Vertreter der Alternative für Deutschland (AfD) wollen im Dezember 2026 nach Moskau reisen, um ein internationales Geschäftsforum für 2027 vorzubereiten. Geplant ist ein Format mit Russland, den USA und Deutschland; zusätzlich sollen Wirtschaftsvertreter aus Italien und Frankreich angesprochen werden.
Das Vorhaben fällt in eine Zeit, in der die Europäische Union ihre Sanktionen gegen Moskau aufrechterhält und Russland wegen des Krieges gegen die Ukraine politisch wie wirtschaftlich isoliert bleibt. Noch gibt es weder eine bestätigte Veranstaltung noch bekannte Geschäftsabschlüsse. Die Bedeutung des Projekts liegt zunächst in der Aussicht, politische Kontakte in einen neuen Zugang zu westlichen Wirtschaftskreisen zu verwandeln.
Ein Plan, noch kein Forum
Das russische Medium EADaily berichtete am 22. Oktober 2026 über die geplante Reise. An der Vorbereitung soll auch Kirill Dmitrijew beteiligt sein, der Sonderbeauftragte des russischen Präsidenten und Leiter des Russischen Fonds für Direktinvestitionen.
Die bisher bekannten Angaben beschreiben eine Reiseabsicht und ein Projekt in der Planungsphase. Offen ist, ob das Forum 2027 tatsächlich stattfindet, welche Unternehmen teilnehmen würden und welche Branchen im Mittelpunkt stünden. Auch konkrete Vereinbarungen oder Investitionen sind nicht bekannt.
Diese Unterscheidung ist zentral. Ein angekündigtes Treffen kann keine Sanktionen außer Kraft setzen und stellt noch keine Wiederaufnahme des Handels dar. Es kann aber Erwartungen erzeugen, Gesprächspartner zusammenbringen und die Vorstellung verbreiten, wirtschaftliche Beziehungen mit Russland seien wieder verhandelbar. Politische Akteure verleihen einem solchen Prozess zusätzliche Sichtbarkeit.
Warum Moskau an dem Format interessiert sein dürfte
Für die russische Führung hätte ein Forum mit Teilnehmern aus mehreren westlichen Staaten mehrere mögliche Funktionen. Es könnte Russland als künftigen Geschäftspartner präsentieren, ohne dass zuvor die diplomatische Isolation endet oder die EU ihre Sanktionen aufhebt. Die Beteiligung einer deutschen Partei würde dem Vorhaben zudem eine politische Bühne geben.
Der geplante Teilnehmerkreis geht über einen bilateralen Kontakt zwischen AfD-Vertretern und russischen Funktionären hinaus. Sollten tatsächlich Wirtschaftsvertreter aus Deutschland, Italien und Frankreich hinzukommen, könnte Moskau das Treffen als breiteres westliches Gesprächsformat darstellen. Gerade diese internationale Rahmung wäre politisch nützlich: Sie würde den Eindruck vermitteln, dass trotz der europäischen Maßnahmen noch Kanäle zu westlichen Geschäftskreisen offenstehen.
Das wäre keine Aufhebung der Isolation. Auch folgt aus der geplanten Reise nicht, dass alle möglichen Teilnehmer ein gemeinsames politisches Ziel verfolgen. Der mögliche Einfluss entsteht zunächst auf einer niedrigeren, aber nicht bedeutungslosen Ebene: Kontakte werden wieder öffentlich, wirtschaftliche Interessen erhalten einen gemeinsamen Raum und eine spätere Normalisierung lässt sich leichter diskutieren.
Für Moskau kann bereits die Ankündigung einen Wert haben. Sie erlaubt der russischen Seite, sich als Gesprächspartner für Fragen wie Energie, Investitionen und Marktzugang zu präsentieren. Zugleich kann sie die Aufmerksamkeit von der Frage verschieben, unter welchen politischen Bedingungen eine Rückkehr zu solchen Beziehungen überhaupt möglich wäre.
Energie als europäische Bruchlinie
Die AfD verbindet ihre Beteiligung an solchen Initiativen mit der Forderung nach einer Wiederaufnahme wirtschaftlicher Beziehungen zu Russland. Dazu gehört auch die Perspektive, russische Energieträger wieder nach Deutschland zu liefern. Diese Position steht im Gegensatz zur derzeitigen Sanktionspolitik der EU, die den Druck auf Moskau aufrechterhalten soll, solange die russische Aggression gegen die Ukraine andauert.
Damit wäre das geplante Forum nicht nur eine Angelegenheit zwischen Berlin und Moskau. Ein Austausch mit Wirtschaftsakteuren aus mehreren EU-Staaten könnte die Debatte über Energiepreise, Investitionen und den Zugang zum russischen Markt in einen gesamteuropäischen Zusammenhang stellen. Die wirtschaftliche Abhängigkeit von Russland ist innerhalb der EU unterschiedlich stark ausgeprägt. Entsprechend unterscheiden sich auch die Interessen und die Bereitschaft, die politischen Kosten einer anhaltenden Konfrontation zu tragen.
Die EU-Sanktionspolitik beruht auf der Zustimmung ihrer Mitgliedstaaten. Unterschiedliche wirtschaftliche Prioritäten können die Verlängerung bestehender Maßnahmen erschweren oder den Widerstand gegen neue Sanktionen verstärken. Ein Geschäftsforum würde die europäische Linie nicht automatisch verändern. Es könnte jedoch einen Ort schaffen, an dem kommerzielle Argumente mit politischen Forderungen nach einer Annäherung an Moskau verbunden werden.
Das ist nicht gleichbedeutend mit einer bereits bestehenden Lobbykoalition oder einer nachgewiesenen koordinierten Einflussoperation. Dafür reichen die vorliegenden Angaben nicht aus. Das Risiko liegt vielmehr in der möglichen Entwicklung: Wenn Politiker und Unternehmen mit einem Interesse an erneuten Russland-Geschäften dieselbe Plattform nutzen, kann daraus zusätzlicher Druck auf Regierungen entstehen, die gemeinsame europäische Haltung schrittweise zu lockern.
Das Signal kommt vor dem Vertrag
Der Zeitpunkt macht das Vorhaben besonders sensibel. Russische Unternehmen könnten wieder in westlichen Gesprächskreisen auftauchen, bevor der Krieg gegen die Ukraine beendet ist. Dadurch könnte der Eindruck entstehen, wirtschaftliche Normalität lasse sich von den politischen und sicherheitspolitischen Folgen des Konflikts trennen.
Für die Ukraine und ihre europäischen Unterstützer liegt darin die Gefahr, dass Geschäftsinteressen den gemeinsamen Druck auf Moskau allmählich abschwächen. Sobald Energieversorgung, Investitionschancen oder der Zugang zum russischen Markt wieder im Vordergrund stehen, könnten Sanktionen als vorübergehendes Hindernis erscheinen – und nicht als Teil einer politischen Antwort auf den Krieg.
Für die AfD würde die Reise ihre Forderung nach einer wirtschaftlichen Annäherung an Russland sichtbar machen. Für die russische Führung wäre die Zusammenarbeit mit einer deutschen Partei ein Beleg dafür, dass im Westen weiterhin Gesprächspartner bereitstehen, um über Handel und Energie zu sprechen. Beides verändert die europäische Politik noch nicht, kann aber die Debatte über ihre künftige Richtung beeinflussen.
Die entscheidenden Fragen sind deshalb noch offen: Kommt die Reise im Dezember zustande? Wird das Forum 2027 tatsächlich organisiert? Und welche Unternehmen oder Wirtschaftsvertreter wären bereit, sich daran zu beteiligen? Erst die Antworten darauf werden zeigen, ob aus einem politischen Kontakt ein konkreter Gesprächskanal wird. Schon jetzt steht jedoch fest, dass die geplante Veranstaltung um mehr ringt als um einen Termin: um die Deutung, wann und unter welchen Bedingungen wirtschaftliche Beziehungen zu Moskau wieder als normal gelten sollen.


