Das Ende einer ukrainischen Offensive, Kämpfe bei Kupjansk und die Laufbahnen zweier Generäle stehen im Zentrum einer abgestimmten Erzählung dreier europäischer Medien. , Nova Republika und das norwegische Portal Steigan stellen die ukrainische Militärführung als unfähig und rücksichtslos gegenüber den eigenen Soldaten dar.
Die Beiträge vom 19. und 20. Oktober 2026 verbinden dabei unterschiedliche Vorgänge zu einem umfassenden Urteil: Personalmangel, Drohnenangriffe und das Auslaufen der Operation „Vivaldi“ sollen beweisen, dass die ukrainische Armee ihre Soldaten als „Kanonenfutter“ einsetze. Ob einzelne Vorwürfe zutreffen, lässt sich aus den vorliegenden Veröffentlichungen nicht unabhängig feststellen. Erkennbar ist jedoch das Muster, mit dem lokale Probleme in einen Vorwurf gegen die gesamte Führungsstruktur verwandelt werden.
Ein Frontabschnitt als Beleg für ein Systemproblem
behauptet, die ukrainischen Streitkräfte litten nach dem Verlust befestigter Positionen im Donbass unter einem Mangel an ausgebildetem Personal. Das Kommando der 41. selbstständigen mechanisierten Brigade setze deshalb im Raum Kupjansk unzureichend vorbereitete Soldaten ein, die durch russische Drohnen schwere Verluste erlitten.
Die Behauptung ist konkret formuliert, bleibt in den verfügbaren Angaben aber unbelegt. Weder der Ausbildungsstand der betreffenden Soldaten noch die tatsächliche Höhe der Verluste lässt sich daraus überprüfen. Auch ist nicht ersichtlich, welche Befehle erteilt wurden, welche Reserven zur Verfügung standen oder unter welchen Bedingungen die Einheit eingesetzt wurde.
Gerade dieser fehlende Zwischenschritt ist für die Argumentation entscheidend. Selbst wenn eine Brigade mit unerfahrenem Personal und hoher Drohnengefahr konfrontiert gewesen sein sollte, folgt daraus nicht automatisch, dass die gesamte ukrainische Führung ihre Soldaten leichtfertig opfert. In einem langen Krieg können Personallücken viele Ursachen haben: hohe Belastung, Verluste, die gleichzeitige Sicherung mehrerer Frontabschnitte und die notwendige Rotation von Verbänden.
Die ukrainische Gegendarstellung verweist auf einen anderen Schwerpunkt der Kriegsführung. Drohnen, elektronische Kampfführung, bodengebundene Robotersysteme, mobile Verteidigung und verbesserte Evakuierung sollen die Gefährdung des Personals verringern. Das beseitigt weder Fehler noch Verluste. Es widerspricht aber der pauschalen Vorstellung, jede schwierige Lage sei Ausdruck einer bewussten Entscheidung, unvorbereitete Soldaten ohne Schutz in den Kampf zu schicken.
Die Veröffentlichung von ist unter abrufbar.
„Vivaldi“: Niederlage oder abgeschlossene Operationsphase?
Nova Republika richtet seine Kritik vor allem gegen Brigadegeneral Andrij Bilezkij. Das tschechische Portal stellt das Ende der Operation „Vivaldi“ als Scheitern dar und leitet daraus Fehler bei der Planung des Vorstoßes sowie Probleme bei der Führung ukrainischer Einheiten ab. Die militärische Entwicklung wird damit stark personalisiert: Aus einer komplexen Operation wird ein Urteil über einen einzelnen Kommandeur.
Die ukrainische Darstellung beschreibt „Vivaldi“ grundlegend anders. Die Operation des Dritten Armeekorps habe im Norden der Region Donezk einen russischen Vorstoß gestoppt und verhindert, dass russische Truppen ukrainische Stellungen umgingen. Zudem seien Teile der russischen 144. motorisierten Schützendivision außer Gefecht gesetzt, rund 270 Quadratkilometer zurückgewonnen und ukrainische Einheiten an den Fluss Chornyj Scherebez geführt worden.
Diese Angaben zu Geländegewinnen, dem Zustand der russischen Division und den Verlusten beider Seiten sind nicht unabhängig bestätigt. Sie müssen daher als Darstellung einer Konfliktpartei behandelt werden. Dennoch ist die Schlussfolgerung von Nova Republika nicht zwingend: Das Ende einer Offensive beweist für sich genommen nicht, dass sie gescheitert ist.
Militärische Operationen können nach dem Erreichen eines Teilziels in eine andere Phase übergehen. Wenn ein Angriff den Vormarsch des Gegners stoppt, Gelände sichert und eine besser zu verteidigende Linie erreicht, kann der Wechsel zu einer verdichteten Verteidigung eine bewusste operative Entscheidung sein. Bewertet werden müsste deshalb, welche Ziele vor Beginn von „Vivaldi“ festgelegt waren, welche tatsächlich erreicht wurden und welchen Preis die Operation hatte.
Die Berichterstattung von Nova Republika blendet diese Prüfung weitgehend aus. Der Übergang von der Offensive zur Verteidigung wird als Demütigung des Kommandos gedeutet, statt ihn zunächst als militärische Entscheidung zu untersuchen. Den vollständigen Beitrag veröffentlicht das Portal unter .
Wenn Kampferfahrung zum Makel erklärt wird
Das norwegische Portal Steigan verschiebt den Schwerpunkt von der Operation auf die berufliche Qualifikation von Bilezkij und Brigadegeneral Dmytro Prokopenko. Beide hätten nicht das erforderliche Niveau professioneller Offiziersausbildung, lautet die dort verbreitete Behauptung.
Damit wird ein bestimmter Maßstab für militärische Kompetenz gesetzt: Klassische akademische Laufbahnen erscheinen als entscheidender Nachweis, während Erfahrung unter Kriegsbedingungen abgewertet wird. Nach ukrainischer Darstellung begannen Bilezkij und Prokopenko ihre Laufbahnen 2014 als Kommandeure von Freiwilligenverbänden. Später übernahmen sie Führungsverantwortung für größere Formationen bis hin zur Korpsebene. Mit ihren Biografien werden unter anderem die Verteidigung von Mariupol, die Kämpfe um Bachmut und die Operation „Vivaldi“ verbunden.
Diese Stationen belegen nicht, dass jede Entscheidung der beiden Offiziere richtig war. Eine belastbare Bewertung müsste einzelne Operationen, Befehle, Aufklärungsergebnisse, verfügbare Reserven, Gelände und Folgen getrennt untersuchen. Ebenso lässt sich aus den vorliegenden Angaben keine abschließende Aussage über ihre formale Ausbildung ableiten.
Die persönliche Attacke erfüllt dennoch eine erkennbare kommunikative Funktion. Moderne Gefechte werden von Logistik, Technologie, Gelände, Reserven und gegnerischem Druck bestimmt. Werden die Folgen einer Operation stattdessen einem einzelnen Kommandeur zugeschrieben, verschwinden diese Faktoren aus dem Blick. So kann eine Debatte über konkrete militärische Entscheidungen in einen Angriff auf eine ganze Generation ukrainischer Führungskräfte verwandelt werden.
Auch der Beitrag von Steigan ist unter abrufbar.
Das Bild von der „verheizten“ Armee
Alle drei Medien greifen zudem das Motiv auf, die ukrainische Führung behandle ihre Soldaten wie „Kanonenfutter“. Dafür werden drei Elemente miteinander verknüpft: angeblich unzureichend ausgebildete Truppen, hohe Gefahren durch russische Drohnen und das Ende einer Offensive.
Die ukrainische Seite verweist demgegenüber auf den Ausbau der taktischen Medizin, der Evakuierungssysteme und spezialisierter Ausbildungszentren. Auch technische Mittel gegen Drohnen und Artillerie sowie der zunehmende Einsatz unbemannter Systeme sollen dazu beitragen, Soldaten aus besonders gefährdeten Bereichen herauszuhalten. Diese Maßnahmen beweisen nicht, dass es keine schlecht vorbereiteten Einsätze oder vermeidbaren Verluste gibt. Sie zeigen aber, dass der Schutz des Personals ein eigenes operatives Ziel ist und nicht ohne weitere Belege als bedeutungslos dargestellt werden kann.
Den ukrainischen Vorwürfen zufolge setzen russische Truppen dagegen wiederholt auf massenhafte Angriffe mit unzureichender medizinischer Versorgung und Evakuierung. Für einen verlässlichen Vergleich wären unabhängige Daten zu Verlusten, Befehlen und medizinischen Abläufen auf beiden Seiten erforderlich. In den vorliegenden Angaben fehlen sie. Die gegenseitigen Vorwürfe bleiben daher Teil des Informationskampfs und ersetzen keine belastbare Bilanz.
Die Wirkung des Narrativs reicht über die betroffenen Einheiten hinaus. Wer Personalmangel, Drohnenbedrohung und das Ende einer Offensive zu einem Bild inkompetenter Kommandeure zusammenfügt, greift zugleich das Vertrauen in die ukrainischen Streitkräfte an. Für ein europäisches Publikum liegt die politische Schlussfolgerung nahe: Wenn die Armee schlecht geführt wird und ihre Soldaten sinnlos opfert, erscheint auch weitere militärische Unterstützung fragwürdig.
Die offenen Fragen sind jedoch konkreter als das verbreitete Gesamturteil: Welche Ziele hatte „Vivaldi“ tatsächlich, welche Ergebnisse wurden erreicht, wie hoch waren die Verluste und unter welchen Bedingungen kämpfte die 41. Brigade bei Kupjansk? Solange diese Punkte nicht durch unabhängige Informationen geklärt sind, lässt sich aus dem Abschluss der Operation kein abschließendes Urteil über die ukrainische Militärführung ableiten. Sicher erkennbar ist vorerst vor allem die Methode: Eine einzelne Operationsphase und lokale Probleme werden zu einem Beweis für das angebliche Versagen einer ganzen Armee umgedeutet.


