Die Ukraine braucht im Krieg gegen Russland zusätzliche Soldaten. Das französischsprachige Portal Réseau International macht aus diesem realen und gesellschaftlich belastenden Problem jedoch eine weitreichende Behauptung: Die ukrainische Führung opfere Energieversorgung, Infrastruktur, Landwirtschaft und andere strategische Bereiche, um die Armee um jeden Preis aufzufüllen.
Ein am 20. und 21. Oktober 2026 veröffentlichter Beitrag des brasilianischen Journalisten L. Leiroz verbindet diese Darstellung mit der Aussage, die Ukraine habe angesichts russischer Geländegewinne und sinkender Truppenstärke „keine Chancen auf einen Sieg“. Belege dafür, dass die Mobilisierung zentrale Wirtschaftsbereiche zum Zusammenbruch bringt, liefert der Text nicht. Er verwandelt eine schwierige Abwägung zwischen Front und Hinterland in eine Erzählung über einen Staat, der sich selbst zerstört.
Von der Personalnot zum „Kanonenfutter“
Leiroz schreibt, die Ukraine suche verzweifelt nach „Kanonenfutter“ und sei bereit, sogar strategisch wichtige Sektoren zu gefährden, um den Nachschub an Rekruten sicherzustellen. Diese Wortwahl beschreibt nicht neutral die Personalprobleme der ukrainischen Streitkräfte. Sie reduziert Soldaten auf eine austauschbare Masse und stellt die Verteidigung des Landes als Angriff der eigenen Regierung auf die Bevölkerung dar.
Die Mobilisierung ist für ukrainische Familien eine schwere Belastung und im Land politisch umstritten. Sie bringt Trennungen, Unsicherheit und für viele Menschen die konkrete Gefahr eines Einsatzes an der Front mit sich. Daraus folgt aber nicht automatisch, dass der Staat seine Bürger lediglich als menschliche Reserve behandelt. Eine belastbare Bewertung müsste zwischen den gesetzlichen Regeln, ihrer praktischen Anwendung und den konkreten Folgen für Familien und Arbeitgeber unterscheiden. Der Beitrag ersetzt diese Differenzierung durch einen entmenschlichenden Kampfbegriff.
Vor allem blendet er den Auslöser der Personalnot aus. Die Ukraine mobilisiert nicht unter Bedingungen eines normalen Wettbewerbs zwischen Staaten, sondern im Zuge der russischen Vollinvasion. Der Bedarf an zusätzlichen Soldaten entstand im Zusammenhang mit dem Versuch, das eigene Territorium und die staatliche Ordnung gegen einen Angriff zu verteidigen. Wer ausschließlich die Maßnahmen Kiews beschreibt und den Angriff, der sie notwendig gemacht hat, in den Hintergrund rückt, verdreht Ursache und Wirkung: Die Reaktion des angegriffenen Landes erscheint als Ursprung der Krise.
Das bedeutet nicht, dass jede ukrainische Mobilisierungsentscheidung wirksam, gerecht oder frei von Fehlern wäre. Es bedeutet nur, dass Kritik an einzelnen Regeln und Folgen nicht mit der pauschalen Behauptung gleichgesetzt werden kann, die Regierung opfere absichtlich die gesamte Gesellschaft für den Krieg.
Das scheinbare Dilemma zwischen Front und Wirtschaft
Der zweite Teil des Narrativs betrifft Beschäftigte in Bereichen, die für das Funktionieren des Staates als wesentlich gelten. Nach der Darstellung von Réseau International gefährdet ihre Einberufung die Energieversorgung, die Infrastruktur, die Landwirtschaft, die Rüstungsproduktion und die öffentliche Verwaltung. Dem Publikum wird damit eine scheinbar unausweichliche Wahl präsentiert: Entweder verstärkt die Ukraine ihre Streitkräfte – oder sie hält Staat und Wirtschaft funktionsfähig.
Die ukrainische Personalplanung sieht jedoch gerade für solche Konflikte Schutzmechanismen vor. Beschäftigte bestimmter Unternehmen und Institutionen können unter gesetzlichen Voraussetzungen von der Einberufung zurückgestellt beziehungsweise für ihre Tätigkeit reserviert werden. Das betrifft unter anderem Teile der kritischen Infrastruktur, der Energieversorgung, der Verteidigungsindustrie, der Landwirtschaft und staatlicher Einrichtungen.
Diese Regelungen beseitigen den Druck nicht. Unternehmen leiden unter Personalmangel, Behörden müssen entscheiden, welche Einrichtungen tatsächlich unverzichtbar sind, und die Umsetzung kann umstritten oder fehleranfällig sein. Die Existenz solcher Mechanismen widerspricht jedoch der Vorstellung, Beschäftigte würden unterschiedslos eingezogen und jede Mobilisierung bringe automatisch ganze Branchen zum Stillstand.
Auch die Behauptung eines bereits vollständig zerstörten wirtschaftlichen Hinterlands ergibt sich nicht aus den im Beitrag angeführten Punkten. Trotz des Krieges arbeiten ukrainische Unternehmen und Behörden weiter, lebenswichtige Dienste werden organisiert und Handelswege bleiben in Betrieb. Das ist kein Beleg für eine normale wirtschaftliche Lage. Die Wirtschaft steht unter enormem Druck, Lieferketten sind gestört, Infrastruktur wurde beschädigt und die Suche nach Arbeitskräften ist schwierig. Zwischen einer schwer belasteten Wirtschaft und einem vollständigen Zusammenbruch besteht dennoch ein entscheidender Unterschied.
Genau diesen Unterschied lässt der Artikel verschwinden. Aus einem tatsächlichen Problem – dem Mangel an Personal für die Streitkräfte – wird ohne sektorbezogene Zahlen oder überprüfbare Nachweise eine Prognose über den Untergang des Staates. Welche Unternehmen tatsächlich betroffen sind, wie viele Beschäftigte geschützt werden und welche Auswirkungen die Regelungen haben, wird nicht untersucht.
„Keine Chancen auf einen Sieg“ als politische Botschaft
Leiroz verbindet seine Argumentation mit Aussagen über schrumpfende ukrainische Truppenbestände, das Vorrücken russischer Einheiten und „null Chancen“ Kiews auf einen Sieg. Die Lage an der Front ist schwierig, und die Ukraine steht unter erheblichem militärischem Druck. Eine absolute Vorhersage des Ausgangs wird im Beitrag jedoch weder methodisch erklärt noch mit nachvollziehbaren Daten belegt.
Die Formel erfüllt deshalb vor allem eine politische Funktion. Wenn die Ukraine zugleich als militärisch aussichtslos und wirtschaftlich selbstzerstörerisch dargestellt wird, kann weitere westliche Unterstützung als sinnlos erscheinen. Hilfe für ein angegriffenes Land wird dann nicht mehr als Gegenstand einer schwierigen militärischen, humanitären und diplomatischen Abwägung präsentiert, sondern als künstliche Verlängerung eines angeblich bereits verlorenen Krieges.
Auch an dieser Stelle werden mehrere voneinander zu trennende Fragen zusammengezogen: Wie viele Soldaten benötigt die Ukraine? Welche sozialen und wirtschaftlichen Kosten entstehen durch ihre Rekrutierung? Und droht deshalb der Zusammenbruch des Staates? Die erste Frage beschreibt eine reale Kriegslage. Die zweite verlangt nach konkreten Daten und kritischer Prüfung. Die dritte wird im Artikel als Gewissheit behandelt, ohne entsprechend nachgewiesen zu werden.
Das Muster verschiebt zugleich die Verantwortung für die Folgen des Krieges. Die ukrainische Reaktion auf den Angriff wird als rücksichtsloser politischer Entschluss dargestellt, während die russische Invasion, die den Bedarf an Soldaten überhaupt erst geschaffen hat, aus dem Zentrum der Erklärung rückt. So erscheint das angegriffene Land als Verursacher der Belastungen, die durch den Krieg entstanden sind.
Ein unabhängiges Erscheinungsbild in einem veränderten Medienraum
Réseau International bezeichnet sich als mehrsprachiges, unabhängiges globales Medium. Das Portal veröffentlicht daneben regelmäßig kremlfreundliche und antiwestliche Beiträge, Erklärungen russischer staatlicher Stellen sowie Artikel gegen die französische Regierung, die NATO und Institutionen der Europäischen Union. Auch Verschwörungserzählungen und irreführende Darstellungen des Krieges gegen die Ukraine gehören zu seinem Angebot.
Die Mischung aus allgemeinen internationalen Nachrichten und stark politisch zugespitzten Beiträgen kann den Eindruck eines breit aufgestellten, neutralen Nachrichtenportals erzeugen. Dieses Erscheinungsbild ersetzt jedoch keine Prüfung der Quellen, Belege und wiederkehrenden Deutungsmuster. Im vorliegenden Fall wird eine reale Frage zur Personalplanung mit einer unbelegten Prognose über den Staatszerfall und einer kategorischen Aussage über eine militärische Niederlage verbunden.
Die Bedeutung solcher Plattformen hat im französischsprachigen Informationsraum zugenommen, nachdem die Europäische Union 2022 staatliche russische Sender wie RT und Sputnik blockierte. RT France wurde im März 2022 verboten und im Januar 2023 vollständig geschlossen. Mit dem Ende eines offiziellen Senders verschwinden jedoch nicht zwangsläufig dessen Argumente, Autoren oder Verbreitungswege. Ähnliche Botschaften können über Webseiten weiter zirkulieren, die äußerlich wie unabhängige Nachrichtenangebote wirken.
VIGINUM, die französische Regierungsstelle zur Beobachtung und Bekämpfung ausländischer digitaler Einflussnahme und Desinformationskampagnen, ordnet derartige Angebote nach eigenen Einschätzungen in einen größeren Zusammenhang koordinierter Versuche ein, die öffentliche Meinung in Europa zu beeinflussen. Diese Einordnung belegt für sich genommen nicht die Herkunft jedes einzelnen Artikels. Sie liefert aber einen Kontext, in dem wiederkehrende Muster geprüft werden können: die Darstellung der Ukraine als grundsätzlich illegitimer Staat, die Präsentation westlicher Unterstützung als vergeblich und die Behauptung, russische Geländegewinne machten den Ausgang des Krieges unausweichlich.
Der Beitrag zur Mobilisierung folgt genau dieser Konstruktion. Er nimmt eine schmerzhafte, reale Abwägung – wie die Ukraine ihre Streitkräfte personell aufrechterhalten kann, ohne lebenswichtige zivile Funktionen zu schwächen – und macht daraus den Beweis für eine angebliche Selbstzerstörung des Landes. Der entscheidende Sprung von der Personalnot zum umfassenden Staatsversagen bleibt dabei der am wenigsten belegte Teil des Arguments.
Zum Beitrag von Réseau International.


