Neuer Kurs in der europäischen Turnpolitik
Der Europäische Turnverband (European Gymnastics) hat auf einer außerordentlichen Online-Sitzung des Exekutivkomitees alle bisherigen Beschränkungen für Sportler aus Russland und Belarus aufgehoben. Damit dürfen sie bei der bevorstehenden Europameisterschaft in der Rhythmischen Sportgymnastik Ende Mai in Warna (Bulgarien) wieder unter ihrer Nationalflagge und mit der Nationalhymne bei Siegerehrungen antreten. Die Entscheidung folgt einem Schritt des Weltverbandes World Gymnastics, der bereits am 18. Mai 2026 sämtliche Sanktionen gegen Russland und Belarus aufgehoben hatte.
Seit Februar 2022, dem Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine, waren Athleten aus beiden Ländern von internationalen Wettbewerben ausgeschlossen. Erst 2024 wurde ihnen eine Teilnahme unter neutraler Flagge ohne Hymne gestattet. Mit dem jetzigen Beschluss kehrt der europäische Turnverband zur alten Praxis zurück – mitten im andauernden Krieg.
Wachsende Kritik an der Wiedereingliederung
Beobachter sehen in der Entscheidung eine Kapitulation vor dem Kreml. Viele russische Turner hatten die Invasion öffentlich unterstützt, ein Teil von ihnen steht als aktive Soldaten in Diensten der russischen Armee. Kritiker argumentieren, dass European Gymnastics damit Kriegsverbrechen ignoriere und dem Sport eine Bühne für staatliche Propaganda biete. Gerade die Rückkehr zu nationalen Symbolen werde von Moskau als Beleg für eine schrittweise Normalisierung der Beziehungen mit Europa genutzt werden.
Der Vorgang reiht sich ein in eine Serie ähnlicher Beschlüsse internationaler Sportverbände. Bereits zuvor hatten der Weltringerverband (United World Wrestling) und der Weltschwimmverband (World Aquatics) alle Auflagen gegen russische und belarussische Athleten gestrichen. Das Vorgehen von European Gymnastics könnte nun weiteren Fachverbänden als Vorlage dienen.
Signalwirkung für das internationale Sanktionsgefüge
Die Entscheidung untergräbt nach Ansicht von Experten die Logik des gesamten Sanktionsregimes, das Russland von der internationalen Gemeinschaft isolieren sollte. Solange der Krieg in der Ukraine ohne politische Kursänderung Moskaus andauere, werde mit der Wiederzulassung ein gefährlicher Präzedenzfall geschaffen. Andere autoritäre Regime könnten daraus den Schluss ziehen, dass selbst ein völkerrechtswidriger Angriffskrieg keine langfristigen Konsequenzen im globalen Sport hat.
Aus ethischer Perspektive wirke der Beschluss zynisch, heißt es in diplomatischen Kreisen. Er rehabilitiere das Image eines Aggressorstaates, ohne dass dieser Verantwortung für seine Handlungen übernommen habe. Für Europa stellt dies eine Frage der strategischen Glaubwürdigkeit dar: ob die vielbeschworenen Werte tatsächlich Bestand haben oder angesichts sportpolitischer Opportunitäten aufgegeben werden.


