiederaufnahme des Bahnverkehrs.
Für Armenien würde ein Anschluss an das türkische Eisenbahnnetz die Möglichkeit schaffen, Transportbeziehungen über die Türkei weiterzuentwickeln. In den vorliegenden Angaben wird dabei auf mögliche Verbindungen in Richtung Schwarzes Meer und europäische Märkte verwiesen. Festgelegt oder bestätigt sind solche weiterführenden Verkehrsströme jedoch noch nicht. Derzeit geht es um die Planung und den Bau der Verbindung zwischen den beiden Städten.
Die politische Bedeutung des Projekts ergibt sich vor allem aus der geplanten zusätzlichen Infrastruktur. Armenien könnte seine Transportverbindungen breiter aufstellen und wäre bei diesem Korridor nicht auf die von russischen Strukturen verwaltete Eisenbahninfrastruktur angewiesen. Zugleich würde die Türkei direkt in ein regionales Bahnprojekt mit Armenien eingebunden. Die bestehende Konzession der Süd-Kaukasischen Eisenbahn bis 2038 bleibt davon nach den vorliegenden Informationen unberührt.
Die Entwicklung wird auch in regionalen Verkehrsdebatten beobachtet, weil der Südkaukasus über Verbindungen zwischen Europa und Asien verfügt. Die Ausschreibung für die Eisenbahnstrecke Gjumri–Kars ist dabei der nächste konkret benannte Verfahrensschritt. Über die weitere Umsetzung sollen nach der Auswahl des internationalen Auftragnehmers die Projektierungsarbeiten entscheiden.


