Der brandenburgische Landtagsabgeordnete Sven Hornauf plant für November 2026 eine Reise nach Wizebsk in Belarus. Im Frühjahr 2027 soll ein Besuch in Russland folgen. Was als Wiederbelebung direkter Kontakte zwischen Städten und Menschen angekündigt ist, berührt damit eine politische Trennlinie, die viele deutsche Kommunen nach dem russischen Großangriff auf die Ukraine bewusst gezogen haben.
Hornauf will nach eigenen Angaben eine Delegation von 30 bis 40 Personen zusammenbringen. Die Mehrheit soll keiner Partei angehören. Zugleich könnten Vertreter des Bündnisses Sahra Wagenknecht (BSW), der Alternative für Deutschland (AfD), der Grünen und zivilgesellschaftlicher Organisationen teilnehmen. Die Reisen sind bislang Vorhaben; die endgültige Zusammensetzung, das Programm und die Gesprächspartner stehen nicht fest.
Ein kommunaler Kontakt mit größerer Bedeutung
Die Reise nach Wizebsk soll vom 6. bis zum 11. November 2026 dauern. Für April 2027 ist nach Hornaufs Planung ein ähnlicher Besuch in Russland vorgesehen. Über die Pläne berichtete die Deutsche Welle am 5. Oktober 2026.
Der BSW-Abgeordnete begründet die Initiative mit dem Wunsch, die Zusammenarbeit deutscher Städte mit ihren Partnerstädten in Belarus und Russland wieder aufzunehmen. Er wolle ein „Zeichen im Interesse der Verständigung zwischen den Völkern“ setzen und „regelmäßige Kontakte direkt auf der Ebene der Menschen“ wiederherstellen.
Städtepartnerschaften sind gewöhnlich weniger formell als die Beziehungen zwischen Regierungen. Sie umfassen Schüleraustausch, Kulturveranstaltungen, Sportbegegnungen oder Kontakte zwischen Verwaltungen. Gerade diese Nähe zum Alltag macht sie zu einem möglichen Kanal, wenn die staatliche Diplomatie blockiert ist.
Doch die Trennung zwischen kommunaler Begegnung und Außenpolitik wird schwieriger, sobald gewählte Abgeordnete eine Delegation organisieren und sie in Ländern auftritt, deren Behörden öffentliche Institutionen und internationale Kontakte eng kontrollieren. Ein Treffen kann dann zugleich als persönlicher Austausch und als politisches Bild verstanden werden.
Warum die alten Verbindungen pausieren
Nach Beginn der russischen Vollinvasion der Ukraine haben zahlreiche deutsche Kommunen ihre Partnerschaften mit Städten in Russland und Belarus ausgesetzt oder beendet. Die Entscheidungen standen im Zusammenhang mit dem Krieg und mit der engen politischen und militärischen Anlehnung von Belarus an Moskau.
Eine Wiederaufnahme wäre deshalb nicht nur eine Verwaltungsentscheidung. Sie würde Kanäle öffnen, die viele Städte gerade wegen des Krieges geschlossen haben. Ihre Bedeutung hinge davon ab, welche deutschen Kommunen beteiligt wären, mit welchen Einrichtungen die Delegation spräche und ob die Kontakte informell blieben oder offiziell sichtbar gemacht würden.
Für die Initiatoren kann der direkte Austausch ein Weg sein, Beziehungen zwischen Gesellschaften nicht vollständig abreißen zu lassen. Für Kritiker liegt darin dagegen das Risiko, dass die politischen Rahmenbedingungen ausgeblendet werden. Russland führt weiterhin Krieg gegen die Ukraine, während Belarus eng an der Seite Moskaus steht. Unter diesen Umständen kann ein deutscher Besuch in Wizebsk oder Russland kaum als rein unpolitischer Vorgang behandelt werden.
Das bedeutet nicht, dass jedes Gespräch mit Menschen in Belarus oder Russland automatisch die Politik ihrer Regierungen unterstützt. Auch folgt aus der Teilnahme an einer Städtepartnerschaft nicht, dass alle Delegierten dieselben Ziele verfolgen. Entscheidend ist, ob staatliche oder staatsnahe Stellen die Begegnung empfangen, begleiten und öffentlich für ihre eigene Darstellung nutzen können.
Eine ungewöhnliche politische Schnittmenge
Besondere Aufmerksamkeit dürfte die mögliche Zusammensetzung der Reisegruppe auf sich ziehen. BSW und AfD unterscheiden sich in Geschichte, politischem Selbstverständnis und vielen innenpolitischen Fragen deutlich. Zugleich vertreten Politiker beider Parteien Positionen, die sich gegen eine dauerhafte politische Distanz zu Moskau richten und den bisherigen deutschen Kurs gegenüber Russland oder die westliche Unterstützung für die Ukraine kritisieren.
Ein gemeinsamer Besuch würde diese begrenzte Schnittmenge sichtbar machen. Er wäre jedoch nicht automatisch der Beleg für ein umfassendes Bündnis. Nach Hornaufs Angaben sollen die meisten Teilnehmer parteilos sein; ob Vertreter der genannten Parteien tatsächlich mitreisen, ist offen. Auch aus einer gemeinsamen Reise ließen sich nicht ohne Weiteres identische Motive aller Beteiligten ableiten.
Die parteiübergreifende Zusammensetzung könnte der Initiative dennoch den Anschein einer breiteren gesellschaftlichen Bewegung geben. Eine Delegation aus Abgeordneten, parteilosen Bürgern und Organisationen wäre politisch sichtbarer als ein rein privater Austausch zwischen zwei Kommunen. Genau diese Sichtbarkeit könnte wiederum den Gastgebern in Belarus und Russland zugutekommen.
Eine offizielle Begrüßung, gemeinsame Auftritte oder die Ankündigung erneuerter Städtebeziehungen könnten als Zeichen dargestellt werden, dass die europäische Distanz zu Minsk und Moskau nachlässt. Das mögliche propagandistische Potenzial sagt allerdings noch nichts über die Absichten der Reisenden aus. Es ergibt sich aus dem Format, dem Ort und der politischen Lage.
Was über die Wirkung entscheidet
Die konkrete Ausgestaltung wird deshalb entscheidend sein. Ein informelles Treffen unabhängiger Vereine hätte eine andere Bedeutung als ein Empfang durch kommunale oder staatlich kontrollierte Institutionen. Auch eine private Initiative von Abgeordneten wäre nicht dasselbe wie eine formelle Vereinbarung deutscher Stadtvertretungen mit Partnerkommunen in Belarus oder Russland.
Unklar ist bislang, welche deutschen Städte an einer möglichen Wiederaufnahme beteiligt wären und welche Gesprächspartner in Wizebsk und später in Russland vorgesehen sind. Ebenso offen bleibt, ob beide Reisen stattfinden. Die Ankündigung beschreibt daher zunächst eine politische Absicht, keine bereits etablierte neue Form kommunaler Zusammenarbeit.
Deutschland und die übrigen EU-Staaten bemühen sich, den politischen Druck auf Russland und Belarus aufrechtzuerhalten und ihre Unterstützung für die Ukraine nicht durch Signale einer Normalisierung zu relativieren. Eine deutsche Delegation, die ausdrücklich die Wiederherstellung eingefrorener Städtebeziehungen anstrebt, könnte deshalb als Gegenentwurf zu dieser gemeinsamen Linie wahrgenommen werden.
Die Reisepläne holen ein vertrautes Instrument des gesellschaftlichen Austauschs zurück in die außenpolitische Debatte. Ob daraus ein begrenzter Kontakt zwischen Bürgern entsteht oder ein weithin sichtbares politisches Signal, wird nicht nur davon abhängen, was die Delegierten sagen. Ausschlaggebend wird sein, wer sie empfängt, welche Beziehungen tatsächlich wiederbelebt werden und wie Belarus und Russland den Besuch öffentlich einordnen.
Die Deutsche Welle berichtete über die geplanten Reisen.


