Das tschechische Internetportal Nová Republika hat am 30. September 2026 europäische Regierungen und den tschechischen Präsidenten Petr Pavel für die Dauer des Krieges in der Ukraine verantwortlich gemacht. Russland, das die großangelegte Invasion begonnen hat, wird in dieser Darstellung aus der Rolle des Angreifers herausgelöst; die Unterstützung für die Ukraine erscheint stattdessen als eigentliche Ursache des Konflikts.
Der Beitrag verbindet diese Umkehrung mit einer grundsätzlichen Absage an die Europäische Union, die NATO und die tschechische Außen- und Sicherheitspolitik. Die vollständige Veröffentlichung ist auf der Website von Nová Republika abrufbar.
Der Text behauptet, „Russen seien nicht unsere Feinde“. Diese müsse man vielmehr „in Regierungen, Institutionen, Medien und unter Politikern wie dem tschechischen Präsidenten Petr Pavel und seinen Anhängern“ suchen. Sie seien die „Urheber des Krieges, den sie wünschen“. Als politische Konsequenz empfiehlt die Veröffentlichung Kandidaten, die bei Wahlen „Nein zum Krieg, Nein zur EU, Nein zu all dem Brüsseler Unsinn und Nein zum Hass auf Russland“ sagen.
Die Reihenfolge des Konflikts wird umgedreht
Der zentrale Vorwurf beruht auf einer Verschiebung von Ursache und Verantwortung. Russland begann den großangelegten Angriff auf die Ukraine. Europäische Staaten unterstützen seither das angegriffene Land politisch, finanziell und militärisch. Diese Hilfe kann politisch und sicherheitspolitisch kontrovers diskutiert werden. Sie macht die unterstützenden Staaten jedoch nicht zu den Urhebern der Invasion.
Genau diese Unterscheidung blendet Nová Republika aus. Waffenlieferungen, Sanktionen, die europäische Verteidigungspolitik und die Unterstützung für Kiew werden zu Belegen für ein angebliches europäisches Projekt zusammengefügt, den Krieg bewusst fortzusetzen. Moskau verschwindet aus der Rolle des Angreifers, während jene Regierungen, die auf den Angriff reagieren, als Hindernis für den Frieden erscheinen.
Die offizielle Haltung der Europäischen Union ist wesentlich komplexer als diese Gegenüberstellung. Die EU verbindet militärische Unterstützung für die Ukraine mit diplomatischem Druck auf Russland. Europäische Spitzenpolitiker fordern von Moskau eine vollständige, sofortige und bedingungslose Waffenruhe sowie ernsthafte Verhandlungen. Zugleich betonen sie, dass die Ukraine an diesen Gesprächen beteiligt sein muss und die Bedingungen eines Friedens nicht über ihren Kopf hinweg festgelegt werden dürfen.
Militärische Unterstützung soll Verhandlungen ermöglichen
Aus dieser Perspektive ist die Unterstützung der ukrainischen Verteidigung kein Gegenmodell zur Diplomatie. Sie soll verhindern, dass Russland seine Bedingungen allein durch militärischen Druck diktiert, bevor überhaupt Verhandlungen beginnen. Sanktionen gegen die russische Wirtschaft und die Stärkung der ukrainischen Streitkräfte werden von europäischen Regierungen als Instrumente verstanden, um die Voraussetzungen für eine politische Lösung zu beeinflussen.
Das beendet die Debatte über Umfang, Dauer und Risiken der militärischen Hilfe nicht. Auch die Frage, ob einzelne Maßnahmen wirksam und langfristig tragfähig sind, bleibt politisch offen. Die Darstellung, Europa wolle den Krieg um seiner selbst willen verlängern, lässt jedoch die erklärte Begründung der europäischen Staaten außer Acht: Ein Waffenstillstand, der unter dem Druck einer militärisch erzwungenen Kapitulation zustande kommt, muss nicht zu einem stabilen Frieden führen.
Der Streit dreht sich daher nicht schlicht um die Wahl zwischen Diplomatie und Unterstützung der Ukraine. Es geht darum, unter welchen Bedingungen verhandelt wird und ob ein Abkommen die Ukraine dauerhaft vor einem erneuten Angriff schützen kann. In der Darstellung des tschechischen Portals wird diese schwierige Frage auf einen Slogan reduziert: Wer die Ukraine unterstützt, unterstütze angeblich den Krieg; wer Frieden wolle, müsse sich gegen die EU und ihre Partner stellen.
Warum Prag die Front in der Ukraine als Schutzlinie betrachtet
Die Angriffe auf Petr Pavel und die tschechische Politik übergehen zudem die sicherheitspolitische Rechnung, die in Prag und anderen mitteleuropäischen Hauptstädten eine zentrale Rolle spielt. Eine Niederlage der Ukraine oder ein ihr aufgezwungener Frieden würde die russische Bedrohung aus dieser Sicht nicht automatisch beseitigen. Russland könnte militärisch und politisch gestärkt aus dem Konflikt hervorgehen. Die Folgen der Auseinandersetzung würden damit nicht verschwinden, sondern könnten näher an das Gebiet der Europäischen Union heranrücken.
Tschechien unterstützt die Ukraine unter anderem mit Artilleriemunition. Für Prag hat diese Hilfe eine abschreckende Funktion: Ukrainische Streitkräfte sollen russische Truppen auf ukrainischem Gebiet zurückhalten, statt dass sich die militärische Gefahr unmittelbar in Richtung der EU-Grenzen verschiebt.
Diese Begründung beweist nicht, dass jede Waffenlieferung wirksam, risikolos oder politisch alternativlos ist. Sie widerspricht jedoch der Behauptung, Tschechien wolle den Krieg ohne eigenes Sicherheitsinteresse verlängern. Die tschechische Logik lautet vielmehr, dass Widerstand gegen die russische Aggression in der Ukraine sicherer sein kann, als Moskau nach einem für Russland günstigen Ausgang mit größeren militärischen Möglichkeiten und zusätzlichem politischen Einfluss zurückzulassen.
Gerade für Staaten in Mittel- und Osteuropa ist der Krieg deshalb nicht nur eine Frage internationaler Solidarität. Es geht auch darum, wo russische Militärmacht gebunden wird und welche Folgen es hätte, wenn der Einsatz von Gewalt zu einem strategischen Gewinn für Moskau führte.
Ein Portal im anti-europäischen und prorussischen Spektrum
Nová Republika wurde 2014 von Ivan David gegründet, einem ehemaligen tschechischen Gesundheitsminister und einem der führenden Vertreter der rechtsextremen, prorussischen Partei Freiheit und direkte Demokratie. Das Portal bezeichnet sich selbst als Plattform für „alternative Analysen“.
Das tschechische Innenministerium charakterisierte Nová Republika in einer eigenen Analyse als Quasi-Medium, das Narrative der Kreml-Propaganda verbreite und regelmäßig Beiträge russischer Webseiten übernehme. Das Portal kritisiert wiederholt die EU, die NATO, tschechische Behörden und die westliche Unterstützung für die Ukraine. Die Veröffentlichung vom 30. September bündelt diese Themen: Europäische Regierungen werden zu angeblichen Urhebern des Krieges erklärt, die EU erscheint als größtes Hindernis für den Frieden und Russland wird aus der Verantwortung für den Angriff herausgelöst.
Auch die Aussage, Russen seien keine Feinde Europas, verwischt den Unterschied zwischen der russischen Bevölkerung und dem Handeln des russischen Staates. Die europäischen Sicherheitsbedenken richten sich auf konkrete Aktivitäten, die Russland zugeschrieben werden: Cyberangriffe, Sabotage, Informationsoperationen und andere Formen hybrider Einflussnahme. Die EU betrachtet solche Aktivitäten als Gefahr für die europäische Sicherheit und demokratische Institutionen. Wiederholte Drohungen russischer Vertreter mit dem Einsatz von Atomwaffen gegen europäische Staaten verstärken diese Wahrnehmung.
Das ist nicht gleichbedeutend mit einer pauschalen Feindschaft gegenüber russischen Bürgern. Es geht um staatliche Entscheidungen und Operationen sowie um deren Folgen für Nachbarländer und europäische Institutionen. Indem das Portal diese Ebenen zusammenführt, kann es europäische Schutzmaßnahmen als Ausdruck eines künstlich erzeugten Hasses gegen Russland darstellen.
Die politische Wirkung der scheinbaren Alternative
Die Botschaft von Nová Republika ist politisch wirksam, weil sie unterschiedliche Konflikte in eine einfache Wahl presst. Auf der einen Seite steht ein als selbstverständlich dargestellter „Frieden“, auf der anderen Seite die angebliche europäische Bereitschaft, den Krieg fortzusetzen. Wer die Ukraine militärisch unterstützt, wird in diesem Rahmen zum Gegner des Friedens; wer EU und westliche Hilfe ablehnt, kann sich als einzige glaubwürdige Stimme gegen den Krieg präsentieren.
Damit wird die Unzufriedenheit über Tote, wirtschaftlichen Druck und steigende Verteidigungsausgaben auf die Partner der Ukraine gelenkt. Zugleich bleibt offen, wie ein solcher Frieden dauerhaft gesichert werden soll und was einen erneuten Angriff verhindern könnte, wenn Russland aus dem Krieg militärisch gestärkt hervorginge.
Die entscheidende Frage für die europäischen Regierungen lautet deshalb nicht, ob sie Frieden wollen oder ob Diplomatie möglich sein soll. Sie müssen klären, wie Unterstützung, Sanktionen und Verhandlungen so verbunden werden können, dass die Ukraine nicht einem neuen Angriff ausgeliefert bleibt. Ob Gespräche zu einer tragfähigen Vereinbarung führen können, solange Russland glaubt, seine Position durch militärischen Druck verbessern zu können, bleibt die offene Sicherheitsfrage Europas.


