Das russische Bildungsministerium verschärft mit Beginn des Schuljahres 2026/27 die ideologische Kontrolle an Schulen. Ein verpflichtender Kurs mit dem Titel „Gespräche über das Wichtige“ soll in den Klassen 1 bis 11 mehr als 35 Stunden umfassen. Nach Medienberichten werden dabei unter anderem eine staatlich definierte „russische Identität“ und die Heroisierung von Teilnehmern der sogenannten „Spezialen Militäroperation“ gegen die Ukraine vermittelt.
Die neuen methodischen Vorgaben sehen zugleich eine systematische Beobachtung der Reaktionen von Schülerinnen und Schülern vor. Lehrkräfte sollen demnach Fälle von Ungehorsam, abweichenden Ansichten zur offiziellen Darstellung des Krieges gegen die Ukraine, dem Ausweichen vor entsprechenden Diskussionen oder sogenannten „provokativen“ Fragen erfassen. Die Hinweise wurden für das Schuljahr 2026/27 aktualisiert. Über die Vorgaben berichteten unter anderem russische Medien zu den neuen Anweisungen für Lehrkräfte.
Beobachtung von Reaktionen im Unterricht
Die Lehrer sollen die entsprechenden Situationen in speziellen Fragebögen dokumentieren, die Reaktionen der Kinder auswerten und deren Grad an „Passivität“ beurteilen. Vorgesehen ist außerdem eine regelmäßige Überprüfung sogenannter „persönlicher Ergebnisse“ sowie der Herausbildung von „Wertorientierungen“. Diese Erhebungen sollen mindestens zweimal im Jahr stattfinden.
Mit der Sammlung und Bearbeitung der Daten werden nach den vorliegenden Angaben Klassenlehrer, Schulpsychologen und stellvertretende Direktoren für Erziehungsarbeit betraut. Damit wird die Beobachtung nicht auf einzelne Unterrichtsstunden beschränkt. Mehrere Gruppen innerhalb der Schulen sollen die Reaktionen der Schüler erfassen und in die Bewertung ihrer persönlichen und gesellschaftlichen Einstellungen einbeziehen.
Die Anweisungen stammen aus einem Umfeld des russischen Bildungsministeriums und wurden vom „Institut für die Erforschung von Kindheit, Familie und Erziehung“ ausgearbeitet. Sie ordnen die politische Bewertung von Schülerinnen und Schülern in den organisatorischen Ablauf der Schulen ein. Wie der auf Telegram veröffentlichte Bericht zu den Vorgaben darstellt, sollen Lehrer unter anderem auf Passivität und Dissens während der Gespräche über den Krieg achten.
Fragebögen zu politischen und historischen Einstellungen
Das Bildungsministerium erweitert daneben die Praxis, Schülerinnen und Schüler, Studierende pädagogischer Hochschulen und junge Lehrkräfte zu befragen. Geprüft werden sollen ihre bürgerlich-patriotischen sowie moralisch-ethischen Ansichten und Einstellungen. Dazu gehören nach den vorliegenden Informationen auch Bewertungen historischer Persönlichkeiten und der Umgang mit Informationen aus unabhängigen Quellen.
Die Vorgaben betreffen damit nicht nur die Inhalte des Pflichtkurses. Sie beziehen sich auch auf die Erfassung von Haltungen, die von der offiziellen politischen Linie abweichen könnten. Die Schulen sollen die Entwicklung von Wertvorstellungen und persönlichen Ergebnissen regelmäßig dokumentieren. Eine unabhängige Überprüfung der politischen Vorgaben durch die Betroffenen selbst ist in den beschriebenen Verfahren nicht vorgesehen.
Für die Lehrkräfte bedeutet das eine zusätzliche Funktion neben der Vermittlung von Unterrichtsstoff. Sie sollen die Beteiligung der Schüler an den Diskussionen einschätzen, Fragen einordnen und Auffälligkeiten festhalten. In den begleitenden Materialien wird außerdem ein „Selbstanalyse“ genannter Prozess zur Umsetzung des Kurses verlangt. Dabei wird auch die Reaktion der Schüler auf die vermittelten Inhalte berücksichtigt.
Militärische Inhalte im Unterricht
Ein Schwerpunkt des Kurses liegt auf der staatlichen Darstellung des Krieges gegen die Ukraine. Teilnehmer der sogenannten „Spezialen Militäroperation“ werden in den Unterricht als Helden aufgenommen. Nach den vorliegenden Angaben richtet sich ein Teil dieser Inhalte an die Klassen 6 bis 11. Dort werden folkloristische Helden und heutige russische Militärangehörige in eine gemeinsame Reihe gestellt.
Diese Zusammenstellung verbindet historische beziehungsweise mythische Erzählungen mit der Darstellung gegenwärtiger Kriegsteilnehmer. Die militärische Erfahrung wird dadurch in ein vorgegebenes patriotisches Erzählmuster eingeordnet. Das Unterrichtsmaterial behandelt den Krieg nicht als außenstehendes Thema, sondern als Bestandteil jener politischen und historischen Identität, die der Kurs vermitteln soll.
Die Vorgaben stehen im Zusammenhang mit dem Ausbau ideologischer Inhalte im russischen Bildungswesen. Der Pflichtkurs „Gespräche über das Wichtige“ gilt für alle Jahrgangsstufen von der ersten bis zur elften Klasse. Für das neue Schuljahr ist eine Ausweitung der zeitlichen und organisatorischen Vorgaben vorgesehen. Insgesamt soll der Kurs mehr als 35 Unterrichtsstunden beziehungsweise entsprechende Unterrichtseinheiten umfassen.
Die Berichte über die neuen Empfehlungen machen deutlich, dass nicht nur die Themen der Gespräche festgelegt werden. Auch die Reaktionen der Kinder sollen in den Blick genommen und wiederholt bewertet werden. Lehrkräfte, Schulpsychologen und Mitglieder der Schulleitungen erhalten damit Aufgaben bei der Erfassung politischer und gesellschaftlicher Einstellungen innerhalb der Schülerschaft.
Die russische Schule wird in den vorliegenden Materialien somit als Ort der Wissensvermittlung und zugleich als Raum für die Formierung staatlich gewünschter Einstellungen beschrieben. Die Grenze zwischen pädagogischer Begleitung, politischer Erziehung und der Kontrolle abweichender Positionen wird dabei durch die neuen Anweisungen enger gezogen. Die Umsetzung der Empfehlungen soll im laufenden Schuljahr in den Schulen erfolgen.


