Belarus ist im internationalen Index zur Wirtschaftsfreiheit weiter zurückgefallen. In der Ausgabe 2026 liegt das Land auf Rang 125 von 165 Staaten und Gebieten – drei Plätze schlechter als im Vorjahr. Besonders weit abgeschlagen ist Belarus bei der Regulierung von Unternehmen: Dort erreicht es mit 4,82 von zehn Punkten nur Rang 154.
Das Ergebnis beschreibt mehr als eine schwache Position in einer internationalen Tabelle. Für private Unternehmen geht es um die Frage, wie viel Raum ihnen für eigene Entscheidungen bleibt, wenn Genehmigungen, Preise, Kontrollen und wirtschaftliche Rahmenbedingungen stark von staatlichen Stellen bestimmt werden. Zugleich verbessern mehrere Nachbarländer ihre Platzierung und vergrößern damit den Abstand.
Die Ergebnisse wurden am 19. Oktober 2026 bekannt. Der Index Economic Freedom of the World 2026 erfasst unter anderem die Rechtsordnung und den Schutz von Eigentum, den Umfang staatlicher Beteiligung an der Wirtschaft, die Handelsfreiheit und die Regulierung von Unternehmen. Die Berichterstattung dazu ist bei Belsat dokumentiert.
Der schwächste Wert liegt im Alltag der Unternehmen
Die niedrigste Bewertung erhält Belarus bei den Regeln, unter denen Unternehmen arbeiten. Rang 154 und 4,82 Punkte weisen auf ein Umfeld hin, in dem Bürokratie, Genehmigungspflichten und administrative Eingriffe den Geschäftsalltag prägen. Für Unternehmer ist dabei nicht nur entscheidend, wie viele Vorschriften existieren. Ebenso wichtig ist, ob sie verständlich, dauerhaft und für alle Marktteilnehmer gleich angewendet werden.
Wenn Behörden Preise beeinflussen oder die Bedingungen für eine Geschäftstätigkeit kurzfristig verändern können, wird langfristige Planung schwieriger. Ein Unternehmen muss dann nicht nur Nachfrage, Kosten und Konkurrenz einschätzen. Es muss zusätzlich einkalkulieren, ob eine Genehmigung verlängert wird, neue Auflagen hinzukommen oder sich die wirtschaftlichen Vorgaben durch eine administrative Entscheidung verändern.
Das wirkt sich unmittelbar auf Investitionen aus. Produktionsausbau, Neueinstellungen oder langfristige Verträge setzen einen einigermaßen verlässlichen Rahmen voraus. Je größer die Unsicherheit über staatliche Eingriffe ist, desto eher können Unternehmen Projekte verschieben, ihren Planungshorizont verkürzen oder auf eine Expansion verzichten.
Unter dem Regime von Alexander Lukaschenko bleibt der Staat zugleich ein besonders großer Akteur in der Wirtschaft. Als belastende Faktoren werden hohe Abgaben, ein umfangreicher Staatssektor, ein großer öffentlicher Haushalt und die Unterstützung defizitärer Staatsunternehmen genannt. Private Firmen stehen damit nicht nur einem Regulierer gegenüber, sondern auch einem wirtschaftlich mächtigen Marktteilnehmer, der durch öffentliche Mittel gestützt wird.
Eigentum und Recht bieten wenig Sicherheit
Auch in den anderen genannten Bereichen fällt Belarus weit zurück. Bei der Rechtsordnung und beim Schutz von Eigentum liegt das Land auf Rang 120. Für die Beteiligung des Staates an der Wirtschaft wird Rang 123 ausgewiesen, bei der Freiheit des Handels Rang 121.
Diese Platzierungen betreffen praktische Fragen des Unternehmertums. Eigentumsschutz entscheidet darüber, wie sicher investiertes Kapital ist. Eine funktionierende Rechtsordnung soll außerdem gewährleisten, dass Verträge durchgesetzt und Entscheidungen staatlicher Stellen wirksam angefochten werden können. Fehlen solche Sicherheiten oder sind sie schwer vorhersehbar, wird aus einem normalen Geschäftsrisiko ein institutionelles Risiko.
Die Angaben zum belarussischen Umfeld beschreiben einen privaten Sektor, der sich gegen behördliche Eingriffe nur eingeschränkt absichern kann. Für Unternehmen zählt deshalb nicht bloß, ob eine Tätigkeit formal erlaubt ist. Entscheidend ist auch, ob Behörden ihre Entscheidungen nachvollziehbar begründen, ob Verfahren verlässlich ablaufen und ob ein unabhängiger Rechtsweg tatsächlich zur Verfügung steht.
Gerade die Verbindung der schwachen Werte macht den Befund deutlich. Eine schlechte Bewertung der Unternehmensregulierung wäre weniger schwerwiegend, wenn Eigentum zuverlässig geschützt und staatliches Handeln rechtlich gut kontrollierbar wäre. In Belarus kommen jedoch begrenzte unternehmerische Freiheit, ein starker Staat und schwache institutionelle Absicherungen zusammen.
Die Nachbarn entwickeln sich in die andere Richtung
Der Rückgang fällt im regionalen Vergleich besonders auf. Litauen verbesserte sich von Rang 35 auf Rang 22. Polen stieg von Rang 76 auf Rang 65, Lettland von Rang 30 auf Rang 29. Auch die Ukraine wird als Nachbarland genannt, das seine Position verbessern konnte, ohne dass die verfügbaren Angaben den neuen Rang ausweisen.
Die Rangliste erklärt nicht allein, warum sich jedes einzelne Land verändert hat. Sie zeigt jedoch eine unterschiedliche Richtung: Während mehrere Länder in der Umgebung im Index vorankamen, verlor Belarus drei Plätze. Der Abstand ist für Unternehmen relevant, weil institutionelle Bedingungen beeinflussen, wo Kapital investiert, Verträge geschlossen und Produktionsstandorte aufgebaut werden.
Ein verlässlicher Rahmen senkt die Kosten der Ungewissheit. Unternehmen können leichter kalkulieren, wenn Eigentumsrechte geschützt, Handelsregeln verständlich und behördliche Entscheidungen vorhersehbar sind. Wo dagegen Preise, Genehmigungen und Geschäftstätigkeiten stark administrativ gesteuert werden, müssen private Akteure einen größeren Teil ihrer Ressourcen für Anpassung und Absicherung aufwenden.
Das kann die Abhängigkeit von staatlichen Strukturen verstärken. Firmen mit kurzen Planungshorizonten investieren vorsichtiger, bauen weniger eigenständige Lieferketten auf und meiden Vorhaben, die sich erst nach Jahren rechnen. Gleichzeitig behalten Staatsunternehmen ihre dominante Stellung – ein Kreislauf, der den privaten Sektor weiter schwächen kann.
Ein Indexwert mit konkreten Folgen
Rang 125 ist deshalb kein bloßer statistischer Rückschritt. Zusammen mit Rang 154 bei der Unternehmensregulierung verweist er auf ein Wirtschaftsmodell, in dem der Staat nicht nur Ressourcen kontrolliert, sondern auch den Handlungsspielraum privater Akteure eng festlegt.
Für die belarussische Wirtschaft stellt sich damit eine konkrete Frage: Können Unternehmen unter diesen Bedingungen noch verlässlich investieren und unabhängig wachsen? Solange Regeln, Eigentumsschutz und der Umgang mit behördlichen Entscheidungen wenig planbar bleiben, dürfte die schwache Position im Index nicht nur ein Reputationsproblem sein. Sie wird zu einem Hindernis für privates Kapital – und zu einem weiteren Grund dafür, dass Belarus gegenüber mehreren Nachbarländern wirtschaftlich zurückfällt.


