In mehreren russischen Regionen werden Rücklagen für höhere Gehälter im öffentlichen Dienst zur Finanzierung von Schulden herangezogen. In Tomsk geht es um 787,3 Millionen Rubel für Kreditzinsen, in Archangelsk um weitere 618,6 Millionen Rubel, die im Herbst 2026 aus einer vergleichbaren Reserve abgezogen wurden.
Die Entscheidungen bedeuten nicht automatisch, dass geplante Gehaltserhöhungen endgültig gestrichen sind. Sie zeigen jedoch, welche Ausgaben inzwischen miteinander konkurrieren: Während regionale Regierungen ihre Verpflichtungen gegenüber Banken und anderen Gläubigern erfüllen müssen, schrumpft der Spielraum für Schulen, Krankenhäuser und soziale Leistungen.
In Tomsk wird die Gehaltsreserve für Zinsen verwendet
Am 21. Oktober 2026 berichteten russische Medien, dass die Regierung des Gebiets Tomsk 787,3 Millionen Rubel aus einer Rücklage für Gehaltserhöhungen im öffentlichen Dienst umwidmen will. Das Geld ist für die Zahlung von Kreditzinsen vorgesehen, nicht für die Tilgung der eigentlichen Schuld. Die Entscheidung findet sich in der regionalen Regierungsverordnung Nummer 225-p, über die The Insider berichtete.
Zum 1. Oktober 2026 belief sich der öffentliche Schuldenstand des Gebiets auf 59,5 Milliarden Rubel. Davon entfielen 26,7 Milliarden auf Haushaltskredite, 21,8 Milliarden auf Wertpapiere und 11 Milliarden auf Bankkredite. Besonders stark nahm die Verschuldung bei Geschäftsbanken zu: Seit Jahresbeginn stieg sie von 5 auf 11 Milliarden Rubel und verdoppelte sich damit mehr als.
Für die Beschäftigten im öffentlichen Dienst ist vor allem der Unterschied zwischen Zinszahlung und Tilgung entscheidend. Die 787,3 Millionen Rubel halten die Kredite zwar bedienbar, verringern aber nicht notwendigerweise den Schuldenstand. Tomsk verliert zugleich einen Teil der Reserve, die für höhere Einkommen oder andere soziale Maßnahmen vorgesehen war.
Ob und wann die geplanten Gehaltserhöhungen nachgeholt werden, geht aus den vorliegenden Angaben nicht hervor. Unmittelbar betroffen sind nicht die bereits gezahlten Löhne, sondern die Mittel, mit denen deren Erhöhung finanziert werden sollte.
Archangelsk greift mehrfach auf dieselbe Rücklage zu
Auch im Gebiet Archangelsk wurde die Reserve für Gehaltserhöhungen im September und Oktober zweimal gekürzt. Insgesamt wurden 618,6 Millionen Rubel entnommen. Davon flossen 366,6 Millionen in den Schuldendienst und 252 Millionen in den Reservefonds der Regionalregierung.
Bei der ersten Herbstentscheidung wurden 258,1 Millionen Rubel umgeschichtet: 186,1 Millionen für den Schuldendienst und 72 Millionen für den Reservefonds. Mit einer weiteren Entscheidung vom 1. Oktober, der Verordnung Nummer 746-pp, wurden nochmals 360,5 Millionen Rubel verteilt. Davon waren 180,5 Millionen für Schuldenzahlungen und 180 Millionen für den regionalen Reservefonds vorgesehen.
Diese Eingriffe kamen zu einer größeren Umschichtung im Frühjahr hinzu. Damals wurden fast 2 Milliarden Rubel aus derselben Rücklage zur Rückzahlung von Verbindlichkeiten gegenüber Geschäftsbanken verwendet. Aus einem Fonds, der ursprünglich höhere Einkommen im öffentlichen Dienst ermöglichen sollte, ist damit eine flexible Finanzierungsquelle für kurzfristige Haushaltsprobleme geworden.
Für die Regionalverwaltung hat die Umwidmung einen unmittelbaren Vorteil: Sie kann fällige Zahlungen an Kreditgeber leisten und ihre Liquidität sichern. Für Lehrer, medizinisches Personal und andere Beschäftigte bedeutet sie dagegen, dass geplante Erhöhungen ohne neuen Termin verschoben werden können. Der finanzielle Druck zeigt sich somit nicht in einer angekündigten Kürzung bestehender Gehälter, sondern im Ausbleiben eines erwarteten Zuwachses.
Belgorod: Der Schuldendienst wird innerhalb von zwei Jahren fast achtmal teurer
Wie stark sich die Belastung regionaler Haushalte verändert, zeigt das Gebiet Belgorod. Die Ausgaben für den Schuldendienst stiegen dort von 540 Millionen Rubel im Jahr 2024 auf 4,24 Milliarden Rubel im Jahr 2026. Das entspricht nahezu einer Verachtfachung.
Parallel wuchs die Verschuldung bei Geschäftsbanken. Anfang 2024 hatte das Gebiet nach den vorliegenden Zahlen keine solchen Verbindlichkeiten. Anfang 2025 waren es 4 Milliarden Rubel, im März desselben Jahres 9 Milliarden. Zum 1. Oktober 2026 erreichte die kommerzielle Verschuldung 17,9 Milliarden Rubel. Seit Beginn des Jahres 2025 kam damit ein Anstieg um 13,9 Milliarden Rubel hinzu.
Der Gouverneur des Gebiets, O. Schuwajew, erklärte, dass auch die Umverteilung von 5 Milliarden Rubel für kriegsbezogene Zwecke zusätzlichen Druck auf den Haushalt ausgeübt habe. Diese Aussage benennt einen Belastungsfaktor, erklärt aber nicht automatisch jede Veränderung der regionalen Finanzen. Sie macht jedoch den grundlegenden Mechanismus sichtbar: Wenn außergewöhnliche Ausgaben einen größeren Teil der Einnahmen binden, können Regionen laufende Verpflichtungen durch neue Kredite aufrechterhalten. Zinsen und Rückzahlungen belasten dann die folgenden Haushaltsjahre.
Kommerzielle Kredite schaffen kurzfristig Spielraum, führen aber zu festen Zahlungsverpflichtungen. Diese konkurrieren später mit Gehältern, Sozialprogrammen und Investitionen. In Tomsk zeigt sich der Druck an der raschen Zunahme der Bankkredite, in Belgorod am gleichzeitigen Anstieg der kommerziellen Schulden und ihrer Bedienungskosten.
Niedrige Schuldenquote, steigende Kosten
Auf Bundesebene verweist Präsident Wladimir Putin regelmäßig auf die vergleichsweise niedrige russische Staatsschuldenquote. Nach einer Schätzung des russischen Finanzministeriums soll der föderale Schuldenstand Ende 2026 bei 46,2 Billionen Rubel liegen, entsprechend 19,9 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Damit bleibt Russland deutlich unter den Quoten, die für die Vereinigten Staaten oder Italien genannt werden.
Die Schuldenquote allein sagt jedoch wenig darüber aus, wie viel Geld jedes Jahr für den Schuldendienst aufgebracht werden muss. Für 2026 sind im föderalen Haushalt 3,9 Billionen Rubel dafür vorgesehen. Das entspricht 8,8 Prozent der gesamten Ausgaben. 2021 lag der Anteil noch bei 4,4 Prozent. Nach der mittelfristigen Haushaltsplanung soll er 2027 auf 9,4 Prozent und 2029 auf 10,6 Prozent steigen.
Ein Staat kann also im Verhältnis zu seiner Wirtschaftsleistung relativ gering verschuldet sein und dennoch eine wachsende jährliche Finanzierungslast tragen. Neue Kredite, höhere Zinssätze oder eine stärkere Abhängigkeit von Geschäftsbanken können den Schuldendienst verteuern, bevor die Gesamtschuldenquote international alarmierend wirkt. Auf regionaler Ebene wird diese Entwicklung bei jeder Entscheidung über Rücklagen und Gehälter unmittelbar spürbar.
Nach Angaben der russischen Ratingagentur Expert RA stieg die gemeinsame Verschuldung der russischen Regionen 2025 um 10,6 Prozent auf 3,5 Billionen Rubel. Das war der höchste Stand seit 15 Jahren. Die Ausgaben der Regionen für den Schuldendienst nahmen im selben Jahr um 39 Prozent zu.
Militärausgaben begrenzen die Unterstützung für die Regionen
Zusätzlichen Druck erzeugen die geplanten Ausgaben für den Krieg. Nach den genannten Haushaltsplanungen sollen sie von 12,9 Billionen Rubel im laufenden Jahr auf 17,1 Billionen Rubel im Jahr 2027 steigen. Je größer der Anteil der Bundesmittel ist, der für Verteidigung und militärische Aufträge gebunden wird, desto weniger Spielraum bleibt für Transfers an die Regionen oder für die Unterstützung ihrer Personal- und Sozialausgaben.
Die Fälle Tomsk und Archangelsk belegen nicht, dass jede verschobene Gehaltserhöhung dieselbe Ursache hat oder alle russischen Regionen vor identischen Problemen stehen. Sie zeigen aber eine konkrete finanzielle Spannung: Rücklagen für höhere Einkommen werden zur Bedienung von Schulden eingesetzt, während kommerzielle Kreditaufnahme und kriegsbedingte Prioritäten die regionalen Haushalte weniger beweglich machen.
In den kommenden Haushaltsjahren wird sich daher entscheiden, ob die Bundesregierung die Regionen ausreichend entlastet. Andernfalls könnten weitere Mittel, die für Gehälter und soziale Ausgaben vorgesehen sind, als Puffer für wachsende Zins- und Rückzahlungsverpflichtungen dienen.


