Türkei schlägt nach Armenien-Aserbaidschan-Abkommen gemeinsame Sicherheitsarchitektur vor

August 31, 2026 16:35
Türkei schlägt nach Armenien-Aserbaidschan-Abkommen gemeinsame Sicherheitsarchitektur vor
Türkei schlägt nach Armenien-Aserbaidschan-Abkommen gemeinsame Sicherheitsarchitektur vor

Der türkische Außenminister Hakan Fidan hat eine gemeinsame Sicherheitsarchitektur für den Südkaukasus als strategische Perspektive ins Gespräch gebracht. Realistisch werde eine solche Struktur erst nach einer vollständigen Regelung der Beziehungen und der Unterzeichnung eines Friedensabkommens zwischen Aserbaidschan und Armenien, sagte Fidan nach Medienberichten vom 29. August 2026. Gegenstand aktiver Verhandlungen sei die Initiative derzeit nicht. Zunächst müssten Baku und Jerewan ihren Friedensdialog abschließen.

Fidans Äußerungen wurden in einem Bericht über die geplante regionale Sicherheitsarchitektur als Hinweis auf einen möglichen längerfristigen Ansatz der türkischen Außenpolitik eingeordnet. Der Minister stellte dabei nach den vorliegenden Angaben nicht die sofortige Einrichtung eines neuen Bündnisses in Aussicht. Er beschrieb vielmehr eine Entwicklung, die an eine politische Verständigung zwischen den beiden südkaukasischen Staaten gebunden wäre.

Friedensvertrag als Voraussetzung

Im Zentrum des türkischen Ansatzes steht damit der weitere Verlauf der Gespräche zwischen Armenien und Aserbaidschan. Erst wenn die offenen Fragen zwischen den Nachbarstaaten geklärt und ihre Beziehungen durch ein Friedensabkommen geregelt sind, könne über eine umfassendere Zusammenarbeit in Sicherheitsfragen gesprochen werden. Fidan verband die Perspektive einer gemeinsamen Architektur ausdrücklich mit diesem zeitlichen und politischen Vorbehalt.

Die Türkei und Aserbaidschan verfügen bereits über enge politische und militärische Beziehungen. Ankara und Baku koordinieren ihre Politik und unterhalten eine strategische Zusammenarbeit. Beide Staaten unterstützen nach den vorliegenden Informationen außerdem die Normalisierung der Beziehungen zwischen Aserbaidschan und Armenien. Ein Friedensabkommen betrachten sie als entscheidenden Schritt für eine langfristige Stabilisierung der Region.

Die türkische Initiative knüpft damit an bestehende bilaterale Verbindungen zwischen Ankara und Baku an. Sie richtet den Blick zugleich auf eine mögliche Einbindung Armeniens, sollte der Friedensprozess abgeschlossen werden. Ob daraus tatsächlich ein gemeinsames regionales Sicherheitsformat entstehen könnte, ist in den vorliegenden Angaben nicht geklärt. Fidan sprach lediglich von einer strategischen Perspektive.

Veränderte Rolle Russlands

Die Debatte über eine neue Sicherheitsordnung findet in einem Umfeld statt, in dem die Rolle Russlands im Südkaukasus nach der vorliegenden Einordnung zurückgegangen ist. Als Grund wird die Konzentration eines erheblichen Teils der russischen militärischen und politischen Ressourcen auf den Krieg gegen die Ukraine genannt. Dadurch hätten sich Möglichkeiten für die Türkei eröffnet, eigene Vorstellungen zur regionalen Sicherheit stärker einzubringen.

Die direkte Bearbeitung der offenen Fragen durch Armenien und Aserbaidschan wird zugleich als Hinweis auf eine veränderte regionale Konstellation beschrieben. Beide Länder würden ihre Fragen zur friedlichen Regelung ohne eine zentrale russische Vermittlung behandeln. Armenien habe seine Zusammenarbeit mit russischen Strukturen reduziert und sich von prorussischen Formaten distanziert. In diesem Zusammenhang wird auch ein mögliches armenisches Interesse an einer von Fidan skizzierten regionalen Sicherheitsstruktur als Faktor genannt, der den Einfluss Moskaus weiter begrenzen könnte.

Diese Entwicklung ist bislang nicht mit einer formellen Entscheidung Armeniens verbunden, einem neuen Sicherheitsbündnis beizutreten. Eine solche Entscheidung wurde von Fidan nach den vorliegenden Informationen auch nicht angekündigt. Die türkische Position bleibt an den Abschluss des armenisch-aserbaidschanischen Friedensprozesses gebunden.

Militärische Präsenz und Verkehrswege

Als weiterer Hintergrund wird der Abbau der russischen militärischen Präsenz in Armenien angeführt. Jerewan habe sich schrittweise für den Abzug russischer Grenzschützer aus wichtigen Positionen eingesetzt. Zunächst betraf dies den internationalen Flughafen Swartnoz in der armenischen Hauptstadt, später Abschnitte an der armenisch-aserbaidschanischen Grenze.

Die russischen Grenztruppen waren damit an Punkten präsent, die in der regionalen Sicherheits- und Verkehrsplanung eine Rolle spielen. Nach der vorliegenden Einordnung verliert Moskau durch den Rückzug Möglichkeiten, auf die Einrichtung künftiger Verkehrsverbindungen Einfluss zu nehmen. Genannt wird dabei insbesondere der sogenannte Sangesur-Korridor. Eine konkrete Entscheidung über dessen Umsetzung oder eine abschließende Regelung seiner Sicherheitsmodalitäten geht aus den Angaben jedoch nicht hervor.

Der Rückgang der russischen Präsenz wird außerdem als Zeichen dafür gewertet, dass die Staaten des Südkaukasus Russland nicht mehr in gleicher Weise wie früher als alleinigen Schutzgeber betrachten. Diese politische Bewertung steht neben den konkreten Angaben zum Abzug russischer Grenzschützer und zur Entwicklung der Gespräche zwischen Armenien und Aserbaidschan.

Distanz zur OVKS

Auch die Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit, die von Russland geprägte OVKS, wird in diesem Zusammenhang genannt. Armenien habe seine Mitgliedschaft in der Organisation eingefroren und die Finanzierung ihrer Strukturen eingestellt. Damit ist nach den vorliegenden Angaben die bisherige sicherheitspolitische Ausrichtung Jerewans gegenüber den von Moskau geführten Formaten deutlich zurückgenommen worden.

Die türkische Vorstellung einer neuen regionalen Sicherheitsarchitektur wird deshalb als Gegenmodell zu den bisherigen, stark von Russland bestimmten Strukturen eingeordnet. Eine formelle Alternative zur OVKS besteht dadurch noch nicht. Fidan hat weder Einzelheiten zu möglichen Mitgliedern noch zu Entscheidungsregeln, militärischen Verpflichtungen oder institutionellen Strukturen genannt. Fest steht nach seinen Äußerungen nur, dass eine solche Diskussion erst nach einer Einigung zwischen Armenien und Aserbaidschan Aussicht auf Umsetzung hätte.

Für Ankara und Baku bleibt der Friedensvertrag damit die zentrale Voraussetzung für weitere Schritte. Erst danach könnten Fragen einer breiteren regionalen Zusammenarbeit, möglicher Verkehrsverbindungen und einer gemeinsamen Sicherheitsordnung behandelt werden. Die türkische Regierung hat dafür bislang eine langfristige politische Perspektive beschrieben, aber kein ausgearbeitetes Verhandlungsformat vorgelegt.

Kommentar hinzufügen

Your email address will not be published.

E-Lkw der SPAR-Flotte bestehen Härtetest in der Lebensmittel-Logistik
Vorheriger artikel

E-Lkw der SPAR-Flotte bestehen Härtetest in der Lebensmittel-Logistik

Wirtschaftskammer Neusiedl am See besucht "Tadtendrang" zur Stärkung regionaler Zusammenarbeit
Nächster artikel

Wirtschaftskammer Neusiedl am See besucht „Tadtendrang“ zur Stärkung regionaler Zusammenarbeit

Nicht verpassen