Die Österreichische Gebärdensprache ist seit 1. September 2025 – also seit genau 20 Jahren – anerkannt. Viele Probleme sind aber noch nicht gelöst. Daniel Pühra (GF ComCom) und Christian Hausch (Universität Klagenfurt) erzählen über ihre Erfahrungen.
SALZBURG. Seit 20 Jahren ist die Österreichische Gebärdensprache (ÖGS) als eigenständige Sprache anerkannt. Am 1. September 2005 wurde dies im Bundesverfassungsgesetz festgelegt. Die Anerkennung war ein wichtiger Meilenstein im Kampf um Gleichberechtigung für gehörlose Menschen. Sie schaffte Sichtbarkeit für die rund 10.000 Gehörlosen in Österreich in Gesellschaft und Politik. Der Einsatz von Dolmetschern bei Gericht, im Fernsehen oder bei Veranstaltungen hat sich seit 2005 stark verbessert. Darüber berichtet Welt Stimme.
Allerdings gibt es gerade hier ein großes Problem: In Österreich herrscht akuter Dolmetschermangel – aktuell sind es nur 140 ausgebildete Dolmetscher und Dolmetscherinnen – und zudem werden die Dolmetscherkosten nicht überall gleich übernommen, informiert Daniel Pühra. Er ist der Gründer von ComCom, einer Plattform für Gebärdensprache, mit der das Suchen und Finden von Gebärdensprach-Dolmetschern erheblich erleichtert wurde.
Auch Christian Hausch von der Universität Klagenfurt sieht noch ungelöste Probleme: „Die Anerkennung der Österreichischen Gebärdensprache war ein historischer Moment, doch die tatsächlichen Verbesserungen für Gehörlose sind nur minimal spürbar.“
20 Forderungen des Gehörlosenbundes
Die Anerkennung der Österreichischen Gebärdensprache hat vieles bewirkt, aber nicht alle Probleme aus dem Weg schaffen können, wie man anhand des Dolmetscher-Mangels erkennt. Der Österreichische Gehörlosenbund (ÖGLB) hat 20 Forderungen aufgestellt, die sich auf Bildung, Barrierefreiheit und Dolmetscherversorgung konzentrieren.
Dabei erkennt man relativ schnell, dass vor allem gehörlosen Kindern und Jugendlichen viele Steine in den Weg gelegt werden. „In Österreich gibt es noch zu wenige Regelschulen mit ÖGS, zum Beispiel als Unterrichtssprache, und das österreichweit. Für gehörlose und schwerhörige Kinder gibt es noch zu wenig Angebote in ÖGS an den Schulen“, weiß Hausch. Vom ÖGLB wird unter anderem gefordert, dass die Österreichische Gebärdensprache als Unterrichtssprache in allen Schularten und -stufen verankert werden sollte und alle Lehrer diese in ihrer Ausbildung kennenlernen sollten. Auch ein rechtlich garantierter Zugang zur Gebärdensprache ab Geburt und die Bereitstellung von ÖGS-Kursen für Eltern, welche die Kommunikation in der Familie stark verbessern, wird gefordert.
Verbesserungsbedarf besteht auch in der Arbeitswelt. Echte Chancengleichheit, der Zugang zu Informationen, Kommunikation auf Augenhöhe und faire Arbeitsbedingungen sollten eigentlich schon längst zur Normalität gehören.
Situation in Salzburg besonders schlimm
„Salzburg ist das einzige Bundesland, das kaum Dolmetschkosten für Gehörlose übernimmt. Die Folge: Gehörlose müssen private Arzttermine, Behördenwege oder Bildungsangebote oft selbst finanzieren oder private Institute bezahlen für die Gehörlosen“, informiert Daniel Pühra über die Situation in Salzburg. Am Freitag, dem 26. September, wird in Salzburg anlässlich des Jubiläums „65 Jahre Gehörlosenverband Salzburg“ eine Demonstration abgehalten. Gefordert wird eine Gleichstellung mit den anderen Bundesländern und dass das Land Salzburg künftig Dolmetschkosten fair übernimmt. „Wir erheben keine ‚Anklage‘ gegen das Land Salzburg. Wir sehen es eher als Chance für Salzburg, aufzuholen und Vorreiter zu werden“, so Pühra.
Besonderheiten Gebärdensprache
Ein Problem, das mit der Österreichischen Gebärdensprache verbunden ist, ist, dass viele Hörende wenig darüber wissen. Christian Hausch erklärt deshalb die Besonderheiten der ÖGS:
„Die Österreichische Gebärdensprache unterscheidet sich deutlich von der gesprochenen Sprache. Die Grammatik ist anders aufgebaut, sie folgt nicht den Regeln des Deutschen. ÖGS ist eine visuelle Sprache, die stark von Mimik, Gesichtsausdruck und verschiedenen Handformen geprägt ist. Außerdem wirkt ÖGS oft schneller als die gesprochene Sprache. Handformen und Bewegungen geben Bedeutung und Grammatik-Regeln vor.“
Zudem sei die Wortstellung bei der Gebärdensprache oft anders. Die Zeichenfolge der Gebärdensprache würde „ICH BUCH LESEN“ lauten, anstatt, wie man im gesprochenen Deutsch sagt: „Ich lese ein Buch“.
ComCom entwickelt sich weiter
Aktuell ist die Initiative ComCom von Daniel Pühra die beste Hilfestellung für Gehörlose im Bundesland Salzburg, weil sie für eine Entlastung bei knappen Dolmetscher-Ressourcen sorgt. Mit der Plattform können Betroffene Dolmetscher*innen buchen, spontanes Dolmetschen bei Notfällen sowie Videodolmetschen über die Hotline in Anspruch nehmen. Das Salzburger Startup wurde dafür 2024 sogar mit dem Regionalitätspreis ausgezeichnet. Seitdem hat sich einiges getan. ComCom startete ein Pilotprojekt mit der Salzburg AG: Gehörlose Kundinnen und Kunden der Salzburg AG haben jeden Donnerstag von 14 bis 15 Uhr die Möglichkeit, mithilfe der Plattform ComCom per Videodolmetschen mit dem Kundenservice in Kontakt zu treten. So soll es für gehörlose Menschen einfacher sein, Antworten auf Fragen zu bekommen und sich beraten zu lassen. Außerdem hat ComCom den SILC-Wettbewerb (Social Innovation Lab Carinthia) in Kärnten gewonnen.


