Sabotage in Europa: Mittelsmänner aus dem kriminellen Milieu rücken ins Zentrum

Feber 23, 2026 12:45
Sabotage in Europa: Mittelsmänner aus dem kriminellen Milieu rücken ins Zentrum
Sabotage in Europa: Mittelsmänner aus dem kriminellen Milieu rücken ins Zentrum

Russische Nachrichtendienste haben nach Darstellung westlicher Sicherheitsbehörden ihre Sabotageaktivitäten gegen europäische Unterstützer der Ukraine deutlich ausgeweitet. Die Operationen reichten demnach von Brandstiftung über Spreng- und Zündvorrichtungen bis hin zu Aktionen, die erhebliche Risiken für die zivile Infrastruktur erzeugten. Als Ziel wird genannt, den Zusammenhalt westlicher Staaten zu unterminieren.

Im Mittelpunkt mehrerer Ermittlungen steht laut Gerichtsunterlagen und Gesprächen mit Sicherheitsbeamten aus fünf europäischen Ländern ein 42-jähriger Mann aus Russland: Aleksei Vladimirovich Kolosovsky. Er wird von Behörden nicht als klassischer Geheimdienstoffizier beschrieben, sondern als Dienstleister, der mit Geheimdienstkontakten und einem Netzwerk in Europa Planungen unterstützt und Ausführungen koordiniert haben soll. Sein Umfeld wird mit Delikten wie Hacking, falschen Identitäten und Autodiebstahl in Verbindung gebracht.

Sicherheitsvertreter ordnen diese Vorgehensweise als Anpassung an erschwerte Bedingungen ein. Seit Beginn des groß angelegten Krieges gegen die Ukraine seien in Europa mehr als 750 russische Diplomaten ausgewiesen worden; ein Großteil von ihnen habe nach britischer Darstellung nachrichtendienstliche Aufgaben wahrgenommen. Die Folge sei eine stärkere Verlagerung von Sabotageaufträgen hin zu operativen Helfern, die sich in Europa bewegen können.

Rekrutierung per Messenger und Brandstiftungen im Mai 2024

Westliche Dienste wurden nach Angaben von zwei Sicherheitsbeamten erstmals im Umfeld zweier Brandanschläge im Mai 2024 auf Kolosovsky aufmerksam. Er soll über einen Telegram-Account unter Varianten des Namens „Warrior“ Personen angeworben haben, darunter einen ukrainischen Jugendlichen. Dieser habe Zündvorrichtungen in einem IKEA in Vilnius sowie in einem großen Gewerbekomplex nahe Warschau platzieren sollen, wie Sicherheitsbehörden und Gerichtsunterlagen ausführen.

Die Logistik sei aus Krasnodar im Süden Russlands gesteuert worden. Detonatoren und Ausrüstung zum Bau von Brand- und Sprengvorrichtungen seien in Schließfächern an Bahnhöfen deponiert worden, von denen Angeworbene die Teile abholten, teils ohne den gesamten Kontext zu kennen. Die Mobilisierung sei demnach über SMS, Telefonate und persönliche Treffen erfolgt.

Nach Darstellung von Staatsanwälten platzierte der Jugendliche am 8. Mai 2024 ein Gerät mit Zeitschaltung in der Matratzenabteilung des IKEA in Vilnius. Es habe in den frühen Stunden des 9. Mai gezündet, zeitlich abgestimmt auf den in Russland begangenen Gedenktag an den Sieg der Sowjetunion über Nazi-Deutschland. Der Jugendliche sei wenige Tage später in Litauen festgenommen worden; bei ihm sei eine Tasche mit Gegenständen gefunden worden, die zum Bau einer weiteren Vorrichtung vorgesehen gewesen seien.

Paket- und Frachtangriffe im Juli 2024 erhöhen die Risikoschwelle

Einen weiteren Schwerpunkt bilden koordinierte Vorfälle im Juli 2024, die nach Darstellung europäischer Ermittler deutlich über frühere Sabotageakte hinausgingen. Am frühen Morgen des 20. Juli 2024 geriet in Leipzig ein Versandcontainer beim Verladen auf ein DHL-Frachtflugzeug in Brand. Innerhalb der folgenden zwei Tage hätten sich ähnliche Zündungen bei einem Paket auf einem Lkw in Polen und bei einem weiteren Vorfall in Birmingham ereignet.

Ermittlungen in neun Ländern hätten später ergeben, dass der russische Militärgeheimdienst hinter den Plänen gestanden habe und ein Netzwerk in Europa Materialtransport und Platzierung organisiert habe. Litauische Staatsanwälte, von deren Gebiet aus die Paketbomben stammten, beschrieben die Umsetzung als strikt konspirativ. Als verwendetes Material wird ein militärtauglicher Brandstoff (Thermit) genannt, versteckt in Massageauflagen mit elektronischen Timern.

Sicherheitsbeamte aus zwei europäischen Ländern sehen Kolosovsky im Zentrum der Rekrutierung und Koordination für diese Lieferketten. Die Vorfälle hätten nach ihrer Darstellung das Risiko massiver Personenschäden bis hin zum möglichen Verlust eines Frachtflugzeugs beinhaltet. In diesem Zusammenhang wird berichtet, dass hochrangige US-Sicherheitsvertreter nach den Ereignissen Kontakt zu russischen Stellen aufgenommen hätten, um ein sofortiges Ende solcher Aktionen zu verlangen.

Ermittlungen, diplomatische Folgen und Hinweise auf interne Spannungen

Die Reaktionen in Europa werden als konsequent beschrieben. Litauische Ermittler hätten den Komplex zügig aufgerollt und mehr als ein Dutzend Personen angeklagt, darunter Beteiligte, die auch mit dem IKEA-Fall in Verbindung gebracht würden. In Polen führte der Vorwurf russischer Verantwortung nach Aussage von Ministerpräsident Donald Tusk zu der Entscheidung, alle russischen Konsulate im Land zu schließen; er erklärte, die Aktionen seien von einer Person koordiniert worden, die sich in Russland aufhielt.

Ein weiterer Strang betrifft Yaroslav Mikhailov, einen russischen Staatsbürger, der nach Angaben von Sicherheitsbehörden ein langjähriger Freund Kolosovskys sein soll und gezielt für den DHL-Komplex angeworben worden sei. Er befinde sich in Aserbaidschan und werde in Polen gesucht; genannt wird eine Interpol-Fahndungsnotiz sowie ein russischer Gegenantrag. Zudem wird berichtet, Mikhailov habe sich mit einem Schreiben an Sergei Naryshkin, den Leiter des russischen Auslandsnachrichtendienstes, gewandt, um Hilfe für eine Rückkehr nach Russland zu erbitten.

Im Umfeld Kolosovskys werden zugleich Hinweise auf Druck und finanzielle Probleme genannt. Nach dem DHL-Komplex sei er in Krasnodar zur örtlichen Dienststelle des F.S.B. einbestellt worden; seine Geräte seien durchsucht worden. Sicherheitsbeamte führen unterschiedliche Erklärungen an, darunter mögliche Folgen der öffentlichen Aufmerksamkeit. Zusätzlich gebe es Anzeichen, dass Kolosovsky eigenes Geld in Operationen gesteckt und später versucht haben könnte, sich aus zugewiesenen Mitteln zu kompensieren; außerdem habe er online nach Immobilien in London gesucht, was als Hinweis auf Ausstiegsüberlegungen interpretiert wird.

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