Russlands Krieg gegen die Ukraine setzt Europas Sicherheitsordnung zunehmend unter Druck. Nach einer Analyse der französischen Zeitung Le Monde sehen sich die Unterstützer Kiews gleichzeitig verstärkten russischen Angriffen, hybriden Operationen in Europa, Unsicherheit über die weitere Rolle der USA und der Frage ausgesetzt, wie lange die russische Wirtschaft die Kriegführung finanzieren kann.
Das fünfte Kriegsjahr bringt damit eine Lage, in der die Folgen des Konflikts nicht mehr allein an der Front in der Ukraine betrachtet werden. Europäische Hauptstädte müssen auch Entwicklungen berücksichtigen, die das Territorium und die Infrastruktur von EU-Mitgliedstaaten betreffen könnten. Die Zeitung verweist dabei auf mehrere Risiken, ohne daraus einen einzelnen, bereits eingetretenen neuen Konfliktverlauf abzuleiten.
Verdacht auf Angriff in Leipzig
Besondere Aufmerksamkeit gilt Aktivitäten, die Moskau außerhalb der Ukraine zugerechnet werden. Als einen der schwerwiegendsten Vorfälle nennt Le Monde den mutmaßlichen Versuch, am 5. August ein ukrainisches militärisches Transportflugzeug am Flughafen Leipzig mit einer Kamikaze-Drohne anzugreifen. Die Darstellung wird im Bericht als mutmaßlicher Vorgang beschrieben.
Parallel dazu erhöht der Kreml den Druck auf europäische Staaten im Zusammenhang mit der russischen sogenannten Schattenflotte. Nachdem mit Russland in Verbindung gebrachte Schiffe festgesetzt worden waren, drohte Präsident Wladimir Putin nach den Angaben mit einer entsprechenden Antwort, sollten europäische Staaten solche Maßnahmen fortsetzen.
Der dänische Professor Olivier Schmitt vom Institut für Militäroperationen der Dänischen Verteidigungsakademie erinnert daran, dass die hybride Kampagne Moskaus nicht erst begonnen habe. „Der Unterschied besteht darin, dass die breite Öffentlichkeit das Ausmaß des Geschehens jetzt viel besser versteht“, sagte Schmitt laut dem Bericht.
Der Konflikt reicht über die Front hinaus
Die Entwicklung der vergangenen Kriegsjahre zeigt eine schrittweise Ausweitung der militärischen Auseinandersetzung. 2022 konzentrierten sich die wichtigsten Kämpfe vor allem auf den Osten und Süden der Ukraine. 2023 verlagerte sich ein größerer Teil der Konfrontation auch auf das Schwarze Meer und die Krim.
Im Sommer 2024 führten ukrainische Streitkräfte erstmals eine größere Bodenoperation auf russischem Staatsgebiet in der Region Kursk durch. Seit 2025 haben beide Seiten die weitreichenden Angriffe auf Ziele im Hinterland des Gegners deutlich verstärkt. Der Bericht verweist dabei auch auf die steigenden Kosten der Eskalation für die Zivilbevölkerung.
Für die europäischen Regierungen bedeutet diese Entwicklung, dass der Krieg gegen die Ukraine unmittelbar in ihre Sicherheitsplanung einbezogen wird. Die militärische Lage in der Ukraine und die Sicherheit der EU werden dabei nicht mehr als vollständig getrennte Bereiche behandelt.
Unsicherheit über die amerikanische Unterstützung
Ein weiterer Unsicherheitsfaktor ist die Rolle der Vereinigten Staaten. Schmitt spricht von einer „doppelten Verwundbarkeit“ Europas. Gemeint seien zum einen begrenzte Bestände an amerikanischer Munition, zum anderen Fragen zur Fähigkeit Washingtons, militärische Abschreckung wirksam einzusetzen.
Westliche Nachrichtendienste prüfen nach den Angaben außerdem die Möglichkeit, dass Russland die Belastbarkeit der NATO testen könnte. Eine zuvor veröffentlichte Analyse des amerikanischen Nachrichtendienstes nennt demnach ein mögliches „Risikofenster“, das bereits im Herbst 2026 beginnen und bis 2029 andauern könnte.
Für die europäischen Regierungen verändert eine solche Einschätzung die zeitliche Planung ihrer Verteidigungsmaßnahmen. Während der Krieg in der Ukraine zunächst als Konflikt verstanden wurde, der einen großen Teil der russischen militärischen Ressourcen bindet, wird nun auch ein Szenario diskutiert, in dem Moskau gleichzeitig Druck auf die Ukraine ausüben und die Widerstandsfähigkeit europäischer Verbündeter prüfen könnte. Diese Einschätzung wird im Bericht als Möglichkeit beschrieben, nicht als bestätigte Entscheidung der russischen Führung.
Europas Verteidigungsfähigkeit
Die vergangenen Jahre haben nach Darstellung von Le Monde gezeigt, dass frühere russische „rote Linien“ westliche Staaten nicht davon abhielten, der Ukraine moderne Waffen und umfangreiche finanzielle Unterstützung bereitzustellen. Russland suche deshalb nach weiteren Wegen, die Kosten der europäischen Unterstützung für Kiew zu erhöhen.
Genannt werden Sabotage, Cyberangriffe, Informationsoperationen, Bedrohungen für kritische Infrastruktur und Druck auf Verkehrswege. Die genannten Bereiche werden im Bericht als Elemente einer hybriden Kampagne dargestellt. Eine konkrete Zuordnung einzelner Vorgänge zu einem bestimmten staatlichen Auftrag wird dabei nicht für jeden Fall vorgenommen.
Als mögliche europäische Antworten werden ein schnellerer Ausbau der Verteidigungsindustrie, eine höhere Munitionsproduktion, die Verstärkung der Luftverteidigung, der Schutz kritischer Infrastruktur und eine engere Zusammenarbeit der Nachrichtendienste genannt. Die Debatte betrifft damit sowohl die militärischen Fähigkeiten der einzelnen Staaten als auch die Koordination innerhalb Europas.
Belastbarkeit der russischen Wirtschaft
Offen bleibt laut dem Bericht auch, wie lange die russische Wirtschaft die Finanzierung eines lang andauernden Krieges tragen kann. Die westliche Strategie zielt unter anderem darauf, die finanziellen Möglichkeiten des Kremls zu begrenzen. Dazu gehören Maßnahmen gegen Öleinnahmen, Sanktionen, Beschränkungen für die Schattenflotte und Technologieverbote.
Russland versucht zugleich, alternative Finanzierungs- und Logistikwege zu nutzen, über die sich ein Teil der Beschränkungen umgehen lässt. Damit wird die wirtschaftliche Entwicklung zu einem weiteren Bestandteil der Auseinandersetzung. Eine Entscheidung über den Ausgang dieses Belastungstests ist daraus nicht abzuleiten.
Für Europa verbindet sich die Debatte über die Unterstützung der Ukraine deshalb mit Fragen zur eigenen Verteidigungsfähigkeit und zur langfristigen politischen Koordination. Die Ukraine bleibt im Zentrum des Krieges, während europäische Regierungen ihre Planungen auf weitere militärische, wirtschaftliche und hybride Risiken ausrichten.


