Mehr als 113.000 russische Staatsbürger haben binnen einer Woche den Grenzübergang Werchni Lars zwischen Russland und Georgien passiert. Der Anstieg fällt in eine Phase, in der in Russland über eine weitere Mobilisierungswelle für den Krieg gegen die Ukraine spekuliert wird. Eine formelle Entscheidung über eine neue Mobilisierung wurde bislang nicht bekanntgegeben. Die Zahl der Grenzübertritte wurde am 30. August 2026 in Berichten über die erwartete Mobilisierung genannt.
Der Grenzübergang Werchni Lars ist die wichtigste direkte Landverbindung zwischen Russland und Georgien. Der starke Zustrom wird mit Befürchtungen in Verbindung gebracht, dass nach den für den Herbst erwarteten Wahlen zur russischen Staatsduma erneut Hunderttausende Reservisten einberufen werden könnten. Ein Teil der russischen Bevölkerung versucht demnach, das Land zu verlassen, solange die Ausreise noch ohne zusätzliche Einschränkungen möglich ist.
Ausreise vor einer möglichen Einberufung
Während der Mobilmachung im Herbst 2022 war Georgien eines der wichtigsten Ziele für Russen, die eine Einberufung vermeiden wollten. Damals reisten mehr als 100.000 russische Staatsbürger nach Georgien ein. Der nun gemeldete Umfang der Grenzübertritte fällt dagegen in eine Zeit, in der eine neue Mobilisierung noch nicht offiziell verkündet wurde.
Die Reaktionen erfolgen damit früher als im Jahr 2022. Damals setzte der starke Exodus nach der öffentlichen Bekanntgabe der Mobilmachung ein. Heute existieren in Russland digitale Verfahren zur Erfassung und Einberufung von Wehrpflichtigen und Reservisten. Nach den vorliegenden Angaben werden dabei persönliche Daten systematischer gesammelt, Reservisten konkreten Militäreinheiten zugeordnet und digitale Einberufungsbescheide eingesetzt.
Solche digitalen Bescheide können automatisch ein Ausreiseverbot für wehrpflichtige Personen auslösen. Wer betroffen ist, muss daher nicht erst auf eine förmliche Mobilisierungsentscheidung warten, um mit Einschränkungen rechnen zu müssen. Die Möglichkeit, das Land vor einer solchen Maßnahme zu verlassen, ist für viele Betroffene der entscheidende Zeitpunkt.
Widerspruch zwischen offiziellen Aussagen und staatlichen Maßnahmen
Russische Behörden haben wiederholt erklärt, es gebe keine Pläne für eine weitere Mobilisierung. Gleichzeitig wurden die Verfahren zur militärischen Erfassung und zur Durchsetzung von Einberufungen ausgebaut. In der russischen Bevölkerung entsteht dadurch die Erwartung, dass eine neue Einberufung kurzfristig organisiert werden könnte.
Die hohe Zahl der Ausreisenden wird deshalb als Reaktion auf die Veränderungen im Wehrersatzsystem verstanden. Maßgeblich sind dabei nicht nur öffentliche Erklärungen von Regierungsvertretern, sondern auch die Einführung digitaler Einberufungsbescheide, die stärkere Kontrolle der Reservisten und die Möglichkeit, die Bewegungsfreiheit wehrpflichtiger Bürger einzuschränken.
Der Grenzverkehr belegt für sich genommen nicht, wie viele der ausgereisten Personen tatsächlich im wehrpflichtigen Alter sind oder eine Einberufung befürchten. Die vorliegenden Berichte nennen jedoch einen deutlichen Anstieg der russischen Ausreisen über Werchni Lars. Der Umfang des Stroms wird in sozialen Medien ebenfalls thematisiert, unter anderem in Meldungen zum Grenzverkehr zwischen Russland und Georgien.
Probleme bei der freiwilligen Rekrutierung
Parallel zum Anstieg der Ausreisen werden Schwierigkeiten bei der freiwilligen Rekrutierung russischer Soldaten beschrieben. Die Behörden versuchen demnach, stärker um Studenten zu werben. Für die Truppen der unbemannten Systeme war nach den vorliegenden Angaben bis Juli 2026 die Aufnahme von 80.000 Personen vorgesehen. Tatsächlich waren zu diesem Zeitpunkt rund 8.000 Personen gewonnen worden. Das entspricht etwa zehn Prozent des genannten Plans.
Die Angaben beziehen sich auf die Rekrutierung für die Truppen der unbemannten Systeme und nicht auf die gesamte russische Armee. Sie werden im Zusammenhang mit der Frage genannt, ob der freiwillige Zulauf ausreicht, um den militärischen Personalbedarf zu decken. Nach den vorliegenden Informationen versucht Russland deshalb, zusätzliche Instrumente für die Einberufung und die Kontrolle von Reservisten bereitzuhalten.
Zu diesen Instrumenten gehören die Aktualisierung personenbezogener Daten, die Zuordnung von Reservisten zu bestimmten Einheiten und digitale Einberufungen. Mit dem Versand eines digitalen Bescheids können zugleich Beschränkungen für die Ausreise wirksam werden. Die Verfahren verändern damit den zeitlichen Ablauf: Wehrpflichtige müssen nicht zwingend auf eine öffentliche Bekanntgabe warten, um ihre Ausreise zu planen.
Georgien und Armenien als Ziele
Georgien war bereits 2022 ein wichtiges Ziel russischer Staatsbürger, die dem Militärdienst im Krieg entgehen wollten. Für Tiflis bedeutet ein größerer Zustrom russischer Bürger zusätzliche wirtschaftliche Möglichkeiten. Zugleich steht die georgische Regierung vor der Aufgabe, mit den Folgen eines neuerlichen starken Grenzverkehrs umzugehen. Konkrete neue Maßnahmen Georgiens werden in den vorliegenden Angaben nicht genannt.
Neben Georgien gilt erneut Armenien als mögliches Ausweichziel. Das Land behindert die Einreise russischer Staatsbürger, die eine Entsendung in das Kriegsgebiet befürchten, nach den vorliegenden Angaben nicht grundsätzlich. Für die Einreise müssen sie den Grund ihrer Reise nicht erklären. Zudem besteht die Möglichkeit eines längeren Aufenthalts.
Armenien und Georgien werden deshalb auch 2026 von russischen Wehrpflichtigen als erreichbare Ziele betrachtet. Ob und in welchem Umfang der Zustrom weiter zunimmt, hängt von den weiteren Entscheidungen der russischen Behörden und von den tatsächlichen Ausreisemöglichkeiten ab. Eine neue Mobilisierung ist in den vorliegenden Angaben weiterhin nicht offiziell angekündigt.
Der Grenzübergang Werchni Lars bleibt damit ein zentraler Beobachtungspunkt für die Entwicklung der russischen Ausreisebewegung.


