Serbien prüft die Aufhebung der visafreien Einreise für russische Staatsbürger. Der Minister für europäische Integration, N. Starovich, sagte nach Berichten vom 11. August 2026, Belgrad wolle bis Ende 2027 die Voraussetzungen für einen Beitritt zum Schengen-Raum vollständig erfüllen. Dazu gehört nach seinen Angaben auch eine Anpassung der Visapolitik gegenüber Russland.
Die serbische Regierung habe bereits eine eigene Arbeitsgruppe eingesetzt und einen Plan für die notwendigen Reformen beschlossen, erklärte Starovich. Der geplante Schengen-Beitritt soll nach dieser Darstellung ohne einen vollwertigen Beitritt zur Europäischen Union erfolgen. Ein EU-Beitritt Serbiens bis zum Ende des Jahrzehnts sei nach Einschätzung des Ministers hingegen wenig wahrscheinlich. Die Aussagen wurden auch in weiteren Berichten über die geplanten Reformen aufgegriffen.
Für russische Staatsbürger gilt in Serbien derzeit eine visafreie Einreise. Sie können sich bis zu 30 Tage im Land aufhalten. Eine mögliche Einführung von Visa wird in Belgrad bereits seit dem Frühjahr 2026 öffentlich diskutiert. Damals sagte D. Stanojevic, der Vorsitzende des parlamentarischen Ausschusses für die Diaspora und die Serben in der Region, dass eine Aufhebung der Visafreiheit im Zusammenhang mit den Anforderungen der Europäischen Union geprüft werde.
Serbiens EU-Kandidatur und die Visapolitik
Serbien hatte 2009 offiziell die Mitgliedschaft in der Europäischen Union beantragt. 2012 erhielt das Land den Status eines EU-Beitrittskandidaten. Die Beitrittsverhandlungen begannen 2014. Der Integrationsprozess wurde seither wiederholt durch die politische Linie Belgrads erschwert, die Beziehungen zur EU und zu Russland parallel aufrechtzuerhalten.
Zu den weiterhin engen Beziehungen zu Moskau zählen politische und wirtschaftliche Kontakte. Die serbische Regierung hat die Beziehungen zu Russland trotz des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine nicht vollständig beendet. Die Frage der Visapolitik wird nun von der Regierung ausdrücklich mit der Anpassung an europäische Vorgaben und dem angestrebten Schengen-Kurs verbunden.
Ein konkreter Zeitplan für die tatsächliche Einführung einer Visapflicht für russische Staatsbürger wurde in den vorliegenden Angaben nicht genannt. Fest steht lediglich, dass die Regierung eine Arbeitsgruppe gebildet und einen Reformplan verabschiedet haben soll. Auch die Voraussetzungen und das Verfahren für einen möglichen Zugang Serbiens zum Schengen-Raum wurden in den Berichten nicht näher erläutert.
Rolle Serbiens als Transitland
Seit dem Beginn der russischen Vollinvasion in der Ukraine im Februar 2022 ist Serbien für russische Staatsbürger ein wichtiges Transit- und Aufenthaltsland geworden. Dazu tragen direkte Flugverbindungen zwischen Russland und Serbien sowie die bisherige Visafreiheit bei. Russische Staatsbürger nutzen nach den vorliegenden Angaben auch kurzfristige Ausreisen und anschließende Wiedereinreisen, um ihren tatsächlichen Aufenthalt im Land zu verlängern.
Serbien kann zudem als Transitstandort für den Wiederausfuhr bestimmter Waren, für Kapitalbewegungen und für die Verlagerung russischer Unternehmen genutzt werden. In den vorliegenden Einschätzungen wird darin ein mögliches Risiko für die Umgehung von Sanktionen der Europäischen Union gegen Russland gesehen. Eine konkrete Zahl zu den betroffenen Personen, Unternehmen oder Warenströmen wird nicht genannt.
Eine Änderung der Einreisebestimmungen würde daher nicht nur die bilateralen Reisebeziehungen zwischen Serbien und Russland betreffen. Sie könnte auch die Kontrolle von Aufenthalten, Geldflüssen und geschäftlichen Aktivitäten russischer Staatsbürger in Serbien verändern. Ob und in welchem Umfang dadurch Transitrouten oder wirtschaftliche Verbindungen eingeschränkt würden, geht aus den bisherigen Angaben nicht hervor.
Montenegro als regionaler Bezugspunkt
In den Debatten in Belgrad wird auch auf Montenegro verwiesen. Podgorica will den Angaben zufolge vom 1. November 2026 an die visafreie Einreise für russische Staatsbürger aufheben. Als Grund wird der angestrebte EU-Beitritt genannt. Die Entscheidung gilt in den vorliegenden Berichten als Beispiel dafür, dass ein Westbalkan-Staat seine Visapolitik an den Vorgaben der Europäischen Union ausrichtet.
Für Serbien ist die Frage politisch sensibel. Das Land unterhält traditionell enge Beziehungen zu Russland und hat zugleich seit Jahren den Beitritt zur Europäischen Union als offizielles Ziel. Die von Starovich angekündigte Arbeitsgruppe soll nun jene Reformen vorbereiten, die nach Regierungsangaben für die Angleichung an europäische Standards erforderlich sind. Dazu zählen im Zusammenhang mit dem Schengen-Kurs insbesondere Visa-, Migrations- und Grenzverfahren.
Die möglichen Änderungen würden zunächst eine nationale Entscheidung Serbiens darstellen. Eine automatische Aufnahme in den Schengen-Raum folgt daraus nicht. Ebenso bleibt der EU-Beitrittsprozess davon getrennt. Die serbische Regierung stellt beide Fragen jedoch in einen gemeinsamen europäischen Integrationsrahmen: Die Visapolitik soll angepasst werden, während der Beitritt zur Union nach Einschätzung des Ministers vorerst nicht absehbar ist.
Bis Ende 2027 will Belgrad nach den vorliegenden Aussagen die notwendigen Bedingungen erfüllen. Ob die angekündigten Reformen umgesetzt werden und wie die Europäische Union beziehungsweise die Schengen-Staaten den serbischen Antrag bewerten würden, ist derzeit nicht entschieden. Die Beratungen über die Visafreiheit für russische Staatsbürger sollen in Serbien jedenfalls fortgesetzt werden.


