Lehrausbildung für 1.600 Jugendliche in Tirol beginnt
Im September starten rund 1.600 Jugendliche in Tirol ihre Lehrausbildung. Während die Wirtschaftskammer Tirol eine Erholung der Lehranfänge anmerkt, sieht die ÖGB-Jugend Tirol weiterhin strukturelle Probleme in der Ausbildungslandschaft.
Die Wirtschaftskammer Tirol meldet 2.900 ausbildende Unternehmen und einen Anstieg der Lehranfänge im Tourismus um 8,2 Prozent. Die ÖGB-Jugend bezieht jedoch eine kritische Haltung und weist darauf hin, dass Anfang des Jahres ein Rückgang der Lehrlingszahlen um 4,2 Prozent und der Lehranfänge um 7,1 Prozent für 2025 prognostiziert wurde.
Langfristig ist die Zahl der Lehrbetriebe sinkend; laut ÖGB reduzierte sie sich von 37.564 im Jahr 2010 auf 27.472 im Jahr 2024. Jugendsekretär Matteo Iori fragt sich, warum immer weniger Unternehmen junge Menschen ausbilden. „Wenn die Wirtschaftskammer über Fachkräftemangel klagt, muss sie sich auch fragen lassen, warum immer weniger Betriebe überhaupt noch ausbilden“, kritisiert er.
Kritik an den Ausbildungsbedingungen
Die Gewerkschaftsjugend thematisiert ebenfalls die Ausbildungsqualität. 37 Prozent der Lehrlinge berichten von schlechten oder sehr schlechten Bedingungen. Nur 42 Prozent der Unternehmen stellen einen Ausbildungsplan zur Verfügung, bei der Dokumentation der Lerninhalte sind es lediglich 25 Prozent.
Die ÖGB weist zudem auf ausbildungsfremde Tätigkeiten hin. 18 Prozent der befragten Lehrlinge geben an, häufig oder sehr häufig mit Reinigungsarbeiten oder persönlichen Erledigungen für Vorgesetzte beschäftigt zu werden. Iori betont: „Ein Lehrplatz ist kein Selbstzweck und keine billige Arbeitskraft, sondern eine Ausbildung mit klaren gesetzlichen Pflichten – und diese Pflichten müssen auch kontrolliert werden.“
Forderung nach verbesserter Kontrolle
Die ÖGB-Jugend fordert verpflichtende Ausbildungspläne und eine Dokumentation der vermittelten Inhalte. Ausbildungsfremde Tätigkeiten sollten strenger kontrolliert und Verstöße sanktioniert werden. Auch bei Überstunden sieht der ÖGB Handlungsbedarf; diese müssen korrekt aufgezeichnet und abgegolten werden.
Des Weiteren spricht sich die Gewerkschaftsjugend für ein Bonus-Malus-System aus, bei dem Unternehmen in einen Fonds einzahlen sollten, um Betriebe zu unterstützen, die eine qualitativ hochwertige Ausbildung anbieten.
Ungleichheit bei der Lehrstellensuche
Die Suche nach Lehrstellen zeigt ebenfalls Verbesserungspotenzial. Jugendliche mit nicht-deutscher Erstsprache empfinden diese oft als schwieriger, was die ÖGB auf Rollenbilder und unzureichende Informationen über Berufsfelder zurückführt. Iori sieht vor allem die Unternehmen in der Verantwortung, um Chancengleichheit zu gewährleisten.
ÖGB gratuliert neuen Lehrlingen
Die ÖGB-Jugend gratuliert den neuen 1.600 Lehrlingen in Tirol und fordert gleichzeitig eine intensivere Einbindung der Betriebe in die Ausbildung des Fachkräftenachwuchses. Iori warnt: „Eine positive Schlagzeile darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Gesamtzahlen zuletzt eingebrochen sind und immer weniger Unternehmen Verantwortung für Ausbildung übernehmen.“
Einordnung
Die aktuelle Situation verdeutlicht die anhaltenden Schwierigkeiten in der Berufsausbildung. Die wachsende Zahl der neuen Lehrlinge steht im Kontrast zu den sinkenden Ausbildungsplätzen und der abnehmenden Ausbildungsqualität. Diese Wahrnehmung könnte sich negativ auf die zukünftige Fachkräfteversorgung auswirken.


