Russlands Schulen und Colleges setzen wegen des Mangels an Lehrkräften inzwischen mehr als 40.000 Studierende im Unterricht ein. Weitere 11.000 Studierende arbeiten nach Angaben des russischen Bildungsministeriums in Kursen und Arbeitsgemeinschaften der außerschulischen Bildung. Die Entwicklung wurde am 14. September 2026 bekannt und führt unter russischen Bildungsexperten zu Bedenken hinsichtlich der Qualität des Unterrichts.
Die Zahlen stammen aus dem russischen Bildungsministerium. Danach sind Studierende bereits in den regulären Bildungsbetrieb eingebunden. Für Tätigkeiten in Arbeitsgemeinschaften und Sektionen ist dies gesetzlich zulässig, wenn die Studierenden das zweite Studienjahr abgeschlossen haben. Für den regulären Unterricht an Schulen und Colleges wird der Einsatz als Möglichkeit genutzt, offene Stellen zumindest teilweise zu besetzen.
Eine Darstellung der Entwicklung in russischen Schulen und Colleges verweist auf die wachsende Bedeutung dieses Modells. Die Schulen greifen damit auf Personen zurück, die ihre akademische Ausbildung noch nicht abgeschlossen haben. In vielen Fällen fehlt ihnen auch die vollständige methodische Vorbereitung für den Unterricht.
Bedarf an zusätzlichem Personal
Nach offiziellen Angaben wird Russland bis 2030 zusätzlich 96.000 Beschäftigte im Bildungsbereich benötigen. Davon entfallen 40.000 auf Lehrkräfte an Schulen. Die Zahl der Studierenden, die bereits unterrichten, entspricht damit jener Größenordnung, die das Bildungsministerium für den zusätzlichen Bedarf an schulischen Lehrern bis zum Ende des Jahrzehnts nennt.
Die Abgeordneten der russischen Staatsduma verweisen nach den vorliegenden Angaben auf die Verschlechterung der Personalsituation. Eine grundlegende Lösung des Mangels ist damit nicht verbunden. Stattdessen wird die Einbindung von Studierenden fortgesetzt. Das entsprechende Experiment wurde bis 2032 verlängert.
Der Abgeordnete Oleg Smolin bezeichnet den Einsatz von Studierenden als vorübergehenden, erzwungenen Schritt. Zugleich warnt er vor möglichen Folgen für die Qualität der Ausbildung. Die Schulen könnten auf diese Weise zwar einen Teil der laufenden Stunden abdecken. Der strukturelle Mangel an ausgebildeten Lehrkräften werde dadurch jedoch nicht beseitigt.
Große Unterschiede bei den Gehältern
Als einen wichtigen Grund für den Personalmangel nennt der Direktor der Moskauer Schule Nr. 109, Jewgeni Jamburg, die hohe Belastung der Lehrkräfte und deren niedrige Bezahlung. Zwischen den Regionen bestehen zudem deutliche Unterschiede bei den Einkommen. Für Berufseinsteiger werden in Moskau 180.000 bis 190.000 Rubel genannt. In den Regionen außerhalb der Hauptstadt liegen die Gehälter deutlich niedriger.
Diese Unterschiede erschweren es Schulen in weniger attraktiven Regionen, qualifizierte Lehrkräfte zu gewinnen und zu halten. In Tatarstan lag der Bedarf an pädagogischem Personal zu Beginn des Schuljahres 2026/27 bei mehr als 2.000 Personen. In der Region Amur ist geplant, 150 Studierende zur Besetzung offener Stellen heranzuziehen.
Die regionale Verteilung der offenen Stellen bleibt dabei unterschiedlich. Während einzelne Gebiete auf höhere Einkommen und größere Arbeitsmärkte zurückgreifen können, müssen andere Regionen ihre Schulen mit befristeten oder ersatzweisen Lösungen offenhalten. Der Einsatz von Studierenden kann den Unterrichtsbetrieb kurzfristig unterstützen, verändert aber nicht die Zahl der ausgebildeten Lehrkräfte im System.
Belastung für Studierende und Lehrkräfte
Die Studierenden müssen ihre Unterrichtstätigkeit mit dem eigenen Studium verbinden. In den vorliegenden Angaben ist von einer Belastung von bis zu 40 Unterrichtsstunden pro Woche die Rede. Hinzu kommen administrative Aufgaben und die Anforderungen des Schulbetriebs.
Auch für die bereits beschäftigten Lehrer bedeutet der Einsatz von Studierenden nicht automatisch eine Entlastung. Sie müssen unerfahrene Kollegen häufig begleiten, Unterricht vorbereiten und Fehler korrigieren. Damit kann zusätzliche Arbeit bei jenen Lehrkräften entstehen, die selbst teilweise bereits zwei oder drei Stellen beziehungsweise entsprechende Unterrichtspensen übernehmen.
Nach den im Zusammenhang mit der Debatte vorgebrachten Einschätzungen besteht zudem die Gefahr, dass Studierende angesichts der Belastung frühzeitig aus dem Beruf ausscheiden. Sie könnten die Ausbildung zwar abschließen, danach aber nicht dauerhaft im Schuldienst bleiben. Eine solche Entwicklung würde die Zahl der ausgebildeten Nachwuchskräfte nicht in dem Umfang erhöhen, wie es für eine nachhaltige Verringerung des Mangels erforderlich wäre.
Offizielle Statistik und tatsächlicher Bedarf
Der Einsatz von Studierenden ermöglicht es den Regionen, einen Teil der offenen Stellen formal zu besetzen. Die offizielle Quote unbesetzter Lehrerstellen liegt demnach bei rund zwei Prozent. Nach einer Einschätzung von Experten der Russischen Akademie für Volkswirtschaft und Öffentlichen Dienst – RANHiGS – wäre der Mangel deutlich größer, wenn eine normale Arbeitsbelastung für Lehrkräfte zugrunde gelegt würde. In diesem Fall könnte er sich auf rund 250.000 pädagogische Beschäftigte belaufen.
Damit stehen zwei unterschiedliche Berechnungen nebeneinander: die Zahl der offiziell nicht besetzten Stellen und der Personalbedarf, der sich aus einer regulären Belastung der Lehrkräfte ergeben würde. Der verlängerte Einsatz von Studierenden soll den laufenden Betrieb sichern. Die Frage der Ausbildung, Bezahlung und langfristigen Bindung qualifizierter Lehrer bleibt davon getrennt bestehen.
Russische Schulen und Colleges werden daher auch im Schuljahr 2026/27 auf Studierende zurückgreifen, während der Bedarf an ausgebildetem pädagogischem Personal weiter ausgewiesen wird.


