Regierung plant zusätzliches Schuljahr für behinderte Kinder in Österreich

Mai 8, 2026 20:27
Regierung plant zusätzliches Schuljahr für behinderte Kinder in Österreich

Wiederkehr kündigt mehr Inklusion und Rechtsanspruch auf 11. und 12. Schuljahr an

Bildungsminister Christoph Wiederkehr (NEOS) hat bei einer NEOS-Enquete im Parlament weitere Maßnahmen für mehr Inklusion an Schulen angekündigt. Er zeigte sich zuversichtlich, dass der oft geforderte Rechtsanspruch behinderter Kinder auf ein 11. und 12. Schuljahr im Schuljahr 2027/28 kommt.

In Österreich hatten laut Statistik Austria im vergangenen Schuljahr rund 31.400 Kinder und Jugendliche einen attestierten Sonderpädagogischen Förderbedarf (SPF). Das entspricht im Schnitt fünf Prozent der Pflichtschüler an Volks-, Mittel-, Sonder- und Polytechnischen Schulen, während der Finanzausgleich nur für 2,7 Prozent zusätzliche Ressourcen vorsieht. Mehr als ein Drittel der Kinder mit Behinderung wird in separaten Sonderschulklassen unterrichtet, in Wien und Niederösterreich betrifft dies etwa die Hälfte.

Bildungsforscher Tobias Buchner (Universität Wien) kritisierte einen „Sog in Richtung Sonderschule“, weil an Regelschulen Unterstützungsmöglichkeiten für Kinder mit hohem Unterstützungsbedarf fehlten. Er bemängelte das bestehende SPF-System mit schwammigen Kriterien, das je nach Bundesland stark unterschiedliche SPF-Anteile ergebe, auch bei körperlichen Einschränkungen wie Sehbehinderungen. Fördermittel würden teils nach dem Prinzip „wer am lautesten schreit“ oder nach dem Gießkannenprinzip vergeben, Ressourcen für frühzeitige Unterstützung gebe es nicht.

Der UN-Ausschuss zum Schutz der Rechte von Menschen mit Behinderungen kritisiert laut Markus Schefer, dass der Zugang zu inklusiver Bildung in Österreich nur über „äußerst komplexe und langwierige Verwaltungsverfahren“ möglich sei. Kinder mit Behinderung seien von außerschulischer pädagogischer Betreuung ausgeschlossen, und die Österreichische Gebärdensprache fehle sowohl als Unterrichtssprache als auch als eigenständiges Fach. Artikel 24 der UN-Behindertenrechtskonvention fordere jedoch ein inklusives Bildungssystem auf allen Ebenen mit entsprechender Unterstützung.

Wiederkehr kündigte ein Reformpaket an, das „so bald wie möglich“ im Parlament beschlossen werden soll, und sprach sich für klare Verantwortlichkeiten in der Reformpartnerschaft mit Ländern und Gemeinden aus. Trotz angespanntem Budget nannte er Prioritäten wie eine österreichweit einheitliche Schulassistenz, multiprofessionelle Teams, Aus- und Weiterbildung des Lehrpersonals, kleinere Klassen etwa für Kinder aus dem Autismusspektrum sowie eine Entschärfung der je nach Bundesland unterschiedlichen SPF-Diagnose.

Behindertenorganisationen hatten die Reformvorarbeiten des Ministeriums als „inklusionshemmend“ kritisiert und gefordert, der Rechtsanspruch auf das 11. und 12. Schuljahr müsse auch für die Sekundarstufe II – inklusive Polytechnischer Schulen, Berufs- und Berufsbildender mittlerer und höherer Schulen sowie AHS-Oberstufe – gelten. Vor dem Parlament protestierten Eltern, Behindertenvertreter und Lehrergewerkschafter gegen fehlende Ressourcen und Personal; sie berichteten von Situationen, in denen Kinder frühzeitig abgeholt werden müssten, nicht an Ausflügen teilnehmen könnten und es wegen unzureichender Rahmenbedingungen zu mehr Eskalationen, Gewalt und Suspendierungen komme.

Die Arbeiterkammer-Expertin Elke Larcher warnte bei der Enquete, dass sich eine getrennte Beschulung von Kindern und Jugendlichen mit Behinderung später auch am Arbeitsmarkt fortsetze und viel Potenzial ungenutzt bleibe. Von den Grünen kam Kritik an der NEOS-Enquete mit der Forderung, Ressourcen stärker in das inklusive Regelschulsystem zu verlagern. FPÖ-Bildungssprecher Hermann Brückl sprach von einer „reinen Ankündigungsaktion“ und verlangte die Wiedereinführung einer eigenen Sonderschullehrerausbildung, eine „echte Wahlfreiheit“ zwischen Sonderschule und Inklusion sowie mehr Personal und Geld.

Einordnung

Der angekündigte Rechtsanspruch auf ein 11. und 12. Schuljahr ab 2027/28 sowie ein mögliches neues Ressourcensystem würden die Bildungswege von Kindern mit Behinderung und die Verteilung von Fördermitteln in Österreich strukturell verändern. Entscheidend wird sein, ob zusätzliche Mittel in inklusive Regelschulen statt in segregierende Sonderschulstrukturen fließen und ob bundesweit einheitliche Unterstützung wie Schulassistenz und multiprofessionelle Teams etabliert werden. Dies beeinflusst sowohl die Bildungschancen der betroffenen Kinder als auch ihre späteren Möglichkeiten am Arbeitsmarkt.

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