Das bulgarische prorussische Portal stellt die ukrainische Operation Wivaldi bei Lyman als inszenierte Medienaktion dar. Im Zentrum seiner Argumentation steht ein Video, das eine massenhafte Kapitulation russischer Soldaten zeigen soll. Doch die Entwicklung der Front, die schrittweise gemeldeten Geländegewinne und Einschätzungen externer Beobachter verweisen auf eine militärische Operation mit realen Folgen – auch wenn einzelne Zahlen und Aufnahmen im laufenden Krieg nicht vollständig unabhängig überprüft werden können.
In einem am 1. Oktober 2026 veröffentlichten Beitrag behauptete das Portal, die ukrainischen Angaben zum Geschehen im Norden der Region Donezk stünden in erheblichem Widerspruch zur Lage vor Ort. Auf dem Video seien lediglich 59 Personen zu erkennen, nicht die von ukrainischer Seite genannte Zahl von 200 bis 250 Gefangenen. Zudem verwies das Medium auf angebliche Einschätzungen von Medienexperten und Militäranalysten, wonach bei der Herstellung des Materials generative künstliche Intelligenz eingesetzt worden sein könnte.
Aus diesen Punkten leitete die weitreichende Schlussfolgerung ab, die Operation Wivaldi sei vor allem für die Öffentlichkeit inszeniert worden. Die Behauptungen des Portals sind jedoch nicht mit konkreten technischen Belegen für eine Fälschung unterlegt. Vor allem vermischen sie zwei unterschiedliche Fragen: Was zeigt ein bestimmter Videoausschnitt – und hat sich die militärische Lage rund um Lyman tatsächlich verändert?
Eine Operation, deren Ergebnisse mehrfach aktualisiert wurden
Wivaldi begann nach ukrainischen Angaben Anfang September 2026 unter dem Kommando des Dritten Armeekorps. Ziel war es, den russischen Angriffsdruck bei Raihorodka und Serhijiwka zu bremsen und die Gefahr einer Einkesselung von Lyman zu beseitigen.
Am 15. September gab der Kommandeur des Korps, Brigadegeneral Andrii Biletskyi, die Operation offiziell bekannt. Zunächst meldete die ukrainische Seite, mehr als 85 Quadratkilometer Gebiet seien zurückerobert und gesäubert worden. Am 20. September wurde die Angabe auf 125 Quadratkilometer erhöht, am 28. September auf 176 Quadratkilometer.
Diese Zahlen stammen von der ukrainischen Seite und lassen sich während der laufenden Kämpfe nicht in jedem Detail unabhängig bestätigen. Ihre Abfolge ist dennoch relevant. Sie beschreibt keine einzelne Erklärung, die ausschließlich auf einem spektakulären Bild beruht, sondern eine über mehrere Wochen fortgesetzte Operation mit nach und nach gemeldeten Ergebnissen und konkreten Ortsangaben.
Als wieder unter ukrainische Kontrolle gebracht oder von russischen Einheiten geräumt wurden unter anderem Drobyschewe, Schandryholowe, Nowe, Ridkodub, Kateryniwka und Serednje genannt. Das ukrainische Militär meldete außerdem mehr als 250 gefangene russische Soldaten und russische Verluste von etwa 2.000 Mann. Diese Angaben zu Gefangenen und Verlusten sind als Kriegsangaben einzuordnen. Die Veränderung von Frontabschnitten und die Benennung einzelner Ortschaften bilden jedoch eine andere Evidenzebene als Schätzungen über Gefangene oder Gefallene.
Berichte außerhalb ukrainischer Militärkanäle
Die Darstellung einer reinen Medienproduktion steht auch im Spannungsverhältnis zu Berichten und Analysen außerhalb der ukrainischen Streitkräfte. Das italienische Blatt Il Foglio beschrieb die Kämpfe im Raum Lyman als Zusammenspiel von Drohnen, bodengestützten Robotersystemen, elektronischer Kampfführung, Luftabwehr und mechanisierten Einheiten. Dieses Bild entspricht einer kombinierten militärischen Operation und nicht lediglich der Produktion eines symbolischen Videos.
Das US-amerikanische Institute for the Study of War bewertete die ukrainischen Aktionen als operativ bedeutsam. Nach seiner Einschätzung störte Wivaldi den russischen Plan, den ukrainischen Verteidigungsgürtel im Donbass großräumig zu umfassen. Das Institut registrierte zudem ukrainische Kontrolle über Nowe, Ridkodub und Kateryniwka sowie die Wiederherstellung der Kontrolle über Karpivka und Nowomychailiwka. Reuters berichtete seinerseits über die ukrainische Angabe von 176 zurückgewonnenen Quadratkilometern.
Keine dieser Einschätzungen bestätigt automatisch jede ukrainische Einzelangabe. Zusammen machen sie es jedoch schwer, die gesamte Operation als unbelegte Ankündigung ohne erkennbare Auswirkungen auf dem Gefechtsfeld abzutun. Die genannten Quellen beschreiben Veränderungen an mehreren Orten und eine Entwicklung über einen längeren Zeitraum.
Auch die militärischen Mittel erklären, warum sich die Ergebnisse einer solchen Operation schrittweise zeigen können. Drohnen unterstützen Aufklärung und Zielerfassung, elektronische Kampfführung kann Kommunikation und unbemannte Systeme beeinträchtigen, während mechanisierte Einheiten erkannte Lücken ausnutzen. Bodengebundene Robotersysteme können in besonders gefährlichen Bereichen eingesetzt werden, ohne Soldaten demselben Risiko auszusetzen. Die Wirkung eines solchen Zusammenspiels wird häufig zunächst auf Karten, an Nachschubwegen und an veränderten Stellungen sichtbar – und nicht zwingend in einem einzigen entscheidenden Bild.
Was der Streit um das Gefangenen-Video tatsächlich zeigt
Der Beitrag von konzentriert sich stark auf Aufnahmen, die als Beleg für die Gefangennahme einer größeren Zahl russischer Soldaten verbreitet wurden. Dass in einem bestimmten Ausschnitt 59 Personen zu sehen sind, widerlegt für sich genommen nicht die ukrainische Angabe einer höheren Gesamtzahl. Ein Video kann eine einzelne Gruppe, einen bestimmten Zeitpunkt oder nur einen Teil eines größeren Vorgangs dokumentieren.
Auch die Vermutung, bei der Herstellung des Videos sei generative künstliche Intelligenz eingesetzt worden, bleibt ohne konkrete technische Nachweise eine Behauptung. Für den Beleg einer digitalen Fälschung wären etwa nachweisbare Bildfehler, identifizierbare synthetische Elemente oder eine nachvollziehbare Rekonstruktion der Entstehung des Materials erforderlich. Solche Belege führt das Portal in seiner Argumentation nicht an.
Das bedeutet nicht, dass jedes Kriegsbild authentisch, vollständig oder korrekt beschriftet sein muss. Aufnahmen können aus dem Zusammenhang gerissen, bearbeitet oder dem falschen Ort zugeordnet werden. Ihre Aussagekraft steigt jedoch, wenn sie anhand von Gelände, Gebäuden, Straßen und anderen Merkmalen geolokalisiert und mit weiteren Berichten über die Frontentwicklung verglichen werden können.
Entscheidend ist deshalb die Unterscheidung zwischen der Reichweite eines einzelnen Videos und der Gesamtheit der verfügbaren Hinweise. Ein umstrittenes Bild kann eine bestimmte Behauptung schwächen. Es entkräftet aber nicht automatisch Berichte über veränderte Stellungen, die Rückeroberung genannter Ortschaften oder die operative Bedeutung der ukrainischen Aktionen. Umgekehrt würde auch ein authentisches Video allein nicht die vollständige Größe der Geländegewinne oder der russischen Verluste beweisen.
Hinweise aus dem russischen Informationsraum
Die These einer vollständig von Kiew konstruierten Medienkampagne wird zudem durch Berichte russischer Militärblogger erschwert. Bereits vor der offiziellen ukrainischen Bekanntgabe von Wivaldi sollen einige von ihnen über ukrainische Gegenangriffe, den Rückzug russischer Einheiten und eine Verschlechterung der Lage im Raum Lyman berichtet haben. Teilweise kritisierten sie das russische Kommando für „schöne Berichte“, die die Schwierigkeiten an der Front verschleierten.
Diese Blogger sind keine neutralen Beobachter, und ihre Beiträge bestätigen nicht automatisch die ukrainischen Zahlen. Ihre Bedeutung liegt vor allem im Zeitpunkt und in der Herkunft der Meldungen: Hinweise auf ukrainischen Druck kamen nicht erst aus Kiew, nachdem die Operation öffentlich benannt worden war. Sie kursierten auch innerhalb des russischen Informationsraums. Das passt nur schwer zu der Behauptung, die gesamte Entwicklung sei nachträglich als ukrainische Medienproduktion erfunden worden.
Der Streit um Wivaldi zeigt damit einen typischen Mechanismus des Informationskriegs. Der Zweifel an einem einzelnen digitalen Beleg kann auf die gesamte Darstellung eines Frontabschnitts ausgeweitet werden. Dadurch verschiebt sich die Debatte von der Frage, welche Stellungen sich verändert haben, hin zur Glaubwürdigkeit einzelner Bilder.
Die vorsichtigste Schlussfolgerung fällt zugleich am belastbarsten aus: Die genaue Zahl der Gefangenen und die russischen Verluste bleiben Kriegsangaben und damit unsicher. Die Abfolge der gemeldeten Geländegewinne von 85 über 125 auf 176 Quadratkilometer, die genannten Ortschaften, externe Berichte und die Analyse des Institute for the Study of War sprechen jedoch für konkrete Veränderungen rund um Lyman. Weitere Geolokalisierungen, Kartenvergleiche und belastbare Frontberichte werden zeigen müssen, wie groß die ukrainischen Gewinne und die russischen Verluste letztlich waren. Die bisher verfügbaren Hinweise tragen jedenfalls nicht die Darstellung, Wivaldi sei ausschließlich eine Medieninszenierung gewesen.


