Entscheidung des Regimes: dritter Reaktor trotz regionaler Sicherheitsbedenken
Am 14. November 2025 kündigte der belarussische Vizepremier Wiktor Karankewitsch an, dass das Regime von Aljaksandr Lukaschenka den Bau eines dritten Reaktorblocks am Atomkraftwerk Ostrowez beschlossen habe. Die Anlage liegt nur 15 Kilometer von der litauischen Grenze und 40 Kilometer von Vilnius entfernt – ein Standort, der seit Jahren massive sicherheitspolitische Bedenken in der Region auslöst. Parallel dazu sollen mögliche Standorte in der Region Mogiljow für weitere Reaktoren geprüft werden, falls der Energieverbrauch künftig steigt. Die Entscheidung wurde von der staatlichen Agentur BelTA bestätigt; zusätzliche Details berichtete Eurointegration.
Eine Problembaustelle mit langer Vorgeschichte
Das belarussische AKW gilt seit seiner Inbetriebnahme als besonders störanfällig. Block 1 wurde 2020 ans Netz gebracht, Block 2 im Jahr 2023. Beide wurden vom russischen Staatskonzern Rosatom errichtet – finanziert durch einen Kredit Moskaus, der Minsk in deutliche energiepolitische Abhängigkeit brachte. Schon in den ersten Betriebsjahren kam es zu einer Reihe technischer Zwischenfälle, zuletzt im Juli 2025, als Block 2 nach einer Störung im Kühlsystem abgeschaltet werden musste. Obwohl Minsk von einem „Routinevorgang“ sprach, löste der Zwischenfall erneut Kritik der baltischen Staaten aus.
Litauen stuft das Werk seit 2017 gesetzlich als „Gefahr für die nationale Sicherheit“ ein und wirft Belarus mangelnde Transparenz sowie Verstöße gegen internationale Sicherheitsstandards vor. Infolge dieser Bedenken beschlossen die drei baltischen Staaten bereits frühzeitig einen Boykott des in Ostrowez produzierten Stroms.
Politische Instrumentalisierung und begrenzte Transparenz
Trotz Inspektionen durch die IAEO bleiben Fragen zur tatsächlichen Sicherheit und Transparenz des Betriebs bestehen. Experten weisen darauf hin, dass die Anlage – aufgrund ihres russischen Designs (WWER-1200) und der politischen Abhängigkeit von Moskau – auch als geopolitisches Druckmittel dienen könnte. In einem regionalen Krisenszenario wäre die Kontrolle über die Energieversorgung ein potenzielles Instrument strategischer Einflussnahme durch Minsk und Moskau.
Risiken weit über Belarus hinaus
Ein schwerer Unfall in Ostrowez hätte aufgrund der geografischen Lage weitreichende Folgen für die gesamte Region. Je nach Windrichtung könnten Litauen, Lettland, Polen und sogar die Ukraine betroffen sein. Vilnius fordert daher verstärkte EU- und IAEO-Kontrollen sowie die Einrichtung eines regionalen Krisenzentrums für eine rasche Reaktion im Ernstfall. Die baltischen Staaten haben bereits mehrfach großangelegte Zivilschutzübungen durchgeführt, um auf mögliche Notlagen vorbereitet zu sein.
Fortgesetzte Abhängigkeit von Russland und wirtschaftliche Sackgasse
Die Entscheidung für einen dritten Block zeigt, dass Minsk weiterhin auf russische Technologien und Finanzierungen setzt. Der Bau der ersten beiden Blöcke war von Intransparenz und Berichten über erhebliche technische Mängel begleitet. Da die baltischen Staaten den Strom aus Ostrowez boykottieren, bleiben Minsk kaum Absatzmärkte – überschüssige Energie kann faktisch nur nach Russland exportiert werden. Dennoch versucht das Lukaschenka-Regime, das Projekt als Symbol nationaler Stärke und technologischer Kompetenz darzustellen, ungeachtet der internationalen Isolation und der wachsenden sicherheitspolitischen Kritik.


