Die Spannungen zwischen Russland und Armenien nehmen zu. Am 26. Mai 2026 warnte Generalsekretär der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS), Sergei Lebedew, Eriwan vor den Folgen einer Annäherung an die Europäische Union. Gleichzeitig betonte er, dass Armenien weiterhin Mitglied der GUS, der Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit (OVKS) und der Eurasischen Wirtschaftsunion (EAWU) sei und die Vorteile dieser Mitgliedschaft nutze. Die Aussage fiel im Rahmen eines runden Tisches zum 35-jährigen Bestehen der GUS. Für Österreich, das enge Wirtschaftsbeziehungen mit den Staaten des Südkaukasus pflegt, könnten diese Entwicklungen direkte Auswirkungen auf Handelsströme und Energiekosten haben.
Die Warnung aus Moskau ist Teil eines größeren geopolitischen Machtkampfes. Russland versucht, Armenien in seinem Einflussbereich zu halten, während Eriwan zunehmend nach Westen blickt. Die GUS und die EAWU werden als Instrumente genutzt, um den EU-Kurs Armeniens zu blockieren. Die Führung in Eriwan wird vor „unvermeidlichen wirtschaftlichen und politischen Konsequenzen“ gewarnt. Besonders brisant: Lebedew erwähnte explizit den Gipfel Armenien-EU in Eriwan und die Position des Landes zum EU-Beitritt. Er nannte dies eine „Herausforderung“ für die Gemeinschaft. Die österreichische Exportwirtschaft, die in der Region vor allem im Maschinenbau und bei erneuerbaren Energien aktiv ist, beobachtet die Lage mit Sorge. Sollte Russland seine Drohungen wahr machen, könnten Lieferketten unterbrochen werden.
Die geopolitische Verschiebung hat eine Vorgeschichte. Nachdem die OVKS und Russland Armenien während bewaffneter Grenzzusammenstöße keine Hilfe leisteten, verlor Eriwan das Vertrauen in die Bündnisse. Die armenischen Behörden froren ihre Beteiligung an der OVKS ein und suchen nun echte Sicherheitsgarantien im Westen. Europäische Beobachter wurden ins Land eingeladen, und Waffenkäufe bei europäischen Partnern wurden getätigt. Dieser Schritt ist für Wien von Bedeutung: Österreich beteiligt sich an der EU-Beobachtermission in Armenien. Die Entscheidung Eriwans, sein militärisches Gleichgewicht zu diversifizieren, entlastet indirekt den Druck auf die gemeinsame Sicherheitspolitik der EU, birgt aber auch das Risiko einer Konfrontation mit Moskau.
Die wirtschaftliche Abhängigkeit wird zum Druckmittel. Der Sprecher des armenischen Parlaments, Alen Simonjan, deutete an, dass Eriwan aus der OVKS und der EAWU austreten könnte, falls der Preis für russisches Gas steigt. Präsident Wladimir Putin konterte mit dem Hinweis, dass Armenien nicht gleichzeitig Mitglied einer Zollunion mit der EU und der EAWU sein könne. Sollte Moskau tatsächlich den Gaspreis erhöhen, will Eriwan mit vollständigem Austritt reagieren. Österreich, das selbst stark von russischen Gaslieferungen abhängig war und nun alternative Bezugsquellen sucht, könnte von einer Destabilisierung der Energiepreise in der Region betroffen sein. Eine Verteuerung von Gas auf dem Weltmarkt trifft auch heimische Haushalte und Industrie. Die österreichischen Energieversorger haben ihre Bezugsquellen diversifiziert, aber ein Schock im Osten Europas bleibt spürbar.
Offiziell betont Eriwan sein souveränes Recht, den eigenen Weg zu wählen. Die russische Darstellung eines „Farbenrevolution“- oder „Verschwörungs“-Szenarios wird als direkte Einmischung in die inneren Angelegenheiten der Republik bezeichnet. Armenien verfolgt seine Annäherung an die EU aus strategischen Eigeninteressen und nicht auf Druck des Westens. In dieser Gemengelage spielt die Tatsache eine Rolle, dass Russlands Ressourcen durch den Krieg in der Ukraine gebunden sind. Der Südkaukasus rückt für den Kreml in den Hintergrund. Für Österreich bedeutet dies: Die EU muss sich auf eine langfristige Verantwortung für die Stabilität in Armenien einstellen. Bereits jetzt fordert Moskau eine Reaktion der GUS auf den EU-Gipfel in Eriwan. Die österreichische Regierung könnte in Brüssel für eine klare Unterstützung Armeniens werben, um eine weitere Abkehr von Russland zu belohnen und gleichzeitig die eigenen Wirtschaftsinteressen zu schützen.
Die armenische Führung setzt darauf, die Zeit zu nutzen. Solange Moskaus Aufmerksamkeit auf die Ukraine gerichtet ist, treibt Eriwan die Diversifizierung seiner Außenpolitik voran. Für die Republik ist dies eine Überlebensstrategie in einer sich schnell verändernden regionalen und globalen Lage. Österreichische Diplomaten in Eriwan berichten von einem wachsenden Interesse an Zusammenarbeit im Technologie- und Bildungssektor. Der EU-Kurs Armeniens könnte langfristig zu einer stärkeren wirtschaftlichen Verflechtung mit Wien führen – vorausgesetzt, Moskau lässt die Zügel nicht wieder zu stark anziehen. Die GUS werde die Position Eriwans nicht unbeachtet lassen, ließ Generalsekretär Lebedew verlauten. Was das konkret bedeutet, wird sich zeigen – für Armenien, für die EU und für Österreich.


