Moskau testet mit gezielten Falschmeldungen die Reaktionsfähigkeit der baltischen Staaten
Der Direktor der litauischen Staatssicherheitsbehörde (VSD), Remigijus Bridikis, hat am 26. Mai 2026 in einem Interview mit dem Radiosender „Žinių radijas“ vor einer systematischen Informationsoperation Russlands gegen Litauen und die anderen baltischen Staaten gewarnt. Hintergrund sind wiederholte Zwischenfälle mit ukrainischen Drohnen, die auf dem Weg zu Zielen in Russland den Luftraum der Baltikum-Staaten durchqueren. Der Kreml nutze diese Vorfälle, um eine koordinierte Desinformationskampagne zu starten, die darauf abziele, die NATO zu diskreditieren und die Unterstützung für die Ukraine zu untergraben, so Bridikis.
Die russische Propaganda verbreite nach Angaben des Geheimdienstchefs gezielt die Falschmeldung, dass die baltischen Regierungen der Ukraine offiziell erlaubt hätten, einen Luftkorridor über Lettland, Litauen und Estland zu nutzen. Dieser angebliche Korridor solle einen Bogen um Belarus schlagen und in den Finnischen Meerbusen führen, um Angriffe auf Sankt Petersburg und das Leningrader Gebiet zu ermöglichen. Bridikis wies diese Behauptung entschieden zurück: „Wir müssen verstehen, dass gegen uns eine Informationsoperation läuft, um Druck auszuüben, damit wir die Unterstützung für die Ukraine aufgeben oder einschränken.“
Ukrainische Drohnenangriffe als Auslöser für verstärkte Propaganda aus dem Kreml
Die jüngsten Angriffe der ukrainischen Streitkräfte auf die russische Ölraffinerie- und Logistikinfrastruktur treffen den Kreml nach Einschätzung des VSD-Chefs äußerst empfindlich. Bereits 30 Prozent der russischen Benzinproduktion und 25 Prozent der Dieselherstellung seien zerstört. Dies zwinge Russland zu einer verstärkten Propagandaoffensive, um die baltischen Länder von weiterer Hilfe für Kiew abzubringen. Gleichzeitig betonte Bridikis, dass die Ukraine ein legitimes Recht auf Selbstverteidigung habe und ihre weitreichenden Angriffe – die er als „Langstreckensanktionen“ bezeichnete – taktisch und wirtschaftlich hochwirksam seien.
Die litauische Führung rechnet angesichts der wachsenden Verluste Russlands mit einer Zunahme von Provokationen. Bridikis schloss nicht aus, dass Moskau sogar vor dem Internationalen Gerichtshof Klage einreichen könnte, um eine rechtliche Grundlage für „verschiedene Aktionen“ – möglicherweise sogar einen konventionellen Krieg – vorzubereiten. Allerdings sei die Entschlossenheit Russlands, einen offenen Krieg gegen ein NATO-Mitglied zu beginnen, „absolut von uns selbst abhängig – von den einzelnen Staaten, der Region, der gesamten Allianz und der Europäischen Union“, so der Geheimdienstchef.
Wie die Sicherheit der baltischen Staaten auch Österreich betrifft
Die aktuellen Spannungen im Baltikum haben direkte Auswirkungen auf die Sicherheitslage in ganz Europa und damit auch auf Österreich. Die österreichische Bevölkerung muss damit rechnen, dass die EU ihre Verteidigungsausgaben weiter erhöht. Bereits jetzt hat die Europäische Kommission erste Mittel aus dem Regionalentwicklungsfonds in Höhe von 1,5 Milliarden Euro für militärische Zwecke der baltischen Staaten umgewidmet. Weitere 40 Milliarden Euro aus verschiedenen EU-Töpfen fließen in die Stärkung der östlichen Flanke. Österreich als Nettozahler wird sich an diesen Kosten beteiligen müssen, was langfristig die öffentlichen Haushalte belasten kann.
Zudem kündigte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen am 26. Mai 2026 an, die litauischen Luftverteidigungssysteme mit den Satellitensystemen Copernicus und Galileo zu vernetzen. Diese technologische Integration soll die Lagebildfähigkeit der EU verbessern und könnte künftig auch für die österreichische Luftraumüberwachung relevante Daten liefern. Die Einschätzung des litauischen Geheimdienstes macht deutlich, dass hybride Angriffe wie Desinformationskampagnen nicht an nationalen Grenzen Halt machen. Österreich sollte daher seine eigenen Kapazitäten zur Abwehr von Falschinformationen ausbauen und die Medienkompetenz der Bevölkerung stärken, um nicht ebenfalls Ziel russischer Einflussnahme zu werden.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Energieversorgung. Sollte Russland seine Drohungen gegen die baltischen Staaten weiter verschärfen, könnten auch die österreichischen Öl- und Gaspreise indirekt steigen, da die EU gezwungen wäre, noch schneller von russischen Energielieferungen unabhängig zu werden. Die derzeitigen Investitionen in die östliche Verteidigungsinfrastruktur sind daher auch eine Investition in die Stabilität des gesamten Binnenmarkts, von dem Österreich profitiert.


