Libanon fordert von USA Druck auf Israel nach Dutzenden Toten
Angesichts von 74 Toten innerhalb von drei Tagen durch israelische Angriffe hat der Libanon die USA aufgefordert, Druck auf Israel auszuüben. Präsident Joseph Aoun erklärte am Montag bei einem Treffen mit dem US-Botschafter Michel Issa, die israelischen Militäreinsätze und die Zerstörung von Häusern im Südlibanon müssten enden.
Aouns Büro zufolge beriet er mit Issa über die dritte Runde direkter Gespräche zwischen Vertretern der libanesischen und der israelischen Regierung. Diese sollen nach Angaben des US-Außenministeriums am 14. und 15. Mai in Washington stattfinden. Die libanesische Delegation wird von dem ehemaligen Botschafter in den USA, Simon Karam, geleitet. US-Präsident Donald Trump hatte am 16. April eine Feuerpause zwischen der proiranischen Hisbollah-Miliz und Israel verkündet.
Die libanesische Regierung ist keine Kriegspartei in dem Konflikt. Ihre Entscheidung zu direkten Kontakten mit Israel spiegelt eine tiefe Spaltung im Land über die Rolle der Hisbollah wider. Kritiker werfen der Miliz vor, den Libanon im Alleingang in einen Krieg gestürzt zu haben. Die Hisbollah verlangt die Absage der Gespräche.
Israel hat im Südlibanon eine Sicherheitszone ausgerufen und besetzt, um sich nach eigenen Angaben vor Angriffen der Hisbollah zu schützen. In der Region zerstört die Armee derzeit Dörfer, weil sich Hisbollah-Kämpfer nach Angaben der israelischen Streitkräfte in Wohngebieten verschanzt haben sollen. In der vergangenen Woche griff Israel erstmals seit Ausrufung der Waffenruhe die von der Hisbollah kontrollierten südlichen Vororte Beiruts an. Dabei wurde nach israelischen Angaben der Kommandant der Hisbollah-Eliteeinheit Radwan getötet, was die Miliz bisher nicht bestätigt hat.
Das israelische Militär kontrolliert nach Angaben des libanesischen Ministerpräsidenten Nawaf Salam derzeit 68 Orte im Südlibanon. Vor dem jüngsten Krieg seien es lediglich fünf von Israel besetzte Orte gewesen, sagte Salam der Deutschen Presse-Agentur. Damit stehe nahezu die Hälfte des Gebiets südlich des Litani-Flusses unter israelischer Kontrolle. Der Fluss liegt etwa 30 Kilometer nördlich der israelischen Grenze. Die Regierung in Beirut verurteilt die israelischen Militäroperationen im Süden wiederholt als völkerrechtswidrig und als Verletzung der eigenen Souveränität.
Der Konflikt zwischen Israel und der Hisbollah war am 2. März wieder aufgeflammt, als die Hisbollah zur Unterstützung der Regierung in Teheran das Feuer auf Israel eröffnete. Am 28. Februar hatten Israel und die USA den Iran angegriffen. Trump lehnte einen iranischen Vorschlag ab, der Sicherheitsgarantien für den Libanon im Gegenzug für ein Ende des umfassenderen Krieges mit den USA und die Öffnung der Straße von Hormuz vorsah.
Seit Anfang März wurden nach libanesischen Angaben 2.869 Menschen getötet, darunter 584 Mediziner, Frauen und Minderjährige. Etwa 1,2 Millionen Menschen wurden im Libanon in die Flucht getrieben. Auf israelischer Seite kamen nach Regierungsangaben 17 Soldaten im Südlibanon sowie zwei Zivilisten im Norden Israels ums Leben.
Einordnung
Mit der Forderung nach US-Druck auf Israel und gleichzeitigen direkten Gesprächen mit der israelischen Regierung verschiebt sich die Rolle des Libanon von reiner Kritik hin zu begrenzter diplomatischer Einbindung. Die Ausweitung der von Israel kontrollierten Gebiete und die hohe Zahl von Toten und Vertriebenen erhöhen den innenpolitischen Druck in Beirut und vertiefen die Auseinandersetzung um die Rolle der Hisbollah. Das Ergebnis der Gespräche in Washington kann damit direkten Einfluss auf die militärische Lage im Südlibanon und auf die innenpolitische Stabilität des Landes haben.


