In mindestens 33 russischen Regionen finden Menschen mit Diabetes ein Notfallmedikament nicht zuverlässig, das bei einer lebensgefährlichen Unterzuckerung entscheidend sein kann. Der Mangel an Glukagon dauert nach Medienberichten seit mehr als einem Jahr an: Patienten warten monatelang auf Lieferungen, wenden sich an Behörden oder müssen für einzelne Packungen ein Vielfaches des früheren Preises bezahlen.
Am 27. Oktober 2026 berichtete die Zeitung Iswestija über Beschwerden aus mehreren Landesteilen. Daten von Apotheken-Aggregatoren zufolge war Glukagon nur in vier Regionen frei erhältlich. In vielen anderen Gebieten konnten Betroffene das Präparat selbst auf Rezept nicht bekommen – von einer kostenlosen Abgabe im Rahmen staatlicher Programme ganz zu schweigen.
Glukagon ist kein gewöhnliches Medikament für eine planbare Behandlung. Es wird eingesetzt, wenn der Blutzucker so stark fällt, dass ein Patient sich nicht mehr selbst helfen kann. Ohne rasche Behandlung können Koma, irreversible Hirnschäden oder der Tod die Folge sein.
Ein Notfall, der nicht auf die Lieferung warten kann
Bei einer schweren Hypoglykämie können Betroffene das Bewusstsein verlieren oder nicht mehr sicher schlucken. Zucker oder andere Kohlenhydrate können dann nicht zuverlässig selbst eingenommen werden. Das Medikament muss in solchen Situationen unmittelbar verfügbar sein – idealerweise zu Hause oder in der direkten Umgebung des Patienten.
Stattdessen sollen Patienten in einigen Regionen auf den Rettungsdienst verwiesen worden sein. Eine eintreffende Notfallmannschaft kann während einer akuten Krise unverzichtbar sein, ersetzt aber keine verlässliche Arzneimittelversorgung. Eine schwere Unterzuckerung kann sich innerhalb weniger Minuten verschärfen. Für den Ausgang des Notfalls kann es daher entscheidend sein, wie weit die Einsatzkräfte entfernt sind, wie schnell sie eintreffen und ob Glukagon an Bord ist.
Die Betroffenen müssen teilweise zahlreiche Apotheken anrufen, auf Liefertermine ohne sichere Zusage warten oder sich an staatliche Stellen wenden. Patienten wandten sich nach den Berichten an Roszdravnadsor, die russische Arzneimittelaufsicht, und an die Staatsanwaltschaft, um die Versorgung mit dem Präparat durchzusetzen.
Beschwerden wurden unter anderem aus Baschkortostan, Burjatien, der Republik Komi, Udmurtien und der Region Altai bekannt. In einzelnen Fällen sollen Apotheken Lieferungen erst nach mehreren Monaten in Aussicht gestellt haben. Für Menschen, die jederzeit eine schwere Unterzuckerung erleiden können, ist ein solcher Zeitraum keine bloße Verzögerung, sondern eine anhaltende Versorgungslücke.
Registrierung, Ausschreibungen und aufgestauter Bedarf
Vertreter einschlägiger Organisationen führen den Engpass auf mehrere miteinander verbundene Ursachen zurück. Genannt werden eine verzögerte Neuregistrierung des Präparats, gescheiterte staatliche Ausschreibungen und ein über Monate gewachsener ungedeckter Bedarf.
Öffentliche Beschaffungen geraten ins Stocken, wenn kein Anbieter an einer Ausschreibung teilnimmt oder die Bedingungen für Lieferanten wirtschaftlich unattraktiv sind. Den regionalen Behörden fehlt dann ein vertraglich gesicherter Lieferant. Auch wenn Glukagon grundsätzlich hergestellt wird, gelangt es nicht automatisch in die Apotheken und staatlichen Versorgungsprogramme aller Regionen.
Die einzelnen Probleme können sich gegenseitig verstärken. Bleiben Lieferungen aus, wächst die Zahl der Patienten, die auf Nachschub warten. Trifft später eine neue Charge ein, reicht sie möglicherweise nicht aus, um den Rückstand abzubauen. Eine Verzögerung bei der Registrierung kann so in eine erfolglose Ausschreibung münden, während die regionalen Bestände weiter sinken.
Für die Patienten ist die Aufteilung der Zuständigkeiten kaum relevant. Ob die Ursache in einer Registrierungsfrist, einer Ausschreibung oder der Verteilung liegt: Am Ende fehlt das Medikament dort, wo es im Notfall gebraucht wird. Dass der Mangel nach den vorliegenden Berichten bereits länger als ein Jahr anhält, deutet auf ein strukturelles Problem an der Schnittstelle dieser Verfahren hin.
Aus 700 Rubel werden bis zu 14.000
Wo Glukagon noch angeboten wird, verschärft der Preis die Lage. Einzelne Angebote sollen von etwa 700 Rubel auf bis zu 14.000 Rubel gestiegen sein – eine Verzwanzigfachung. Ein Präparat, auf das viele Patienten im Rahmen staatlicher Programme Anspruch haben, wird dadurch faktisch zu einer erheblichen privaten Ausgabe.
Auch Menschen, die normalerweise kostenlose Medikamente erhalten sollten, können gezwungen sein, selbst zu zahlen, wenn die öffentliche Versorgungskette ausfällt. Wer über Rücklagen verfügt, Angehörige in einer anderen Region um Hilfe bitten kann oder bereit ist, weite Wege auf sich zu nehmen, hat mehr Möglichkeiten. Für Familien mit knappem Einkommen kann der erhöhte Preis dagegen bedeuten, dass sie ganz ohne Notfallmedikament bleiben.
Die Knappheit verschiebt damit die Last des Versorgungsausfalls auf die Patienten. Sie müssen Apotheken vergleichen, Liefertermine verfolgen und sich durch ein System kämpfen, das ihnen eigentlich eine verlässliche Behandlung garantieren sollte. Ein formaler Anspruch verliert seinen praktischen Wert, wenn die zuständige Apotheke oder Behörde keine Packung bereitstellen kann.
Der Wohnort wird zum medizinischen Risiko
Die Verfügbarkeit ist zudem regional ungleich. Nach den vorliegenden Berichten lässt sich Glukagon in Moskau und Sankt Petersburg eher noch finden, während Patienten in anderen Teilen Russlands Schwierigkeiten haben, das Präparat überhaupt zu kaufen – teilweise selbst dann, wenn sie den verlangten Preis bezahlen könnten.
Damit entscheidet nicht nur der Gesundheitszustand über die Sicherheit eines Patienten, sondern auch der Wohnort. Hinzu kommt die finanzielle Lage: Wer in einer Großstadt lebt oder über Geld und Kontakte verfügt, kann eher nach Beständen in anderen Apotheken und Regionen suchen. Für Menschen in entlegeneren Gebieten und mit geringem Einkommen sind diese Ausweichmöglichkeiten oft nicht vorhanden.
Die Unterschiede werden besonders deutlich, wenn Patienten auf den Rettungsdienst verwiesen werden. Ein Rettungswagen kann eine akute Krise behandeln, aber er kann die Vorsorge nicht ersetzen. Eine Lieferung, die erst in einigen Monaten erwartet wird, schützt niemanden vor einer Unterzuckerung am selben Tag. Das Risiko hängt dann von der Entfernung zur nächsten medizinischen Einheit und von deren Ausstattung ab – nicht von einer funktionierenden Versorgung im Vorfeld.
Der Glukagon-Mangel zeigt deshalb mehr als einzelne leere Regale. Er macht sichtbar, wie administrative Verzögerungen und fehlende Anbieter bei staatlichen Ausschreibungen konkrete Folgen für Menschen mit chronischen Erkrankungen haben können. Was in Behörden als Registrierungs- oder Beschaffungsproblem erscheint, wird für die Betroffenen zu einer Frage von Zeit und Überleben.
Wann wird die Versorgung wieder verlässlich?
Offen ist, wann die Neuregistrierung abgeschlossen, die öffentlichen Ausschreibungen stabilisiert und die regionalen Bestände wieder aufgefüllt werden. Ebenso ungeklärt bleibt, wie der aufgestaute Bedarf abgebaut werden soll und ob künftige Lieferausfälle verhindert werden können.
Solange diese Fragen unbeantwortet sind, bleibt der Zugang zu Glukagon in Russland von drei Faktoren abhängig, die über die medizinische Versorgung eigentlich nicht entscheiden sollten: dem Wohnort, der Zahlungsfähigkeit und der Fähigkeit, eine stockende Lieferkette zu umgehen. Den Bericht von Iswestija über die Beschwerden von Diabetespatienten macht damit vor allem eines deutlich: Bei einem Medikament, das in wenigen Minuten gebraucht werden kann, wird aus einem verspäteten Nachschub schnell ein akuter Notfall.


