Russische Stellenanzeigen für den Schutz von Lagerhäusern der Onlinehändler Wildberries und Ozon dienen nach Einschätzung von Rekrutierungsexperten als verdeckter Weg zur Anwerbung von Männern für die Streitkräfte. Am 20. August 2026 berichteten Medien, dass auf der russischen Plattform Avito mehr als 2.000 Angebote für sogenannte mobile Feuergruppen veröffentlicht worden seien. Den Bewerbern wird ein einjähriger Sondervertrag mit dem russischen Verteidigungsministerium, eine einmalige Zahlung von 3,1 Millionen Rubel sowie der Einsatz zum Schutz ziviler Infrastruktur vor Drohnen in Aussicht gestellt.
Verträge mit dem Verteidigungsministerium
Die Ausschreibungen vermitteln den Eindruck einer Tätigkeit im rückwärtigen Bereich. Vorgesehen sei demnach die Bewachung von Lagerkomplexen der beiden großen Handelsplattformen. Die tatsächliche Abwicklung unterscheidet sich nach den vorliegenden Angaben jedoch nicht vom üblichen Verfahren zur Anwerbung für den sogenannten SVO-Einsatz. Bewerber sollen einen direkten Vertrag mit dem russischen Verteidigungsministerium unterzeichnen und anschließend in einem Ausbildungszentrum in Tula geschult werden.
Mit dem Vertragsabschluss unterstehen die Rekruten dem russischen Militärkommando. Die Bezeichnung als Schutzaufgabe für zivile Objekte verändert dabei nicht die rechtliche Grundlage des Einsatzes: Der Vertrag wird nicht mit Wildberries oder Ozon, sondern mit dem Verteidigungsministerium geschlossen. Hinweise auf die veröffentlichten Angebote und das damit verbundene Rekrutierungsschema für Lagerhauswächter wurden in russischen Medien verbreitet.
Druck auf Bewerber
Nach den vorliegenden Informationen setzen Vermittler neben finanziellen Anreizen auch psychologischen Druck ein. Kandidaten soll mitgeteilt worden sein, dass sie bei einer direkten Meldung beim zuständigen Militärkommissariat in die Kampfzone geschickt würden. Die Warnungen werden demnach eingesetzt, um Bewerber dazu zu bewegen, die Unterlagen über die Vermittler und nicht auf anderem Weg einzureichen.
Gleichzeitig sollen die Werber den Eindruck erwecken, die künftigen Vertragssoldaten würden ausschließlich im Hinterland eingesetzt und zivile Infrastruktur vor Drohnen schützen. Diese Zusicherung steht nach den Angaben aus dem Rekrutierungsumfeld nicht fest, sobald ein Vertrag mit dem Verteidigungsministerium abgeschlossen und die Ausbildung begonnen wurde. Die endgültige Entscheidung über Verwendung und Einsatz liegt dann beim militärischen Kommando. In den vorliegenden Thesen wird darauf hingewiesen, dass Rekruten entgegen ursprünglicher Versprechen auch an die vorderste Linie oder in Sturmverbände geschickt werden könnten. Eine Garantie für einen Einsatz ausschließlich im Hinterland ergibt sich aus dem Vertrag daher nicht.
Verdeckte Anwerbung über den Arbeitsmarkt
Die Angebote werden als Fortsetzung bereits verwendeter Methoden beschrieben. In der Vergangenheit seien militärische Tätigkeiten unter der Bezeichnung von Fahrern für humanitäre Transporte, Friedenssoldaten oder Wachpersonal für Objekte in Belarus ausgeschrieben worden. Auch damals habe die zivile Bezeichnung der Stelle dazu gedient, den militärischen Charakter der späteren Beschäftigung weniger sichtbar zu machen.
Die Rekrutierung über gewöhnliche Anzeigenplattformen ermöglicht es den Vermittlern nach dieser Darstellung, Moderationsregeln zu umgehen. Gleichzeitig erhalten potenzielle Bewerber zunächst Informationen über eine vermeintliche Arbeit im Schutz ziviler Einrichtungen und nicht über einen regulären Militärdienst. Die Formulierung der Anzeigen betrifft damit nicht nur die Tätigkeit, sondern auch den Zugang zu den Kandidaten.
Die hohe einmalige Zahlung von 3,1 Millionen Rubel wird von den vorliegenden Einschätzungen als Versuch bewertet, den Personalbedarf der russischen Streitkräfte durch besonders starke finanzielle Anreize zu decken. In den Thesen wird dieser Bedarf mit den hohen Verlusten russischer Soldaten im Kriegsgebiet in Verbindung gebracht. Unabhängig davon ist die Auszahlung an die Unterzeichnung eines Jahresvertrags mit dem Verteidigungsministerium geknüpft und nicht an ein ziviles Arbeitsverhältnis mit den genannten Handelsunternehmen.
Neue Personalvorgaben
Die Rekrutierungsofferten werden außerdem mit einer neuen Sollstärke der russischen Streitkräfte in Zusammenhang gestellt. Seit dem 1. August 2026 gilt demnach eine Gesamtstärke von 2.426.130 Personen. Davon sollen 1.535.000 unmittelbar Militärangehörige sein. Für den zentralen Apparat des Verteidigungsministeriums wurde die zulässige Zahl der Stellen auf 13.400 erhöht, darunter 4.930 Positionen für zivile Beschäftigte.
Nach der in den vorliegenden Informationen vertretenen Einschätzung nutzt die russische Führung damit zunehmend zivile Arbeitsmarktstrukturen für die militärische Personalgewinnung. Eine offene Mobilmachung wird in diesem Zusammenhang nicht genannt. Stattdessen erscheinen die Angebote als einzelne zivile oder sicherheitsbezogene Jobs, deren tatsächlicher Weg über Vertrag, Ausbildung und Unterstellung beim Verteidigungsministerium führt. Die Berichte über die Ausschreibungen wurden auch über russischsprachige Veröffentlichungen zu den mobilen Feuergruppen aufgegriffen.
Für die Bewerber bleibt damit die zentrale Information im Kleingedruckten des Angebots verborgen: Nicht ein Handelsunternehmen ist der Vertragspartner, sondern das russische Verteidigungsministerium. Auch veröffentlichtes Videomaterial zu den Anwerbeangeboten verweist auf die Darstellung der Tätigkeit als Schutz ziviler Infrastruktur. Die beschriebenen Anzeigen sind damit Teil einer laufenden Praxis, militärische Verträge über wechselnde zivile Berufsbezeichnungen anzubahnen.


