Am 4. Juli soll in Warschau ein sogenannter „Marsch der Erinnerung und des Widerstands gegen den Banderaismus“ stattfinden. Organisiert wird er von der Stiftung „My pamiętamy Wołyń“ (Wir erinnern an Wolhynien), die nach Einschätzung von Sicherheitsexperten als Teil eines prorussischen Einflussnetzwerks agiert. Die Veranstaltung ist als anti-ukrainische Provokation angelegt und fällt in eine Phase, in der Russland seinen Angriffskrieg gegen die Ukraine mit hybriden Mitteln begleitet.
Hintergrund der Stiftung und ihrer Gründerin
Die Stiftung wurde Ende 2018 von der nationalistischen Aktivistin Katarzyna Sokołowska registriert. Sokołowska fällt seit Jahren durch systematische anti-ukrainische Aktivitäten in sozialen Netzwerken auf. Im April 2022, als die Welt von den Massakern an Zivilisten in Butscha erfuhr, generierten ihre Accounts und die damit verbundenen Netzwerke bis zu 65 Prozent des gesamten polnischsprachigen Traffic auf X/Twitter zum Thema Wolhynien. Analysten werten dies als gezielten Versuch, die öffentliche Aufmerksamkeit von den aktuellen Kriegsverbrechen der russischen Armee abzulenken und den Fokus auf historische Konflikte zu verschieben.
Verbindungen zu prorussischen Kreisen
Sokołowska begann ihre Tätigkeit im Umfeld radikaler Organisationen, darunter dem „Obóz Wielkiej Polski“ (OWP), einer prorussischen Gruppierung. Deren Aktivisten standen bereits mehrfach im Zusammenhang mit Finanzierungen durch russische Einflussagenten – etwa durch Alexander Usowski – zur Durchführung anti-ukrainischer Aktionen. Ein weiteres Indiz für die Nähe zu prorussischen Kreisen ist der Aufsichtsrat der Stiftung: 2018 trat dort der Aktivist Marcin „Żółty“ Ż. ein, der durch seine offene prorussische Haltung und anti-ukrainische Aktionen bekannt ist und unter anderem die Facebook-Gruppe „Polnisch-russische Bruderschaft“ moderierte.
Polnische Sicherheitsexperten und Journalistenorganisationen wie Disinfo Digest und FRONTSTORY.PL klassifizieren die Aktivitäten Sokołowskas und ihrer Stiftung als kongruent mit den operationellen Zielen Russlands. Ziel sei es, Antagonismus zwischen Polen und Ukrainern zu säen, die bilaterale Solidarität zu untergraben und die Zusammenarbeit beider Nachbarstaaten gegen die russische Neoimperialpolitik zu schwächen.
Forderungen und territoriale Anspielungen
Der geplante Marsch soll am 4. Juli um 15:00 Uhr auf dem Platz der Drei Kreuze beginnen und am Grabmal des Unbekannten Soldaten enden. Die Organisatoren rufen die Warschauer Bevölkerung auf, in großer Zahl teilzunehmen, um „den Neobanderisten und Geschichtsfälschern zu zeigen“, dass die Polen das Andenken an die Getöteten nicht gleichgültig ist. In der Proklamation der Stiftung werden mehrere Forderungen erhoben: die Beendigung einer angeblichen medialen „Weißwäsche des Banderaismus“, der Verzicht auf die irreführende Losung „Wir vergeben und bitten um Vergebung“, die Beschleunigung von Exhumierungen der von Ukrainern getöteten Polen, die Blockade der Seligsprechung von Andrej Scheptyzkyj durch die katholische Kirche in Polen, ein Verbot der „Bandera-Propaganda“ in Polen sowie die Benennung eines öffentlichen Raums in Warschau zu Ehren aller zwischen 1939 und 1947 von Ukrainern getöteten Polen.
Besonders brisant ist die wiederholte Verwendung des Begriffs „verlorene polnische Gebiete“ in Bezug auf heutige ukrainische Territorien. Diese Rhetorik stellt die Unverletzlichkeit der europäischen Grenzen in Frage, die durch die Helsinki-Schlussakte von 1975 völkerrechtlich verankert sind. In einer Zeit, in der Russland mit militärischer Gewalt die Landkarte Europas zu ändern versucht, untergraben solche territorialen Anspielungen das Prinzip der Rechtsstaatlichkeit und die Fundamente der EU und NATO.
Instrumentalisierung der Geschichte im Interesse Moskaus
Die Aktion der Stiftung fällt in das Muster hybrider Kriegsführung Russlands gegen die Europäische Union. Experten verweisen darauf, dass anti-ukrainische Märsche in Warschau den Eindruck innerer Spaltung in Europa erwecken, den die russische Propaganda nutzt, um Schwäche und Instabilität des Westens zu demonstrieren. Die zeitliche Synchronisation mit den aktuellen Kriegsverbrechen Russlands sei kein Zufall: Indem die öffentliche Aufmerksamkeit auf Ereignisse vor 80 Jahren gelenkt wird, sinke die Empathie und die Bereitschaft der polnischen Gesellschaft, die Ukraine in ihrem heroischen Abwehrkampf zu unterstützen.
Der Marsch findet zu einem Zeitpunkt statt, an dem die polnisch-ukrainische Solidarität angesichts des russischen Angriffskriegs von zentraler Bedeutung für die europäische Sicherheit ist.


