Russlands Unternehmen erzielen weiterhin hohe Gewinne – doch die Zone wirtschaftlicher Verwundbarkeit wird größer. In den ersten sieben Monaten 2026 stieg die Zahl der Branchen, in denen die Verluste die Gewinne übertrafen, von drei auf elf. Neu betroffen sind unter anderem Metallurgie, Fahrzeugbau, Holzverarbeitung sowie Sport, Unterhaltung, Bibliotheken und Museen.
Die Entwicklung zeigt keinen einheitlichen Zusammenbruch der russischen Wirtschaft. Sie weist vielmehr auf eine schmaler werdende Sicherheitsmarge hin: Kredite bleiben teuer, Arbeitskräfte knapp, Lieferwege kompliziert und Verbraucher vorsichtig. Die Zahlen wurden am 7. Oktober von Iswestija unter Berufung auf Daten des russischen Statistikamts Rosstat veröffentlicht.
Mehr Unternehmen rutschen ins Minus
Rosstats Statistik zur Finanzlage umfasst rund 70.000 große und mittlere Organisationen. Etwa 43.000 von ihnen schlossen den Zeitraum von Januar bis Juli mit einem Gewinn ab, rund 22.000 meldeten Verluste. Der Anteil der Verlustunternehmen stieg binnen Jahresfrist von 30,6 auf 33,4 Prozent – ein Anstieg um 2,8 Prozentpunkte.
Die Erhebung bildet allerdings nicht die gesamte Wirtschaft ab. Kleinunternehmen, Banken, nicht kreditgebundene Finanzorganisationen sowie staatliche und kommunale Einrichtungen sind nicht enthalten. Die Zahlen lassen deshalb keine präzise Aussage über jeden Teil der russischen Wirtschaft zu. Auffällig ist jedoch, dass sich die Verschlechterung bereits bei größeren Unternehmen zeigt, die meist besseren Zugang zu Kapital und größere Rücklagen haben.
Nach Abzug der Verluste erzielten die erfassten Organisationen insgesamt noch rund 13 Billionen Rubel Gewinn. Das waren 16 Prozent weniger als im gleichen Zeitraum 2025. Russlands Unternehmenssektor bleibt damit im Aggregat profitabel, stützt dieses Ergebnis aber auf eine schmaler werdende Gruppe erfolgreicher Branchen.
Das größte negative Saldo verzeichnete die Metallurgie: Dort überstiegen die Verluste die Gewinne um 269 Milliarden Rubel. In der Finanz- und Versicherungswirtschaft betrug das Minus 247 Milliarden, im Kohlebergbau 178 Milliarden und im sonstigen Landpersonenverkehr 55 Milliarden Rubel. Im Fahrzeugbau lagen die Verluste um knapp vier Milliarden Rubel über den Gewinnen.
Zur Liste der Verlustbereiche kamen außerdem die Gewinnung von Sand, Kreide, Salz und anderen Rohstoffen, Forstwirtschaft und Holzeinschlag hinzu. Dass nun auch Freizeit- und Kultureinrichtungen erfasst werden, erweitert die wirtschaftliche Aussage der Statistik: Die Belastung betrifft nicht mehr nur exportorientierte Industrie oder den Rohstoffsektor, sondern auch Dienstleistungen, die von der Nachfrage der privaten Haushalte abhängen.
Teures Geld bremst die Erneuerung
Ein unmittelbarer Druck auf die Bilanzen sind die Finanzierungskosten. Zwar sank der Leitzins auf 14 Prozent, Unternehmenskredite kosten jedoch häufig weiterhin mehr als 20 Prozent. Ein größerer Teil der Einnahmen fließt damit in Zinszahlungen, statt für Maschinen, Lagerbestände, Modernisierung oder neue Produktionslinien zur Verfügung zu stehen.
Die Investitionen in Sachanlagen gingen im ersten Halbjahr 2026 im Jahresvergleich um zehn Prozent zurück. Unternehmen verschieben offenbar Vorhaben, wenn die Finanzierung teuer und die Absatzperspektive unsicher ist. Kurzfristig kann das Liquidität schonen. Langfristig bleiben dadurch jedoch ältere Anlagen, geringere Produktivität und eine stärkere Abhängigkeit von teurer Arbeitskraft bestehen.
Die laufenden Kosten steigen gleichzeitig weiter. Unternehmen müssen mehr für Löhne, Treibstoff, Transporte und Lieferungen ausgeben. Die Erhöhung der Mehrwertsteuer zu Beginn des Jahres hat die Kostenbasis zusätzlich belastet. Wegen der schwachen Nachfrage können viele Firmen diese Mehrbelastungen nur begrenzt an ihre Kunden weitergeben. Höhere Preise könnten den Absatz weiter verringern.
Besonders deutlich ist der Druck am Arbeitsmarkt. Mobilisierung, der Wegzug von Menschen im erwerbsfähigen Alter und der Wechsel qualifizierter Beschäftigter in die Rüstungsindustrie haben den Personalmangel in zivilen Branchen verschärft. Rüstungsnahe Unternehmen können häufig höhere Löhne zahlen. Zivile Betriebe müssen deshalb ihre Vergütung anheben, ohne dass die Produktivität im gleichen Maß steigt.
Für viele Unternehmen entsteht ein schwieriger Zielkonflikt: Sie können höhere Löhne zahlen, um Beschäftigte zu halten, oder zu hohen Zinsen investieren, um fehlende Arbeitskräfte durch Technik zu ersetzen. Beides belastet die Gewinne. Wer weder investieren noch ausreichend Personal gewinnen kann, muss mit geringerer Produktion oder längeren Lieferzeiten rechnen.
Neue Handelswege bringen neue Kosten
Die Sanktionen gegen Russland als Reaktion auf den Krieg gegen die Ukraine erschweren den Zugang zu vertrauten Absatzmärkten, modernen Technologien und importierten Komponenten. Russische Unternehmen haben Handelsströme teilweise nach Asien und Afrika verlagert. Diese Umorientierung beseitigt die Handelsprobleme jedoch nicht: Die Routen sind häufig länger, Lieferketten komplizierter und Transporte teurer.
Zusätzliche Kosten können entstehen, wenn Zwischenhändler eingesetzt werden oder grenzüberschreitende Zahlungen über alternative Strukturen abgewickelt werden müssen. Die verfügbaren Zahlen zeigen nicht, welchen Anteil die Sanktionen allein an den Verlusten einer bestimmten Branche haben. Sie machen aber sichtbar, dass außenwirtschaftliche Reibung zu den bereits hohen inländischen Finanzierungs-, Lohn- und Transportkosten hinzukommt.
Für Exporteure ist außerdem der starke Rubel problematisch. Sein nominaler effektiver Wechselkurs lag im Januar bis Juni 2026 um zwölf Prozent über dem Vorjahresniveau. Einnahmen in ausländischer Währung bringen bei der Umrechnung dadurch weniger Rubel ein, während Löhne, Treibstoff, Wartung und Transport innerhalb Russlands teurer werden. Das drückt besonders auf Unternehmen, deren Margen durch längere Lieferwege und teurere Vorprodukte bereits geschrumpft sind.
Die Folgen unterscheiden sich je nach Branche. Metallproduzenten leiden unter ungünstigeren Absatz- und Beschaffungsbedingungen. Der Fahrzeugbau bleibt von Finanzierung, Komponenten und Logistik abhängig. Verkehrsunternehmen müssen mehr für den Betrieb ihrer Flotten ausgeben. Dienstleister wiederum sind auf Kunden angewiesen, die bereit sind, Geld für nicht unbedingt notwendige Angebote auszugeben.
Die Vorsicht der Verbraucher erreicht Kultur und Freizeit
Hohe Einlagenzinsen machen es für Haushalte attraktiv, Geld zu sparen, statt es auszugeben. Das ist kein direkter Beweis für sinkende Einkommen. Es erhöht jedoch die Wahrscheinlichkeit, dass Verbraucher Ausgaben für Sport, Unterhaltung oder kulturelle Angebote verschieben. Gerade diese Bereiche tauchen nun in der Liste der Verlustbranchen auf.
Ihre Kosten lassen sich kurzfristig nur schwer reduzieren. Löhne, Mieten, Wartung und der Betrieb von Gebäuden laufen weiter, auch wenn weniger Menschen Eintrittskarten kaufen oder Dienstleistungen nutzen. Ein moderater Umsatzrückgang kann deshalb ausreichen, um eine Organisation in die Verlustzone zu bringen.
Die Ausweitung der Verlustliste auf Museen, Bibliotheken und Freizeitangebote deutet damit auf eine schwächere Binnennachfrage hin. Sie misst nicht unmittelbar das verfügbare Einkommen der Bevölkerung, passt aber zu einem Umfeld, in dem hohe Sparanreize, Unsicherheit und steigende Preise die Ausgaben für aufschiebbare Leistungen bremsen.
Weniger Spielraum für Regionen
Die Verschlechterung zeigt sich auch regional. In elf der 85 Föderationssubjekte, die in der Statistik vertreten sind, überstiegen die Verluste der Organisationen in den ersten sieben Monaten 2026 die Gewinne. Im Vorjahreszeitraum war das erst in sieben Regionen der Fall.
Das kann die öffentlichen Haushalte über die Gewinnsteuer treffen. Rund zwei Drittel dieser Steuer fließen in Russland an die Regionen. Wenn Unternehmen weniger verdienen, schrumpft tendenziell auch die steuerliche Grundlage. Regionalen Behörden bleibt dann weniger Spielraum für Infrastruktur, kommunale Versorgung und soziale Verpflichtungen.
Die Regionalzahlen belegen nicht, dass alle betroffenen Gebiete bereits vollständig von Transfers aus Moskau abhängig sind. Sie zeigen aber eine ungünstigere Balance zwischen lokaler Wirtschaftskraft und öffentlichen Ausgaben. In Regionen mit wenigen großen Arbeitgebern können geringere Unternehmensgewinne zugleich Steuereinnahmen, Beschäftigung und Zulieferer unter Druck setzen.
Russlands Wirtschaft ist damit nicht insgesamt in die Verlustzone gerutscht. Die erfassten Unternehmen erwirtschaften weiterhin Billionen Rubel. Doch die Zahl der Branchen, die ihre Kosten nicht mehr zuverlässig decken, wächst – und der Rückgang der Investitionen verringert den Spielraum, diese Entwicklung umzukehren. Entscheidend wird sein, ob teure Kredite, Arbeitskräftemangel und vorsichtige Verbraucher eine vorübergehende Belastung bleiben oder sich zu einer dauerhaften Bremse für Unternehmen und Regionen entwickeln.


