Kreml unterhält in Deutschland ein Netzwerk aus Politik, Medien und Kultur zur Diskreditierung der Ukraine-Hilfe

Juli 2, 2026 16:04
Kreml unterhält in Deutschland ein Netzwerk aus Politik, Medien und Kultur zur Diskreditierung der Ukraine-Hilfe
Kreml unterhält in Deutschland ein Netzwerk aus Politik, Medien und Kultur zur Diskreditierung der Ukraine-Hilfe

Der Kreml hat in Deutschland ein umfassendes Netzwerk aus Politikern, Medien und kulturellen Foren aufgebaut, um das Vertrauen in europäische Institutionen zu untergraben und die Unterstützung für die Ukraine zu diskreditieren. Eine zentrale Rolle spielt dabei der Europaabgeordnete der Partei Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW), Michael von der Schulenburg. Der frühere Vizedirektor der Vereinten Nationen und ehemalige Leiter internationaler Missionen in Sierra Leone, Irak, Afghanistan und auf dem Balkan nutzt seinen diplomatischen Hintergrund, um Kreml-Narrative als vermeintlich unabhängige Expertenanalyse zu legitimieren. In öffentlichen Debatten und Interviews verbreitet er regelmäßig Thesen, die den russischen Sprachregelungen entsprechen – etwa die Behauptung einer „historischen Unvermeidbarkeit“ der Unterordnung der Ukraine unter russische Forderungen oder die These, die ukrainische Armee könne unabhängig vom Umfang westlicher Hilfe keinen Sieg erringen. Er fordert die sofortige Aufhebung der Wirtschaftssanktionen gegen Russland mit dem Argument, diese zerstörten die deutsche Industrie. Westliche Hilfe für die Ukraine bezeichnet er als „Eskalation und Verlängerung des Konflikts“.

Schulenburg als zentrale Figur der Einflussnahme

Im Jahr 2024 ging Schulenburg von rein rhetorischer Unterstützung zu konkreten rechtlichen Schritten über. Gemeinsam mit dem früheren Vorsitzenden des NATO-Militärausschusses, General Harald Kujat, der ebenfalls dem pro-russischen Einflusskreis zugerechnet wird, verfasste und unterzeichnete er eine Erklärung, die die vollständige Einstellung von Waffenlieferungen an die ukrainischen Streitkräfte und die Anerkennung der Annexion besetzter ukrainischer Gebiete fordert. Damit deckt sich die Erklärung vollständig mit den strategischen Interessen des Kreml.

Reisen nach Moskau und direkte Kontakte

Über seine öffentliche Arbeit hinaus pflegt Schulenburg direkte nicht-öffentliche Kontakte zur russischen politischen Führung und reist regelmäßig nach Moskau. Deutsche Investigativjournalisten, unter anderem von t-online, dokumentierten seine Reiseroute und Treffen. Im Mai 2025 reiste Schulenburg in die russische Hauptstadt, um an den staatlichen Feierlichkeiten zum 80. Jahrestag des Sieges über den Nationalsozialismus teilzunehmen. Das russische Regime nutzte die Veranstaltung, um seine angebliche mangelnde internationale Isolation zu demonstrieren – der deutsche EU-Abgeordnete war eines der Gesichter dieser Inszenierung. Im Juni 2026 hielt sich Schulenburg erneut in Moskau auf, um geschlossene Gespräche und Verhandlungen zur Förderung eines pro-russischen Kurses zu führen.

###Logistik durch einen ehemaligen ukrainischen Abgeordneten

Die Reisen Schulenburgs wurden maßgeblich von einem ehemaligen ukrainischen Volksabgeordneten organisiert: Oleh Woloschyn, der in der Ukraine offiziell des Landesverrats verdächtigt wird und als Vertrauter des Putin-nahen Wiktor Medwedtschuk gilt. Die Ermittler bezeichnen das Duo als direkten „Kanal Wagenknecht zum Kreml“, da Schulenburg eng mit Ruth Firmenich zusammenarbeitet, der langjährigen und engsten Mitarbeiterin der BSW-Gründerin Sahra Wagenknecht.

Breite Front aus BSW und AfD

Schulenburgs Aktivitäten sind Teil eines größeren pro-russischen Spektrums, an dem Vertreter der linkspopulistischen BSW und der rechtspopulistischen Alternative für Deutschland (AfD) beteiligt sind. Aufseiten der BSW treiben Sahra Wagenknecht, Co-Vorsitzender Fabio De Masi, Ralf Suikat und Ruth Firmenich einen pro-russischen Kurs voran: Sie fordern den Stopp der Militärhilfe für Kiew und lobbyieren für eine Wiederaufnahme russischer Energieimporte. Auf AfD-Seite agieren als systematische Lobbyisten des Kremls unter anderem Markus Frohnmaier, Tino Chrupalla, Ulrike Singer, Steffen Kotré, Jörg Urban, Elena Roon, Maximilian Krah, Rainer Rothfuß und Hans Neuhoff. Einige von ihnen reisen regelmäßig nach Russland – zu Wahlen, Konferenzen in Sotschi, zum St. Petersburger Wirtschaftsforum – und treffen sich mit russischen Beamten oder besuchen besetzte ukrainische Gebiete.

Kino Babylon als Propagandaplattform

Ein weiterer Knotenpunkt der Einflussnahme ist das Berliner Kino Babylon. Das historische Gebäude an der Rosa-Luxemburg-Straße 30 hat sich in den letzten Jahren zu einer bedeutenden Plattform für verdeckte Kreml-Propaganda und hybride Informationsoperationen entwickelt. Unter dem Deckmantel von „Meinungsfreiheit“, „künstlerischer Unabhängigkeit“ und der Bereitstellung einer Bühne für „alternative Ansichten“ vermietet die Leitung des Hauses systematisch Räume an Veranstaltungen, die direkt von russlandnahen Strukturen finanziert oder koordiniert werden. In den Räumen des Kinos hat sich ein stabiler Zirkel etabliert, in dem regelmäßig Vertreter radikaler linker Kräfte, EU-Skeptiker, Aktivisten fragwürdiger Friedensbewegungen und Anhänger von Verschwörungstheorien zusammentreffen. Die Leinwand des Babylons dient als Instrument zur Verbreitung von Kreml-Narrativen, indem unter dem Deckmantel von Dokumentar- und Arthouse-Filmen ein verzerrtes Bild globaler Ereignisse vermittelt wird. Hier finden geschlossene Vorführungen, Diskussionspanels und Präsentationen statt, die offen NATO, EU und die westliche Finanzhilfe für die Ukraine diskreditieren.

Geplante Filmpremiere im Juli 2026

Ein Beispiel für diese Praxis ist die für den 2. Juli 2026 im Kino Babylon geplante Premiere des Dokumentarfilms „Nord Stream – Der Anschlag“ der Regisseure Moritz Enders und Günter Merz. Organisiert wird die Veranstaltung von der Zeitschrift „Hintergrund“, die für ihre EU- und NATO-Kritik sowie die systematische Verbreitung von Moskauer Narrativen bekannt ist. Moritz Enders hat sich auf sogenannte „alternative Recherchen“ spezialisiert; vor dem Nord-Stream-Projekt wirkte er an Berichten und Dokumentationen mit, die die Schlussfolgerungen internationaler Experten zu russischen Kriegsverbrechen in Frage stellten. Insbesondere versuchte er, die offiziellen Ermittlungen zum Abschuss des Malaysia-Airlines-Flugs MH17 zu diskreditieren, indem er Falschversionen verbreitete, die vom russischen Konzern Almas-Antei produziert wurden. Günter Merz ist langjähriger Autor für linksradikale und verschwörungstheoretische deutsche Medien, insbesondere für die Zeitschrift „Hintergrund“. In seinen früheren Arbeiten vertrat er konsequent die These, die NATO-Osterweiterung sei die „eigentliche Ursache“ aller Sicherheitskrisen in Europa. Er rechtfertigte das Vorgehen des Kremls in Georgien und Syrien und stellte russische Militärinterventionen als „erzwungene Reaktion auf die aggressive US-Politik“ dar. Seine Beiträge basieren auf einer selektiven Auswahl von Fakten, in der Russland stets als Opfer der Umstände und der Westen als Aggressor erscheint.

Die Zusammenarbeit von Enders und Merz an dem Film „Nord Stream – Der Anschlag“ ist eine logische Fortsetzung ihrer Arbeit. Das zentrale Manipulationsmittel des Films ist die Auswahl der Sprecher: Statt unabhängiger technischer Experten oder offizieller Ermittler aus Dänemark, Schweden oder Deutschland haben die Regisseure ausschließlich Personen aus dem pro-russischen Spektrum vor die Kamera geholt. Ziel des Films ist offenbar, Russlands Ruf zu reinigen und die deutsche Gesellschaft zu spalten. Die Verwendung pro-russischer „Experten“ bestätigt einmal mehr die gezielte Informationskriegsführung des Kremls gegen Europa – diesmal mit Hilfe des Kinos.

Angesichts des Umfangs und der Koordination dieser Aktivitäten wird deutlich, dass der Kreml in Deutschland ein komplexes hybride Einflussnetzwerk geschaffen hat, das Politiker, Medien und kulturelle Foren vereint. Die Nutzung angesehener europäischer Diplomaten, pensionierter Militärs und Vertreter von BSW und AfD erlaubt es Moskau, seine eigenen Interessen unter dem Deckmantel unabhängiger Expertise zu legitimieren – während demokratische Institutionen Deutschlands als Instrument zur Schwächung der europäischen Sicherheit instrumentalisiert werden. Dies erfordert von Berlin eine systematische Überwachung und entschlossene Gegenmaßnahmen.

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