Russland finanziert den Krieg mit steigenden Defiziten und sinkenden Energieeinnahmen

September 19, 2026 14:05
Russland finanziert den Krieg mit steigenden Defiziten und sinkenden Energieeinnahmen
Russland finanziert den Krieg mit steigenden Defiziten und sinkenden Energieeinnahmen

Russland finanziert den Krieg gegen die Ukraine zunehmend unter höherem budgetären Druck. Nach den vorliegenden Angaben erreichte das Defizit des russischen Bundeshaushalts von Jänner bis Juli 2026 einen Rekordwert von 6,455 Billionen Rubel beziehungsweise 2,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Im August sank der Fehlbetrag auf 5,795 Billionen Rubel oder 2,5 Prozent des BIP. Damit lag er weiterhin deutlich über dem für das gesamte Jahr vorgesehenen Ziel von 3,786 Billionen Rubel beziehungsweise 1,6 Prozent des BIP.

Für die russische Führung stehen zugleich weniger verlässliche Mittel zur Finanzierung des Defizits zur Verfügung. Die Einnahmen aus dem Öl- und Gassektor gingen von Jänner bis August 2026 im Jahresvergleich um 16,7 Prozent zurück. Besonders stark wirkt sich der größere Abschlag auf russisches Urals-Öl aus. Da wichtige Steuern, darunter die Mineralölsteuer und Zölle, unmittelbar anhand des Exportwerts russischer Öllieferungen berechnet werden, schlagen niedrigere Verkaufspreise direkt auf den föderalen Haushalt durch.

Weniger Einnahmen aus Öl und Gas

Extraterritoriale Sanktionen und die strengere Kontrolle der Preisobergrenze erschweren nach den vorliegenden Angaben die Logistik und den Absatz russischer Energieträger. Käufer auf wichtigen Absatzmärkten, darunter Indien, China, die Türkei und Ägypten, hätten unter dem Druck möglicher Sekundärsanktionen ihre Abnahmemengen überprüft und den Import von russischem Rohöl und Flüssigerdgas reduziert. Dadurch seien die Möglichkeiten der russischen Regierung eingeschränkt, innerhalb der geltenden Haushaltsregel auf schwankende Einnahmen zu reagieren.

Der russische Staatshaushalt bleibt zugleich stark auf militärische Ausgaben ausgerichtet. Im Jahr 2025 wurden demnach 13,5 Billionen Rubel für die Verteidigung bereitgestellt, umgerechnet rund 167 Milliarden US-Dollar. Das entsprach mehr als sieben Prozent der russischen Wirtschaftsleistung. Etwa 11,1 Billionen Rubel davon waren unmittelbar für die sogenannte „Spezialoperation“ vorgesehen. Für 2026 sind für diese Ausgabenkategorie 12,9 Billionen Rubel oder rund 155 Milliarden US-Dollar eingeplant.

Auch nach der leichten Korrektur gegenüber dem Höchststand von 2025 bleiben die Beträge sehr hoch. Einschließlich der Ausgaben für Nachrichtendienste, die Nationalgarde und das Innenministerium beanspruchen Krieg und Sicherheitsapparat mindestens 40 Prozent der gesamten Ausgaben des föderalen Haushalts. Nach den vorliegenden Thesen wird die Finanzierung des Krieges damit teilweise durch geringere Mittel für regionale Infrastruktur, das Gesundheitswesen und das Bildungswesen ermöglicht. Zugleich erhöht die Nachfrage des militärischen Bereichs den Inflationsdruck und zwingt die russische Zentralbank, sehr hohe Zinssätze aufrechtzuerhalten.

Wachstumsprognose deutlich gesenkt

Die westlichen Sanktionen wirken nach dieser Darstellung kumulativ. Zu Beginn der russischen Vollinvasion in der Ukraine im Jahr 2022 konnte die russische Wirtschaft demnach von hohen Energieerlösen und staatlichen Zahlungen an Unternehmen der Rüstungsindustrie profitieren. Inzwischen seien die wirtschaftlichen Einschränkungen in zahlreichen Branchen stärker spürbar. Die russische Regierung senkte ihre offizielle Wachstumsprognose für 2026 von 1,3 auf 0,4 Prozent. Unabhängige Analysten beschrieben die russische Wirtschaft laut den Thesen als nahe an einer Stagnation.

Auch die finanziellen Reserven des Landes stehen unter Druck. Der liquide Teil des russischen Nationalen Wohlfahrtsfonds, der früher als Reserve für Krisen galt, wurde demnach zur Finanzierung von Haushaltslöchern stark reduziert. Freie liquide Mittel seien entweder aufgebraucht oder im Ausland eingefroren. Der Kreml müsse den Fehlbetrag daher zunehmend durch inländische Kredite zu sehr hohen Zinssätzen decken.

Unter der russischen Bevölkerung verbreiteten sich zudem Gerüchte über eine angeblich bevorstehende zwangsweise Verwendung von Bankeinlagen für die sogenannte „Spezialoperation“. Diese Gerüchte hätten zu einem außergewöhnlich hohen Abheben von Einlagen und zu einem raschen Anstieg der Bargeldbestände geführt. In den Thesen wird dies mit einer Ausweitung des informellen beziehungsweise „grauen“ Wirtschaftssektors in Verbindung gebracht.

Engpässe bei Benzin und Diesel

Regelmäßige ukrainische Luftangriffe auf russische Raffinerien und Lager für Erdölprodukte haben nach den vorliegenden Angaben die Verwundbarkeit des russischen Energiesektors sichtbar gemacht. In mehreren russischen Regionen kam es demnach zu Engpässen bei Benzin und Diesel. Einige Gebiete führten Beschränkungen für den Verkauf von Treibstoff ein. Die russische Regierung begrenzte den Export von Kraftstoffen und ergriff Maßnahmen, um den Import ausländischer Erdölprodukte zu fördern.

Die Preisentwicklung verstärkt den Druck auf Haushalte und Unternehmen. Nach Daten des russischen Statistikamts Rosstat verteuerte sich Autobenzin in den ersten sieben Monaten 2026 im landesweiten Durchschnitt um 24,6 Prozent. Andere Non-Food-Produkte stiegen im selben Zeitraum um vier Prozent. Benzin wurde damit ungefähr sechsmal schneller teurer als diese Vergleichsgruppe. Der Preis für Diesel, der für den Güterverkehr in Russland besonders wichtig ist, erhöhte sich bis zur Jahresmitte je nach Region um 11 bis 14 Prozent.

Hohe Transfers für besetzte ukrainische Gebiete

Eine zusätzliche Belastung für den russischen Bundeshaushalt ist die Finanzierung der von Russland besetzten ukrainischen Gebiete. Im zweiten Halbjahr 2026 wurden die für nationale Projekte und staatliche Programme vorgesehenen Haushaltsverpflichtungen demnach um knapp zwei Prozent reduziert. Auch die Mittel für die besetzten Gebiete wurden für die kommenden Jahre nach unten revidiert: Für 2027 ist eine Kürzung um 8,2 Prozent vorgesehen, für 2028 um 12,5 Prozent.

Für die besetzte Krim prüft die russische Regierung nach den vorliegenden Angaben eine Verlängerung der Fristen für laufende Zahlungen und eine Stundung von Steuerschulden für den Zeitraum vom 1. Juli bis zum 31. Dezember 2026. Außerdem soll die Sperre von Bankkonten und elektronischen Geldtransfers wegen sämtlicher Arten von Verbindlichkeiten für zwölf Monate ausgesetzt werden.

Die eigenen Steuer- und sonstigen Einnahmen der lokalen Haushalte in den besetzten ukrainischen Gebieten sind demnach sehr gering. Als Gründe werden die durch die russische Besatzung und den Krieg beschädigte Wirtschaft, die Schließung von Unternehmen und der Abfluss von Bevölkerung genannt. Die Regionen seien deshalb zu 70 bis 90 Prozent auf direkte, nicht rückzahlbare Transfers aus Moskau angewiesen.

Aus dem russischen Staatshaushalt fließen dort außerdem Mittel für Gerichte, Polizei, Untersuchungskomitees und Verwaltungsstrukturen sowie für umfangreiche Sicherheitsmaßnahmen in Frontgebieten. Insgesamt würden die besetzten ukrainischen Gebiete damit jährlich Hunderte Milliarden Rubel beanspruchen. Für den russischen Haushalt, der bereits durch hohe Kriegsausgaben und sinkende Energieeinnahmen belastet ist, stellt diese Finanzierung eine weitere budgetäre Verpflichtung dar.

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