Russische Militäragenten haben in Bern über Jahre hinweg mehr als 38.000 hochpräzise Scharfschützenpatronen beschafft. Die Männer standen nach den vorliegenden Angaben unter diplomatischer Deckung und nutzten ihre Stellung, um die Munition über einen Berner Waffenhändler zu beziehen. Der Gesamtwert der Lieferungen lag bei mehr als 200.000 Schweizer Franken.
Die Vorgänge wurden am 1. September 2026 bekannt. Die Lieferungen liefen demnach rund zehn Jahre und nahmen nach dem Beginn des russischen Großangriffs auf die Ukraine im Februar 2022 deutlich zu. Schweizer Sicherheitsbehörden stoppten die Geschäfte im Frühjahr 2024, kurz vor dem Ukraine-Friedensgipfel im Ort Bürgenstock. Der beteiligte Händler wurde später zu einer bedingten Freiheitsstrafe verurteilt. Die russischen Agenten hatten die Schweiz zu diesem Zeitpunkt bereits verlassen.
Beschaffung über diplomatische Strukturen
Bei den russischen Abnehmern soll es sich um Mitarbeiter des russischen Militärgeheimdienstes GRU gehandelt haben. Sie waren demnach als technisches Personal der russischen Handelsvertretung akkreditiert. Die diplomatische Stellung diente damit als Schutz für Kontakte und Beschaffungsvorgänge, die außerhalb eines regulären Handelsgeschäfts mit militärischer Munition lagen.
Die Übergaben der Patronen fanden nach den veröffentlichten Angaben unter anderem auf einem Parkplatz in Bern statt. Der Waffenhändler belieferte die russischen Kontaktpersonen mit Munition, die für Präzisionsgewehre geeignet war. Ein Teil der beschafften Waren wurde in die russische Handelsvertretung gebracht. Die Nutzung ziviler Infrastruktur und offizieller Einrichtungen erschwerte dabei die frühzeitige Erkennung des Vorgangs.
Eine Rekonstruktion der Munitionslieferungen an russische Agenten beschreibt die jahrelange Abwicklung und die Rolle des Berner Händlers. Die Ermittlungen der Schweizer Behörden führten im Frühjahr 2024 zum Ende der Lieferungen. Zu einer strafrechtlichen Verfolgung der russischen Abnehmer kam es nicht, weil sie das Land vor einer Anklage verlassen hatten.
Mehr Lieferungen nach Beginn des Großangriffs
Die Zunahme der Beschaffung nach Februar 2022 fällt in eine Phase, in der Russland wegen internationaler Sanktionen und eingeschränkter Importmöglichkeiten mit einem erschwerten Zugang zu westlicher Präzisionsmunition konfrontiert war. Die russische Militäraufklärung griff den Angaben zufolge deshalb verstärkt auf einen illegalen Beschaffungskanal in der Schweiz zurück.
Die Patronen waren nicht Teil eines offen ausgewiesenen staatlichen Beschaffungsvorgangs. Sie wurden über private Kontakte und unter Nutzung des diplomatischen Status russischer Mitarbeiter erworben. Dadurch entstand ein Kanal, über den militärisch verwendbare Güter außerhalb regulärer Export- und Kontrollverfahren nach Russland gelangen konnten.
Der Fall zeigt zugleich die unterschiedliche rechtliche Behandlung der Beteiligten. Während der lokale Händler in der Schweiz vor Gericht stand und eine bedingte Freiheitsstrafe erhielt, konnten die russischen Beschuldigten ihre diplomatische Stellung nutzen, um sich dem Zugriff der Schweizer Justiz zu entziehen. Die Immunität verhinderte damit nach den vorliegenden Angaben eine strafrechtliche Verfolgung der mutmaßlichen Organisatoren.
Schweizer Ermittlungen vor dem Gipfel
Die Schweizer Sicherheitsdienste griffen ein, bevor im Juni 2024 der Gipfel auf dem Bürgenstock stattfand. Der Zeitpunkt war für die Behörden insofern relevant, als die Lieferungen zu diesem Zeitpunkt bereits beendet waren und die mutmaßlichen russischen Agenten das Land verlassen hatten. Weitere Angaben zu einer Anklage gegen russische Staatsangehörige liegen in dem beschriebenen Fall nicht vor.
Die Affäre betrifft damit mehrere Ebenen: den illegalen Verkauf von militärisch nutzbarer Munition, die Verwendung diplomatischer Funktionen durch mutmaßliche Angehörige des russischen Militärgeheimdienstes und die Möglichkeiten der Schweizer Behörden, solche Aktivitäten rechtzeitig zu erkennen. Die Lieferungen liefen trotz ihrer Größenordnung über einen langen Zeitraum. Erst die Ermittlungen im Jahr 2024 setzten dem Vorgang ein Ende.
Der Fall aus Bern reiht sich nach den vorliegenden Angaben in jene Aktivitäten russischer Nachrichtendienste ein, bei denen diplomatische oder handelsbezogene Strukturen zur Kontaktaufnahme und Beschaffung genutzt werden. Im konkreten Verfahren konzentrierte sich die strafrechtliche Aufarbeitung auf den Schweizer Waffenhändler. Die russischen Abnehmer waren bereits außer Landes, als die Behörden die Lieferungen stoppten.


