Ein Passfoto auf einem Mobiltelefon brachte die Arbeit eines mutmaßlichen russischen Agenten in der Ukraine zu Fall. Alexander, 42, hatte nach eigener Darstellung für rund 5.000 Euro im Monat Informationen über ukrainische Soldaten gesammelt und nach Russland weitergeleitet. Heute sitzt er in der ukrainischen Strafkolonie Nr. 122 und hofft auf einen Gefangenenaustausch.
Sein größtes Bedauern gilt jedoch nicht den Menschen, deren Daten in falsche Hände gelangt sein sollen. Es gilt einer Datei, die er nicht gelöscht hatte.
Die New York Times schilderte den Fall in einem Beitrag von Maria Varenikova vom 11. Oktober 2026. Der Nachname des Gefangenen wird auf seinen Wunsch nicht genannt, weil er um seine Familie fürchtet. Teile seiner Darstellung wurden anhand von Gerichtsunterlagen und Gesprächen mit ukrainischen Amtsträgern geprüft; seine vollständige Version ließ sich nicht unabhängig bestätigen.
Ein Nebenverdienst mit immer höheren Einsätzen
Alexander wurde in der Ukraine geboren und besitzt die ukrainische und die israelische Staatsbürgerschaft. Nach eigener Aussage wurde er in Frankreich angeworben. Dort arbeitete er bei McDonald’s und hatte finanzielle Schwierigkeiten. Zwei russische Agenten hätten ihm bezahlte Aufgaben angeboten: Informationen beschaffen, kompromittierende Details suchen und Einzelheiten aus dem Leben anderer Menschen zusammentragen.
Die Bezahlung habe bei etwa 5.000 Euro im Monat gelegen. Zugleich bekannte sich Alexander offen zur Unterstützung Moskaus und zu dem, was er als Zugehörigkeit zur „russischen Welt“ bezeichnete. Die finanzielle Notlage und seine politische Haltung bildeten damit zwei Anknüpfungspunkte für die Zusammenarbeit, wie er sie später beschrieb.
Nach Beginn der russischen Vollinvasion der Ukraine änderte sich die Bedeutung der Aufträge. Alexander trat Onlinegemeinschaften bei, in denen ausländische Freiwillige Kontakte zu Menschen suchten, die die Ukraine verteidigen wollten. Er gab sich nach eigener Darstellung als jemand aus, der sich ebenfalls der ukrainischen Armee anschließen wollte. Er sprach mit Freiwilligen, beriet sie und gewann ihr Vertrauen.
Später soll er Russland Informationen über die Standorte ukrainischer Einheiten, geplante Einsätze und persönliche Daten von Soldaten übermittelt haben. Alexander räumte selbst ein, dass seine Tätigkeit zum Tod von Militärangehörigen beigetragen habe. Welche konkrete Nachricht welche Folgen hatte, ist allerdings nicht in jedem Einzelfall geklärt.
Gerade die einzelnen Anweisungen können unscheinbar wirken: die Adresse einer Einheit, Angaben zu einem Soldaten oder das Foto eines Dokuments. Zusammen können solche Informationen Menschen identifizieren, Truppen lokalisieren und die Auswahl von Zielen erleichtern. Wenn eine Nachricht später gelöscht wird, ist die Weitergabe nicht rückgängig gemacht.
Der entscheidende Fund im Telefon
Am 10. September 2024 wurde Alexander an einem Kontrollpunkt in der Region Charkiw angehalten. Ein Soldat überprüfte sein Telefon und entdeckte das Foto des Passes eines Kämpfers, der auf ukrainischer Seite im Einsatz war. Nach den von der Zeitung berichteten Angaben hatte Alexander das Bild nach Russland geschickt.
Auf die Kontrolle folgten ein Strafverfahren und ein Schuldeingeständnis, unter anderem wegen Hochverrats. Danach kam Alexander in die Strafkolonie Nr. 122 in der Zentralukraine. Aus einer Tätigkeit, die mit bezahlter Informationsbeschaffung begonnen haben soll, wurde so ein Fall mit jahrelanger Haft und ungewisser Zukunft.
Bei dem Gespräch mit der Journalistin der New York Times machte Alexander den Soldaten dafür verantwortlich, dass die Kommunikation entdeckt worden war. Über seine eigene Entscheidung sprach er anders:
„Wenn ich zurückgehen könnte, würde ich nur eines ändern: Ich hätte das Foto gelöscht.“
In diesem Satz liegt der auffälligste Widerspruch der Geschichte. Alexander erkennt die Folgen seiner Arbeit an, beschreibt seinen persönlichen Zusammenbruch aber vor allem als Folge der Entdeckung. Nicht die Übermittlung militärischer und persönlicher Informationen erscheint ihm als der entscheidende Fehler, sondern der Umstand, dass ein Beweis auf seinem Telefon zurückblieb.
Der Nutzen endet, die Haft bleibt
Alexander hofft nun, dass Russland sich an ihn erinnert und ihn in einen Gefangenenaustausch aufnimmt. Hinweise darauf, dass ihm eine Rückkehr zugesagt wurde, gibt es nicht.
Sean Wissewesser, ein ehemaliger Leiter einer CIA-Residenz, erklärte der New York Times, die meisten Agenten seien für Geheimdienste austauschbar. Eine Ausnahme bildeten besonders wertvolle Quellen. Für den Auftraggeber kann eine Verbindung damit enden, sobald ein Informant zu exponiert, zu riskant oder nicht mehr nützlich ist. Derjenige, der die Aufgaben ausgeführt hat, bleibt dagegen mit dem Strafverfahren und den Folgen seiner Handlungen zurück.
Diese Asymmetrie prägt den gesamten Fall. Der Auftrag wird aus der Ferne erteilt, die Bezahlung kann regelmäßig erfolgen, und die erste Bitte klingt möglicherweise nach einer begrenzten Recherche. Doch mit jedem neuen Kontakt wächst der Zugang zu Personen und Informationen. Aus einem Foto, einer Adresse oder einem persönlichen Detail kann ein Baustein für militärische Entscheidungen werden.
Für Alexander besteht die unmittelbare Folge in der Haft und einer unsicheren Aussicht auf einen Austausch. Für diejenigen, deren Identität, Aufenthaltsort oder Tätigkeit weitergegeben wurde, können die Folgen weit schwerer wiegen. Ein zu spät gelöschtes Passfoto bringt keinen Menschen zurück und verkürzt kein Jahr hinter Gittern.

