In Polen nehmen Auseinandersetzungen mit der Ukraine immer mehr Raum in der innenpolitischen Debatte ein. General Roman Polko, der frühere Kommandeur der Spezialeinheit GROM, warnt deshalb vor einer gefährlichen Verschiebung: Die zentrale Bedrohung für Polen gehe weiterhin von Russland aus, während Streit über Geschichte, Wirtschaft und bilaterale Interessen die Aufmerksamkeit binde.
Polnische Medien berichteten am 3. Oktober 2026 über Polkos Äußerungen. Der General kritisierte dabei nicht nur die öffentliche Diskussion, sondern auch die staatliche Information der Bevölkerung. Polen müsse seine Konflikte mit der Ukraine nicht verschweigen, dürfe sie aber nicht zum Maßstab der gesamten Sicherheitsdebatte machen.
Eine Bedrohung ohne eindeutige Front
Polko beschreibt die russische Gefahr als hybride Kriegführung. Dazu zählt er Sabotage, Cyberangriffe, Provokationen, Luftangriffe und Desinformation. Solche Aktivitäten müssen nicht wie der Beginn eines offenen Krieges aussehen. Ein Angriff auf digitale Systeme kann zunächst wie ein technischer Ausfall wirken, eine Desinformationskampagne wie ein gewöhnlicher politischer Streit. Eine Provokation kann darauf zielen, eine überhastete Reaktion auszulösen, während die Urheber und ihre Absichten zunächst unklar bleiben.
Gerade diese Uneindeutigkeit macht die Einordnung schwierig. Feindlicher Druck kann Infrastrukturen beschädigen, Dienstleistungen unterbrechen, Unsicherheit verbreiten und das Vertrauen in staatliche Institutionen schwächen, ohne dass ein klar erkennbares Schlachtfeld entsteht. Für Polen ist das auch deshalb bedeutsam, weil das Land an der östlichen Flanke der NATO liegt.
Die Einschätzung, Russland sei die wichtigste äußere Gefahr für Polen, ist Polkos strategische Bewertung. Sie wird in den Berichten über seine Aussagen wiedergegeben und stellt keine unabhängig ermittelte Rangliste sämtlicher Sicherheitsrisiken dar. Sein zentraler Einwand richtet sich gegen die politische Gewichtung: Während russischer Druck in unterschiedlichen Formen fortbestehe, werde der öffentliche Raum zunehmend von Konflikten mit der Ukraine bestimmt.
Streit mit einem Partner, Druck durch einen Gegner
Zwischen Polen und der Ukraine gibt es reale Spannungen. Dazu gehören historische Fragen und wirtschaftliche Interessen. Polko fordert nach dieser Darstellung nicht, solche Differenzen zu unterdrücken. Er stellt vielmehr infrage, ob sie zum dominierenden Rahmen der polnischen Sicherheitspolitik werden sollten.
Wenn die Ukraine zum Gegenstand dauerhafter innenpolitischer Mobilisierung werde, könne ein Partner zum scheinbar wichtigsten Problem des Landes werden, argumentiert der General. Russland, das er als Hauptquelle der äußeren Gefahr bezeichnet, rücke dann in den Hintergrund. Die Folge wäre ein verzerrtes Bild der Sicherheitslage: Ein Staat, der keinen Angriff auf Polen führe, beherrsche die innenpolitische Auseinandersetzung, während der tatsächliche militärische und hybride Druck weniger Beachtung finde.
Eine solche Verschiebung hätte nach Polkos Einschätzung nicht nur rhetorische Folgen. Anhaltende Spannungen könnten die politische Abstimmung zwischen Warschau und Kyjiw erschweren. Die beiden Länder haben unterschiedliche Rollen: Polen ist Mitglied der NATO und liegt an deren östlicher Flanke, während die Ukraine unmittelbar mit der russischen Aggression konfrontiert ist. Ihre Interessen sind nicht identisch, ihre Sicherheitsumfelder aber eng miteinander verbunden.
Schwieriger Austausch von Informationen, weniger politisches Vertrauen und eine geringere Bereitschaft zur praktischen Zusammenarbeit könnten die Reaktion auf gemeinsame Risiken beeinträchtigen. Das ist ein mögliches strategisches Risiko, keine Feststellung, dass jede Auseinandersetzung zwischen Polen und der Ukraine bereits eine solche Wirkung hat.
Warum ein Ratgeber allein nicht genügt
Polko kritisierte zudem die zentrale und lokale Verwaltung für eine aus seiner Sicht unzureichende Aufklärung der Bevölkerung. Bürgerinnen und Bürger wüssten nicht ausreichend, wie hybride Bedrohungen aussehen könnten und welches Verhalten in einem solchen Fall angemessen wäre.
Besonders wandte sich der General gegen den Ansatz, Menschen vor allem auf einen staatlichen Ratgeber zur Krisenvorsorge zu verweisen. Ein Handbuch könne nützliche Verfahren enthalten, ersetze aber keine regelmäßige und verständliche Erklärung der Gefahren. Die Kritik wurde von der polnischen Zeitung Rzeczpospolita berichtet.
Für die Bevölkerung macht dieser Unterschied einen praktischen Unterschied. Sie muss erkennen können, welche Informationen von offiziellen Stellen stammen, wie sich Behauptungen in sozialen Netzwerken prüfen lassen und was bei einem Ausfall wichtiger Dienste zu tun ist. Auch die Möglichkeit, dass eine Störung absichtlich herbeigeführt wurde, lässt sich nur einordnen, wenn Behörden zuvor erklärt haben, woran sich solche Vorgänge erkennen lassen.
Ohne ein gemeinsames Verständnis können einzelne Vorfälle schnell durch parteipolitische Deutungen geprägt werden. Ein technischer Fehler wird dann möglicherweise als Angriff dargestellt, eine Falschmeldung verbreitet sich schneller als eine behördliche Korrektur, oder eine tatsächliche feindliche Aktion wird als gewöhnliches Alltagsproblem abgetan. Polkos Vorwurf belegt nicht unabhängig, wie gut die polnische Bevölkerung vorbereitet ist. Er benennt jedoch eine konkrete Schwachstelle: Gesellschaftliche Widerstandsfähigkeit hängt nicht allein von Streitkräften und Sicherheitsdiensten ab, sondern auch von der Fähigkeit der Bürger, verlässliche Informationen von Manipulation zu unterscheiden.
Die politische Wirkung verschobener Aufmerksamkeit
Polkos Warnung betrifft damit die Rangfolge politischer Aufmerksamkeit. Polen kann seine Interessen gegenüber der Ukraine vertreten und historische oder wirtschaftliche Streitfragen öffentlich austragen. Zugleich müsse verhindert werden, dass diese Konflikte die gesamte Bewertung der Sicherheitslage bestimmen.
Für die russische Seite, so die Logik seiner Argumentation, ist eine Gesellschaft besonders verwundbar, wenn sie ihre Kräfte in dauerhaften inneren Auseinandersetzungen bindet. Daraus folgt nicht, dass jede antiukrainische Äußerung von außen gesteuert wird. Eine polarisierte Debatte kann jedoch auch ohne nachgewiesene ausländische Einflussnahme die politische Konzentration schwächen und die Verständigung über gemeinsame Prioritäten erschweren.
Die Herausforderung für Warschau besteht deshalb aus zwei Aufgaben. Die Regierung und die Kommunen müssen legitime bilaterale Konflikte bearbeiten, ohne sie zur wichtigsten sicherheitspolitischen Erzählung zu machen. Gleichzeitig müssen sie erklären, dass russischer Druck nicht erst mit einem offenen militärischen Angriff beginnt, sondern auch als Sabotage, Cyberangriff, Provokation, Luftangriff oder Desinformation auftreten kann.
Die offene Frage lautet, ob Polen diese Unterscheidung in seiner öffentlichen Debatte halten kann: Streit mit einem Partner sichtbar machen, ohne ihn mit der Bedrohung durch einen äußeren Gegner gleichzusetzen. Für die Bevölkerung entscheidet sich daran nicht nur die politische Einordnung der Ukraine, sondern auch, wie schnell ein nächster Krisenfall erkannt wird, wenn er zunächst wie ein technischer Ausfall, eine Nachricht im Netz oder eine lokale Störung aussieht.


