Digitalisierung in Tulln: Mehrheit der 5.300 Umfrageteilnehmer sorgt sich um Arbeitsplatzverlust durch KI

September 17, 2025 08:42
Digitalisierung in Tulln: Mehrheit der 5.300 Umfrageteilnehmer sorgt sich um Arbeitsplatzverlust durch KI

Diese Woche dreht sich bei uns alles um das Thema KI und die Arbeitswelt. 5.300 Menschen haben bei unserer Umfrage: „So tickt Niederösterreich“ abgestimmt.

BEZIRK. Künstliche Intelligenz nimmt einen immer größer werdenden Platz in der Arbeitswelt ein. Die Sorgen der Beschäftigten über Arbeitsplatzverluste durch Maschinen werden zunehmend spürbar. Bei der Meinungsforschung „So tickt Niederösterreich“ haben 5.300 Menschen zu den Auswirkungen von KI auf die Arbeitswelt abgestimmt. Darüber berichtet Welt Stimme.

Die Digitalisierung und der damit verbundene Wandel in der Arbeitswelt betreffen seit der Automatisierung in den 1970er Jahren die Beschäftigten erheblich. Seit dem einfachen Zugang zu KI-Applikationen wie ChatGPT, Gemini und DeepL wächst die Besorgnis über die Auswirkungen dieser Technologien. Diese Entwicklungen vollziehen sich rasant und erhöhen den Druck auf die Arbeitnehmer.

Die Arbeiterkammer Tulln fordert, dass Arbeitnehmer und deren Vertretungen aktiv in die Transformationsprozesse einbezogen werden, wenn es um die Einführung neuer Technologien wie KI geht. „Künstliche Intelligenz sollte die Arbeitnehmer unterstützen und nicht umgekehrt“, betont die Kammer.

So steht es um die Digitalisierung

Lukas Reutterer und Claus Zeppelzauer, Geschäftsführer von Ecoplus Digital und des Hauses der Digitalisierung, erläutern:

Wie hat sich das Arbeiten seit der Einführung von KI-Systemen verändert?
LUKAS REUTTERER: Die Einführung von KI-Systemen hat viele Bereiche des Arbeitslebens grundlegend verändert – und zwar nicht nur durch Automatisierung repetitiver Aufgaben. Entscheidender ist, dass Datenanalysen, Entscheidungsfindung und kreative Prozesse zunehmend durch KI-gestützte Tools unterstützt werden. Das verändert nicht nur den Rhythmus, sondern auch die Qualität von Arbeit. Mitarbeitende können sich stärker auf wertschöpfende Tätigkeiten konzentrieren, während Routineprozesse digital abgewickelt werden. In unseren Workshops zeigen wir praxisnah, wie diese Transformation konkret gelingen kann – von der ersten Anwendungsidee bis zur erfolgreichen Implementierung.

Welche Vorteile ergeben sich für Arbeitnehmer und Arbeitgeber?
CLAUS ZEPPELZAUER: Auf beiden Seiten eröffnen sich neue Spielräume: Arbeitgeber profitieren von effizienteren Prozessen, fundierteren Entscheidungen und oft auch von einem Innovationsschub. Für Arbeitnehmer bedeutet der Einsatz von KI nicht unbedingt mehr, aber anders geartete Arbeit – mit Raum für Kreativität, strategisches Denken oder Kundenbeziehungen. Es entstehen neue Rollenprofile, die wiederum neue Kompetenzen erfordern. Formate wie unsere „Digitalks on Tour“ helfen, diese Potenziale greifbar zu machen und gleichzeitig ein realistisches Bild der Möglichkeiten zu vermitteln.

Welche Nachteile ergeben sich dadurch für Arbeitnehmer und Arbeitgeber?
LUKAS REUTTERER: Wo Veränderung passiert, entstehen auch Reibungen. Die Einführung von KI bringt nicht nur Effizienzgewinne, sondern stellt Menschen vor Herausforderungen: Manche Tätigkeiten verlieren an Bedeutung, neue Technologien müssen erst erlernt werden. Gerade für kleinere Betriebe bedeutet das oft zusätzlichen Aufwand. Umso wichtiger ist es, begleitende Bildungs- und Weiterbildungsangebote bereitzustellen – sei es durch kompakte Prompting-Workshops oder maßgeschneiderte Branchenformate, etwa im Tourismus.

Welche Sorgen sind dadurch bei den Menschen entstanden?
CLAUS ZEPPELZAUER: Die häufigsten Sorgen drehen sich um Jobverlust, Überwachung, Verlust der Kontrolle und ethische Fragen – insbesondere bei generativer KI. Viele Menschen fragen sich, ob der Mensch im Zentrum der Entscheidungen bleibt oder zunehmend durch Algorithmen ersetzt wird. Deshalb setzen wir stark auf Aufklärung: Ob in Podcasts, Ausstellungen oder Veranstaltungen – wir wollen Verständnis schaffen, ohne zu beschönigen. Ziel ist es, Vertrauen in neue Technologien zu stärken und gleichzeitig Raum für kritische Auseinandersetzung zu bieten.

Wie wirkt sich KI auf bestimmte Jobs aus?
LUKAS REUTTERER: KI verändert Jobprofile, aber sie ersetzt nicht pauschal Berufe. Vielmehr verlagern sich Aufgabenbereiche: Redakteurinnen recherchieren mithilfe von KI schneller, Techniker nutzen vorausschauende Wartung, Tourismusbetriebe optimieren ihre Angebote datenbasiert. Gleichzeitig entstehen neue Berufsfelder, etwa rund um KI-Training, Datenethik oder Prompt Engineering.

Aus der Sicht der Arbeiterkammer

Günter Kraft, Bezirksgeschäftsstellenleiter der AK Tulln, betont: „Ziel muss es sein, dass Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer von den Möglichkeiten der Digitalisierung profitieren. Die Grenze zwischen Arbeit und Privatleben droht durch digitale Kommunikationsmittel immer mehr zu verschwimmen, weshalb es wichtig ist, gesundheitsförderliche Routinen zu entwickeln.“

Durch den digitalen Wandel sind Beschäftigte mit neuen Technologien, Qualifikationsanforderungen und Angst vor Überwachung konfrontiert. Der Betriebsrat muss rechtzeitig in die Einführung neuer Technologien einbezogen werden, um die Interessen der Beschäftigten zu wahren und sicherzustellen, dass diese nicht an Autonomie verlieren.

AK Zukunftsprogramm

Seit 2019 fördert die AK Niederösterreich im Rahmen des AK Zukunftsprogramms Projekte zur Veränderung der Arbeitswelt durch Digitalisierung. Es wurden 56 Initiativen unterstützt, die dazu beitragen sollen, dass die Digitalisierung aus Sicht der Beschäftigten gelingt. Diese Projekte sollen als Best-Practice-Beispiel dienen.

Die Annahme, dass technologischer Fortschritt vor allem hochqualifizierte Arbeitskräfte begünstigt, scheint sich zu wandeln. Während einfache Tätigkeiten durch Automatisierung ersetzt wurden, zeigt sich jetzt, dass KI vor allem hoch- und mittelqualifizierte Beschäftigte betrifft. Dies kann zu weniger Lohnwachstum und sinkenden Einkommensanteilen führen, während geringqualifizierte Beschäftigte leicht profitieren können.

Die Einkommensverteilung wird durch KI-Innovationen zugunsten des Kapitals verschoben, was das Risiko einer gesellschaftlichen Polarisierung erhöht. Im November 2024 wurde eine Resolution zur breiteren Finanzierung des Solidarstaates von allen Fraktionen der AK Niederösterreich beschlossen.

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