Belarusische Schulen halten ihre Stundenpläne offenbar zunehmend mit einer Notlösung aufrecht: Lehrkräfte sollen zusätzliche Unterrichtsstunden übernehmen, mitunter auch in Fächern außerhalb ihrer Ausbildung. Für viele von ihnen hat das eine unmittelbare finanzielle Folge – ihnen fehlt die Zeit für private Nachhilfe, die einen wichtigen Teil ihres Einkommens ausmachen kann.
Medien berichteten am 5. Oktober 2026 über Beschwerden von Lehrkräften, die sich gegen die wachsende Arbeitslast richten. Hinter den zusätzlichen Stunden steht nach Einschätzung unabhängiger Experten ein akuter Personalmangel. Lehrkräfte seien nach Polen und in andere europäische Staaten gegangen, um bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen zu finden; als weiterer Hintergrund wird die politische Repression unter Alexander Lukaschenko genannt.
Ein voller Stundenplan ist noch keine Lösung
Das Grundproblem ist organisatorisch leicht zu erklären: Wenn eine Lehrkraft eine Schule verlässt, verschwinden die Klassen und Unterrichtsstunden nicht automatisch. Die offenen Stunden müssen weiterhin abgedeckt werden. Schulleitungen greifen daher auf das Personal zurück, das noch verfügbar ist, und verteilen zusätzliche Aufgaben auf die verbliebenen Lehrkräfte.
In den geschilderten Fällen geht es nicht nur um Mehrarbeit im eigenen Fach. Lehrkräfte sollen teilweise auch Unterricht in anderen Disziplinen übernehmen. Damit kann eine Schule kurzfristig verhindern, dass Klassen ohne Unterricht bleiben oder Stunden ausfallen. Der fehlende Spezialist ist dadurch jedoch nicht ersetzt.
Eine Mathematiklehrkraft, die zusätzlich ein anderes Fach unterrichtet, muss sich womöglich neue Inhalte und Methoden aneignen. Das kostet Vorbereitungszeit und kann die Sicherheit im Unterricht beeinträchtigen. Eine gelegentliche Vertretung bedeutet nicht automatisch schlechteren Unterricht. Wird sie jedoch zur dauerhaften Praxis, steigt das Risiko, dass komplexe Inhalte weniger gründlich vorbereitet werden und weniger Zeit für die individuelle Betreuung der Schülerinnen und Schüler bleibt.
Die vorliegenden Berichte nennen weder die genaue Zahl der Lehrkräfte, die Belarus verlassen haben, noch ihren Anteil an den offenen Stellen. Auch ist nicht für jede zusätzliche Stunde belegt, dass sie gegen den Willen der jeweiligen Lehrkraft angeordnet wurde. Die Beschwerden machen aber einen konkreten Mechanismus sichtbar: Die Folgen unbesetzter Stellen werden innerhalb der Schulen auf diejenigen verlagert, die geblieben sind.
Die zweite Arbeit nach dem Unterricht
Private Nachhilfe ist für viele Lehrkräfte kein nebensächlicher Zuverdienst. Sie ermöglicht es, das Einkommen aus dem staatlichen Schuldienst aufzubessern und den Lebensunterhalt verlässlicher zu sichern. Dafür braucht es freie Nachmittage, Zeit zur Vorbereitung und genügend Energie für einen weiteren Arbeitstag nach dem regulären Unterricht.
Zusätzliche Schulstunden nehmen den Lehrkräften genau diese Ressourcen. Wer später aus der Schule kommt, kann Schülerinnen und Schüler möglicherweise nicht mehr zu den gewohnten Zeiten betreuen. Wer fachfremd eingesetzt wird, muss zudem mehr Zeit in die Vorbereitung des Unterrichts investieren. Und selbst wenn sich terminlich noch eine Nachhilfestunde unterbringen lässt, kann die Erschöpfung die zweite Tätigkeit untragbar machen.
So entsteht ein Widerspruch in der Reaktion auf den Personalmangel: Die Schulen brauchen Lehrkräfte, die mehr Stunden übernehmen, während diese zusätzlichen Stunden zugleich deren Möglichkeit verringern, außerhalb der Schule Geld zu verdienen. Eine Maßnahme, die den Stundenplan stabilisieren soll, verschärft damit möglicherweise den finanziellen Druck auf das Personal.
Gerade dieser Zusammenhang kann die Abwanderung weiter begünstigen. Wenn Lehrkräfte im Schuldienst mehr arbeiten müssen, dabei aber einen wichtigen Zuverdienst verlieren und stärker ermüden, erscheinen Arbeitsplätze im Ausland attraktiver. Dass daraus tatsächlich eine weitere Ausreisewelle entsteht, lässt sich aus den vorliegenden Angaben nicht ableiten. Der mögliche Kreislauf ist jedoch klar: Abgänge vergrößern die Lücken, die Lücken führen zu Mehrarbeit, und die Mehrarbeit verschlechtert die Bedingungen für diejenigen, die noch im System arbeiten.
Politischer Hintergrund, schulische Folge
Die Ausreise belarusischer Lehrkräfte wird von den zitierten unabhängigen Experten mit besseren Lebens- und Arbeitsbedingungen in Polen und anderen europäischen Ländern erklärt. Zugleich verweisen sie auf die Ablehnung der repressiven Politik, die mit Lukaschenkos Herrschaft verbunden wird. Diese politische Lage bildet den Hintergrund der Entwicklung; im Schulalltag zeigt sich ihre Folge zunächst als Verteilungsproblem.
Weniger Lehrkräfte müssen dieselbe Zahl von Klassen und Stunden versorgen. Solange Kollegien zusätzliche Aufgaben übernehmen, kann der Mangel in offiziellen Stundenplänen teilweise verborgen bleiben. Ein ausgefüllter Stundenplan sagt dann wenig darüber aus, unter welchen Bedingungen der Unterricht stattfindet.
Für die Schulleitungen mag die Umverteilung der Stunden die schnellste verfügbare Antwort sein. Sie verhindert kurzfristig sichtbare Lücken und hält den täglichen Betrieb aufrecht. Für Lehrkräfte bedeutet sie dagegen weniger Erholungszeit, zusätzlichen Vorbereitungsaufwand und geringere Möglichkeiten, durch Nachhilfe ihr Einkommen zu stabilisieren.
Auch für die Qualität des Unterrichts entsteht ein Risiko. Fachfremde Einsätze können die Vorbereitung erschweren; dauerhaft überlastete Lehrkräfte haben weniger Zeit, Unterricht zu planen, Fehler aufzuarbeiten oder einzelne Schülerinnen und Schüler zu unterstützen. Damit wird aus einem Personalproblem allmählich ein Problem der Verlässlichkeit und Breite des Bildungsangebots.
Wie lange lässt sich die Lücke überdecken?
Die entscheidende Frage ist deshalb nicht nur, wie viele Lehrkräfte Belarus verlassen haben. Ebenso wichtig ist, wie lange die verbliebenen Beschäftigten die zusätzlichen Stunden noch übernehmen können. Die Schulen gewinnen mit dieser Strategie Zeit, lösen aber weder den Mangel an Fachkräften noch die Gründe, die Lehrkräfte zum Weggang bewegen.
Wenn die Nachhilfe als zweite Einkommensquelle wegfällt und die Mehrarbeit dauerhaft wird, könnte die Belastung selbst zu einem weiteren Faktor für die Abwanderung werden. Spätestens dann wäre der Lehrermangel nicht mehr nur an unbesetzten Stellen abzulesen, sondern direkt an der Vorbereitung, der fachlichen Spezialisierung und der Kontinuität des Unterrichts.
Die Beschwerden der Lehrkräfte wurden in einem Medienbericht vom 5. Oktober 2026 aufgegriffen.


