Russlands Staat wartet auf die Leistung: Offene Vorschüsse erreichen 1,5 Billionen Rubel

Oktober 13, 2026 14:43
Russlands Staat wartet auf die Leistung: Offene Vorschüsse erreichen 1,5 Billionen Rubel
Russlands Staat wartet auf die Leistung: Offene Vorschüsse erreichen 1,5 Billionen Rubel

Russische Unternehmen haben Ende 2025 staatliche Vorschüsse in Höhe von 1,5 Billionen Rubel nicht fristgerecht abgerechnet oder zurückgezahlt. Zugleich stiegen die gesamten Forderungen des Staates gegenüber Unternehmen auf 16,9 Billionen Rubel. Damit bleibt ein erheblicher Teil öffentlicher Mittel an Verträge gebunden, die noch nicht vollständig erfüllt, abgenommen oder formal abgeschlossen sind.

Die Zahlen wurden am 12. Oktober 2026 von Wedomosti unter Berufung auf die Einschätzung des russischen Rechnungshofs zur Ausführung des Bundeshaushalts 2025 veröffentlicht. Sie zeigen ein widersprüchliches Bild: Der jährliche Zuwachs der Forderungen hat sich deutlich verlangsamt, der aufgelaufene Bestand ist aber weiter gestiegen.

Der Anstieg wird langsamer, der Bestand bleibt hoch

Die überfälligen Forderungen aus staatlichen Vorschüssen beliefen sich 2020 auf 477,2 Milliarden Rubel. Bis Ende 2025 haben sie sich damit mehr als verdreifacht. Allein im vergangenen Jahr wuchs dieser Betrag um 675,5 Milliarden Rubel beziehungsweise 4,2 Prozent.

Das Tempo liegt deutlich unter den Zuwachsraten der Vorjahre. Für 2022 wird ein Anstieg um 52,8 Prozent ausgewiesen, für 2023 um 32,3 Prozent und für 2024 um 32,2 Prozent. Der langsamere Zuwachs bedeutet jedoch nicht, dass alte Verpflichtungen abgebaut wurden. Der offene Betrag nahm auch 2025 weiter zu.

Aus den veröffentlichten Zahlen lässt sich nicht eindeutig ablesen, warum sich das Wachstum abgeschwächt hat. Möglich sind weniger neue Vorschüsse, die Fertigstellung einzelner Verträge oder eine Kombination mehrerer Faktoren. Ein geringerer jährlicher Anstieg kann daher sowohl auf eine beginnende Bereinigung als auch auf eine vorsichtigere Vergabe neuer Mittel hindeuten.

Ende 2025 machten die überfälligen Vorschüsse rund neun Prozent der gesamten staatlichen Forderungen aus. Diese umfassendere Position ist innerhalb von sieben Jahren von 3,9 Billionen Rubel im Jahr 2019 auf 16,9 Billionen Rubel gestiegen. Nach den im Haushaltsbericht genannten Zahlen entspricht das etwa 39,3 Prozent der gesamten Barausgaben des Bundeshaushalts.

Industrie und Infrastruktur führen die offene Liste an

Den größten Betrag in der öffentlich zugänglichen Aufstellung zu Vorschüssen weist das Ministerium für Industrie und Handel aus. Seine offenen Forderungen beliefen sich auf 321,2 Milliarden Rubel und stiegen innerhalb eines Jahres um 118,5 Milliarden Rubel beziehungsweise 30 Prozent.

Auf Platz zwei folgt das Verkehrsministerium mit 298,5 Milliarden Rubel. Dort nahm die Position um 51,3 Milliarden Rubel zu. Das Bauministerium kam auf 202,1 Milliarden Rubel, ein Plus von 69,1 Milliarden oder 34,6 Prozent.

Den stärksten prozentualen Anstieg unter den in der Aufstellung hervorgehobenen Ressorts verzeichnete das Ministerium für die Entwicklung des Fernen Ostens und der Arktis. Seine Forderungen erhöhten sich um 70,2 Prozent auf 175,4 Milliarden Rubel.

Die Beträge stehen für Mittel, die im Rahmen staatlicher Verträge vorab ausgezahlt wurden, deren Verwendung, Lieferung oder Abrechnung zum Ende des Berichtszeitraums aber noch nicht vollständig abgeschlossen war. Eine offene Forderung ist deshalb nicht automatisch ein Beleg für Betrug oder absichtliche Nichterfüllung. Verträge können wegen ausstehender Arbeiten, nicht akzeptierter Unterlagen, geänderter Fristen oder laufender Abrechnungen offen bleiben.

Die Größe und Dauer der Positionen schaffen dennoch ein erhebliches Problem für die Haushaltssteuerung. Solange ein Vertrag nicht abgeschlossen, ein Vorschuss nicht zurückgeführt oder eine Forderung formal bereinigt ist, kann der Staat das Geld nicht ohne Weiteres für andere Vorhaben einsetzen.

Wenn der Vorschuss während der Ausführung an Wert verliert

Ein möglicher Druckfaktor ist der Zeitraum zwischen Auszahlung und Abschluss eines Vertrags. Wird ein Vorschuss anhand der Preise für Rohstoffe, Transport und Arbeitskraft zum Zeitpunkt des Vertragsabschlusses berechnet, kann die Inflation seine Kaufkraft während eines länger laufenden Projekts verringern. Das ursprünglich veranschlagte Geld reicht dann möglicherweise nicht mehr aus, um den vorgesehenen Leistungsabschnitt zu finanzieren.

Nach den vorliegenden Angaben können Vorschüsse in manchen Verträgen einen sehr hohen Anteil des Auftragswerts erreichen, in einzelnen Fällen bis zu 100 Prozent. Steigen Material-, Logistik- und Lohnkosten stärker als der vereinbarte Preis, müssen Auftragnehmer unter Umständen eigene Mittel einsetzen, um die Arbeiten fortzuführen. Das kann Margen verringern, Zahlungen an Subunternehmer verzögern und den Finanzierungsbedarf bei Banken erhöhen.

Auch praktische Engpässe können eine Erklärung für Verzögerungen sein. Ein Mangel an qualifizierten Arbeitskräften, unterbrochene Rohstofflieferungen oder Schwierigkeiten bei der Beschaffung importierter Anlagen können dazu führen, dass ein Unternehmen zwar über Finanzierung, nicht aber über die nötigen Menschen, Komponenten oder Maschinen verfügt. Der Auftrag bleibt dann offen, bis die Leistung geliefert und formal abgenommen ist.

Für die Unternehmen kann das Vertragsstrafen, Verzugszahlungen oder das Risiko eines Eintrags in das Register unzuverlässiger Lieferanten bedeuten. Die verfügbaren Zahlen zeigen allerdings nicht, welchen Anteil Inflation, Arbeitskräftemangel, Lieferprobleme, Vertragsänderungen oder andere Ursachen an den 1,5 Billionen Rubel haben.

Warum Jahresendverträge die Abrechnung erschweren

Auch der Zeitpunkt staatlicher Auftragsvergaben kann die Lücke zwischen Zahlung und Leistung vergrößern. Werden Verträge im vierten Quartal geschlossen und muss die Arbeit bis zum 31. Dezember abgeschlossen sein, bleiben für Produktion, Transport, Prüfung und Abnahme mitunter nur wenige Wochen. Der Vorschuss ist dann bereits überwiesen, während der Auftrag noch nicht fertiggestellt werden kann.

Ohne unterschriebene Abnahmeunterlagen wird die Schlusszahlung möglicherweise nicht freigegeben, und die Verpflichtung verschiebt sich in das nächste Haushaltsjahr. Zu Jahresbeginn können Haushaltsmittel vorübergehend blockiert sein, während Programme verlängert, neu geordnet oder formal neu aufgelegt werden. Das Unternehmen muss in dieser Zeit weiterhin Löhne, Lieferanten und Bankverbindlichkeiten bedienen.

Ein solcher Ablauf beweist für sich genommen weder eine unrechtmäßige Vergabe noch eine absichtliche Verzögerung. Er kann aber aus einem zeitlichen oder administrativen Problem eine länger anhaltende Belastung der Liquidität machen. Für den Staat bleibt der Vorschuss als offene Forderung bestehen; für den Auftragnehmer können sich zugleich Verpflichtungen gegenüber Beschäftigten, Subunternehmen und Kreditgebern aufbauen.

Das erschwert auch die Bewertung des Zuwachses von 4,2 Prozent. Wenn weniger neue Verträge mit Vorschüssen finanziert wurden, kann sich das Wachstum verlangsamen, obwohl ältere Verpflichtungen ungelöst bleiben. Wenn dagegen tatsächlich mehr Projekte abgeschlossen und Forderungen bereinigt wurden, wäre das ein substanziellerer Wandel. Die genannten Daten unterscheiden nicht eindeutig zwischen diesen Möglichkeiten.

16,9 Billionen Rubel gebundene Liquidität

Die Gesamtsumme von 16,9 Billionen Rubel ist deshalb mehr als eine buchhalterische Größe. Sie bezeichnet Mittel, die bereits gebunden sind, aber nicht schnell für andere Prioritäten verwendet werden können, solange die zugrunde liegenden Verträge offen bleiben. Je länger die Positionen bestehen, desto weniger flexibel kann der Haushalt auf neue Aufgaben oder unerwartete Kosten reagieren.

Die Ministerien müssen zugleich kontrollieren, ob Auftragnehmer die vereinbarten Leistungen erbringen, feststellen, welche Vorschüsse durch laufende Arbeiten gedeckt sind, und jene Beträge zurückfordern, die nicht ordnungsgemäß verwendet oder abgerechnet werden. Vertragsstrafen, Verzugszinsen und der Ausschluss aus dem Register unzuverlässiger Lieferanten stehen als Instrumente zur Verfügung. Der anhaltende Anstieg der Forderungen zeigt jedoch, dass sie die Aufhäufung bislang nicht verhindert haben.

Das Haushaltsbild für 2025 ist daher kein eindeutiges Zeichen der Entspannung. Zwar sank der jährliche Zuwachs auf 4,2 Prozent, doch die überfälligen Vorschüsse stiegen auf 1,5 Billionen Rubel und die gesamten staatlichen Forderungen auf 16,9 Billionen. Entscheidend wird sein, ob der Bestand künftig durch abgeschlossene Verträge und zurückgezahlte Vorschüsse tatsächlich sinkt – oder lediglich langsamer wächst, während ältere Verpflichtungen in den Büchern bleiben.

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