Wie der Grazer Verein „Pamjat“ russische Erinnerungspolitik in Österreich verankert

Oktober 7, 2026 17:27
Wie der Grazer Verein „Pamjat“ russische Erinnerungspolitik in Österreich verankert
Wie der Grazer Verein „Pamjat“ russische Erinnerungspolitik in Österreich verankert

Der österreichische Verein „Pamjat“ tritt als Forschungs- und Bildungszentrum für Kulturgeschichte sowie österreichisch-russische Beziehungen auf. Zugleich zeigen seine öffentlichen Aktivitäten, seine Kontakte zu russischen Staatsstellen und die Aussagen seiner Leiterin ein enges Arbeitsverhältnis mit Moskaus staatlicher Auslands- und Erinnerungspolitik.

Im Zentrum steht eine Frage, die über einzelne Gedenkveranstaltungen hinausweist: Wo endet legitime historische Arbeit – und wo beginnt der Versuch, über Museen, Archive und Gedenktage politischen Einfluss auszuüben?

Ein Verein mit offizieller Schnittstellenfunktion

Gegründet wurde „Pamjat“ am 28. November 2016 in Graz. Als Vereinszweck wurden unabhängige wissenschaftliche und kulturpädagogische Forschungen zu kulturhistorischen Themen und den österreichisch-russischen Beziehungen angegeben. Geleitet wird die Organisation von der russischen Staatsbürgerin Julia Egger, die an der Staatlichen Universität Kuban studierte und früher als Korrespondentin für die Nachrichtenagentur RIA Nowosti sowie die Zeitung Komsomolskaja Prawda arbeitete. Seit 2013 war sie außerdem Chefredakteurin der russischsprachigen österreichischen Zeitung „Dawai“.

Egger gründete „Pamjat“ gemeinsam mit Alexandra Kolb. Nach außen handelt es sich um eine österreichische Nichtregierungsorganisation. In der praktischen Arbeit ist der Verein jedoch eng mit der russischen Botschaft in Österreich, der staatlichen Agentur Rossotrudnitschestwo und dem Russischen Haus in Wien verbunden. Diese Einrichtungen gehören zum Umfeld der russischen staatlichen Auslandsarbeit und der sogenannten öffentlichen Diplomatie.

Wie weit diese Verbindung reicht, beschrieb Egger selbst in einem am 28. November 2025 veröffentlichten Interview mit dem Informationsportal der Stiftung Russki Mir. Anfragen, die bei der russischen Botschaft, dem Russischen Zentrum für Wissenschaft und Kultur sowie beim Österreichischen Schwarzen Kreuz eingehen, würden demnach an „Pamjat“ weitergeleitet. Der Verein bearbeite außerdem Anfragen des russischen Außenministeriums. Die Zusammenarbeit mit Rossotrudnitschestwo bezeichnete Egger als „praktisch ideal“.

Damit beschreibt die Vereinsleiterin nicht nur gelegentliche Kooperationen, sondern eine wiederkehrende Vermittlungsrolle zwischen russischen Staatsstellen und österreichischen Ansprechpartnern. Seit 2018 dankte sie russischen Diplomaten in Wien und Salzburg öffentlich für gemeinsame Fahrten und für deren Reaktion auf Hinweise zu sowjetischen Militärgräbern. Russische Regierungsressourcen würdigten zudem ihren Beitrag zu einem russischen Gedenkbuch.

Gedenken als dauerhafte Infrastruktur

Von 2022 bis 2025 organisierte „Pamjat“ gemeinsam mit Rossotrudnitschestwo jährlich Reisen und Vortragsveranstaltungen im Lern- und Gedenkzentrum Schloss Hartheim. Der Verein arbeitet außerdem mit dem Österreichischen Schwarzen Kreuz, Bezirkshauptmannschaften, der Polizei und Bestattungsunternehmen zusammen. Er übermittelt Archivangaben für die Gestaltung sowjetischer Gräber am Wiener Zentralfriedhof und steht nach den vorliegenden Angaben auch mit dem österreichischen Innenministerium, der KZ-Gedenkstätte Mauthausen sowie dem KZ-Verband/VdA in Kontakt.

Diese Verbindungen verleihen dem Verein Zugang zu einem breiten Feld österreichischer Institutionen. Die Zusammenarbeit ist dabei nicht automatisch ein Beleg für politische Einflussnahme: Exhumierungen, die Identifizierung von Gefallenen und die Pflege von Kriegsgräbern sind zunächst konkrete historische und administrative Aufgaben. Politisch relevant wird die Infrastruktur dort, wo sie mit russischen Staatsbotschaften und offiziellen Deutungen des Zweiten Weltkriegs verbunden wird.

Auf seiner Internetseite veröffentlichte „Pamjat“ etwa einen ausführlichen Kommentar der russischen Botschaft zu einer Beschädigung einer Gedenkstätte. Darin wurden auch politische Bewertungen der diplomatischen Vertretung und der Hinweis auf eine Protestnote an das österreichische Außenministerium wiedergegeben. Der Verein fungierte damit nicht lediglich als Archiv oder Organisator einer Gedenkveranstaltung, sondern als Verstärker der Position eines ausländischen Staates.

Finanzierung über den „Pravfond“

Eine zentrale Rolle spielt nach den vorliegenden Angaben der Fonds zur Unterstützung und zum Schutz der Rechte von Landsleuten im Ausland, kurz „Pravfond“. Der Fonds wurde per Erlass des russischen Präsidenten unter Beteiligung des Außenministeriums und Rossotrudnitschestwos gegründet. „Pamjat“ soll daraus wiederholt Fördermittel erhalten haben.

Internationale Recherchen des Organized Crime and Corruption Reporting Project (OCCRP) sowie Angaben europäischer Nachrichtendienste ordnen den „Pravfond“ einem Netzwerk zu, das zur Finanzierung kremlnaher Strukturen und operativer Aktivitäten außerhalb Russlands genutzt werde. Dabei wird auch eine Steuerung durch den russischen Auslandsnachrichtendienst und den Inlandsgeheimdienst FSB beschrieben. Diese Einschätzungen sind eine externe Bewertung des Fonds; sie beweisen für sich allein nicht, dass jede Tätigkeit des österreichischen Vereins illegal ist oder dass einzelne Mitarbeiter verdeckt für russische Dienste arbeiten.

Der politische Nutzen einer solchen Finanzierung liegt vor allem in der Reichweite. Ein Verein, der sich mit Gräbern, Archiven und Gedenkorten beschäftigt, kann Kontakte zu Gemeinden, Behörden und Kulturinstitutionen pflegen, ohne bei jedem Auftritt als politischer Akteur wahrgenommen zu werden. Zugleich können Veranstaltungen im Namen historischer Erinnerung russische Botschaften über Neutralität, die Beziehungen zu Moskau und den Krieg gegen die Ukraine in einen scheinbar unpolitischen Rahmen stellen.

Egger und Kolb nahmen wiederholt an regionalen und internationalen Veranstaltungen russischer staatlicher oder staatsnaher humanitärer Einrichtungen teil. Egger sprach am 13. Dezember 2024 bei der vierten internationalen Konferenz „Die Schlacht um Moskau“ und am 21. April 2025 bei der fünften Konferenz „Wir bewahren die Erinnerung an den Großen Sieg“. Vom 20. bis 22. Oktober 2025 beteiligte sie sich an der 17. Versammlung der Russischen Welt. Am 3. Dezember 2025 trat sie erneut bei der Konferenz „Die Schlacht um Moskau“ in der russischen Hauptstadt auf. Kolb nahm bereits vom 1. bis 4. Dezember 2017 an der Konferenz der Suchbewegung „Schicksal des Soldaten“ teil.

Vom Gedenkort zum politischen Resonanzraum

Bei der Versammlung der Russischen Welt im Oktober 2025 erhielt Egger von der Stiftung Russki Mir ein Ehrenzeichen für die Bewahrung des historischen Gedächtnisses. Die Veranstaltung brachte sie mit Vertretern russischer und belarussischer staatlicher sowie kremlnaher Medien zusammen. Ein Moderator ordnete ausländische Teilnehmer öffentlich den Unterstützern der Ziele der „Russischen Welt“ zu. In der Debatte wurde zugleich die kremlnahe Behauptung verbreitet, der Westen habe die Lehren des Zweiten Weltkriegs aufgegeben.

Die Stiftung Russki Mir steht wegen der Verbreitung antiukrainischer Propaganda, der Infragestellung der ukrainischen Souveränität und der Rechtfertigung russischer Aggression unter Sanktionen der Europäischen Union. Eggers Auftritte stellen deshalb eine politische Verbindung her, die über eine rein fachliche Beschäftigung mit Erinnerungskultur hinausgeht.

Auch die öffentliche Sprache des Zentrums weist in diese Richtung. Bei der Moskauer Konferenz im Dezember 2024 sprach Egger von einer „historischen Amnesie, die durch Europa schreitet“. In einem am 30. Oktober 2025 veröffentlichten Interview verwendete sie die offizielle russische Bezeichnung „Spezialoperation“ für den Krieg gegen die Ukraine. Eine unabhängige Einordnung der russischen Geschichtspolitik oder der ukrainischen Erinnerungspolitik ist in den beschriebenen Auftritten nicht erkennbar; stattdessen werden wiederkehrende Deutungsmuster des russischen Staates aufgegriffen.

Im Februar 2026 veranstaltete „Pamjat“ im Wiener Russischen Haus eine Gedenkveranstaltung zum 81. Jahrestag der Massenflucht sowjetischer Kriegsgefangener aus dem Block 20 des Konzentrationslagers Mauthausen. Die Erinnerung an dieses Verbrechen ist historisch und menschlich bedeutsam. Ihre Einbettung in das Programm einer sanktionierten russischen Auslandsinstitution kann jedoch zugleich dazu dienen, dieser Institution einen positiven öffentlichen Rahmen zu geben und ihre Präsenz in Österreich zu normalisieren.

Für Juni 2026 ist zudem eine gemeinsame Aktion von „Pamjat“ und der russischen diplomatischen Vertretung unter dem Titel „Garten der Erinnerung“ vorgesehen beziehungsweise angekündigt. Nach den vorliegenden Angaben soll der russische Botschafter Andrei Grozov daran teilnehmen. Bis Ende 2026 plant der Verein außerdem die Ausstellung „Gegenstände erzählen“, weitere Archivrecherchen und Vorträge.

Der Fall zeigt damit weniger einen einzelnen spektakulären Auftritt als ein langfristiges Modell: Russische staatliche Stellen, ein österreichischer Verein, historische Gedenkarbeit und finanzielle Förderung greifen ineinander. Ob österreichische Behörden diese Kooperationen ausschließlich als legitime Kultur- und Erinnerungsarbeit behandeln oder die politische Funktion der Netzwerke stärker prüfen, bleibt die entscheidende offene Frage.

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