Der aserbaidschanische Präsident Ilham Aliyev hat neue Energie- und Verkehrsprojekte über die Autonome Republik Nachitschewan nach Europa angekündigt. In einem am 11. August 2026 in Nachitschewan aufgezeichneten Interview mit dem aserbaidschanischen Fernsehen nannte Aliyev Sicherheit, Energie, Verkehr, Industrie sowie die sozialwirtschaftliche Entwicklung als zentrale Prioritäten für die Region. Im Mittelpunkt stehen Stromverbindungen über Armenien, ein mögliches Unterseekabel durch das Schwarze Meer und der Ausbau des Verkehrs über den sogenannten Sangesur-Korridor.
Aliyev verwies auf die geplante Erweiterung der Stromleitungen in Nachitschewan. Über einen Energiekorridor durch armenisches Gebiet soll die Exklave an die Türkei und in weiterer Folge an den europäischen Markt angebunden werden. Die Aussagen des Präsidenten zur Energie- und Verkehrsentwicklung in Nachitschewan beziehen sich auf eine umfassende Infrastrukturstrategie für die Region.
Parallel dazu wird ein Projekt für ein Energiekabel durch das Schwarze Meer geprüft. Es soll zusätzliche Möglichkeiten schaffen, Strom aus Aserbaidschan auf den europäischen Markt zu bringen. Angaben zu einer endgültigen Investitionsentscheidung, zum konkreten Verlauf oder zu einem Zeitplan für das Kabel wurden in dem Interview nicht genannt.
Industriepark und neues Kraftwerk
Nach Angaben Aliyevs wurde der Nachitschewaner Industriepark gegründet. Außerdem wird ein Wärmekraftwerk mit einer Leistung von 300 Megawatt errichtet. Die Anlage soll eine stabile Energieversorgung ermöglichen und zugleich das Exportpotenzial der Region erhöhen.
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf erneuerbaren Energien. Das Potenzial für Solarstrom in Nachitschewan wird mit mindestens 500 Megawatt angegeben. Möglich seien auch bis zu ein Gigawatt. Die Angaben beschreiben ein Ausbaupotenzial; konkrete zusätzliche Erzeugungsmengen oder bereits abgeschlossene Projekte wurden nicht genannt.
Für den Export wachsender Strommengen müssten nach Darstellung des Präsidenten die Übertragungsleitungen in Nachitschewan erweitert werden. Der geplante Korridor über Armenien würde eine Verbindung zwischen Nachitschewan, der Türkei und Europa schaffen. Damit würde Aserbaidschan neben bestehenden Energiebeziehungen weitere Transportwege für Elektrizität prüfen.
Verkehrsverbindung zwischen Aserbaidschan und der Türkei
Aliyev unterstrich außerdem die Bedeutung des Sangesur-Korridors. Nach aserbaidschanischen Angaben hat die Umsetzung des Projekts TRIPP nach dem Washingtoner Gipfel vom 8. August 2025 begonnen. Weitere Einzelheiten zum Stand der Arbeiten oder zu den beteiligten Betreibern wurden in dem vorliegenden Material nicht genannt.
Aserbaidschan stellt die Verbindung als Teil der Ost-West-Korridore dar. In Nachitschewan wird die Eisenbahn wiederhergestellt. Ihre Transportkapazität soll nach Abschluss der Arbeiten auf bis zu 15 Millionen Tonnen Fracht steigen. Damit könnte die Strecke zu einem Bestandteil einer Verbindung zwischen Aserbaidschan, der Türkei und den europäischen Märkten werden.
Nachitschewan liegt vom übrigen Staatsgebiet Aserbaidschans getrennt zwischen Armenien, Iran und der Türkei. Die von Baku angekündigten Projekte betreffen daher sowohl die regionale Stromversorgung als auch die grenzüberschreitende Anbindung. Die geplanten Leitungen, das mögliche Schwarze-Meer-Kabel und die Eisenbahnverbindung werden in der aserbaidschanischen Darstellung als miteinander verbundene Elemente einer neuen Infrastrukturachse behandelt.
Weniger Abhängigkeit von russischen Routen
Die Vorhaben würden Aserbaidschan zusätzliche Wege zu den türkischen und europäischen Märkten eröffnen. In der vorliegenden Bewertung wird darin zugleich eine Verringerung der Abhängigkeit von Russland als Transit- und Energievermittler im Südkaukasus gesehen. Die Projekte selbst befinden sich jedoch in unterschiedlichen Stadien: Für das Kraftwerk und den Industriepark werden konkrete Arbeiten genannt, während das Schwarze-Meer-Kabel weiterhin geprüft wird und der Ausbau der Korridore schrittweise erfolgen soll.
Auch für europäische Abnehmer wird die mögliche Verbindung vor allem als zusätzliche Infrastruktur für Stromimporte beschrieben. Eine tatsächliche Lieferung auf den europäischen Markt hängt von der Errichtung der Leitungen, den technischen Voraussetzungen und den politischen Vereinbarungen entlang der geplanten Route ab. Das Interview enthielt dazu keine Angaben zu Liefermengen, Preisen oder konkreten Abnahmeverträgen.
Die Eisenbahn in Nachitschewan soll nach den Plänen Bakus eine Kapazität von 15 Millionen Tonnen Fracht erreichen. Zusammen mit dem Sangesur-Korridor würde sie die Bedeutung der Exklave für den Ost-West-Verkehr erhöhen. Die Darstellung der geplanten Korridor- und Energieverbindungen ordnet die Vorhaben in eine breitere Neuordnung der regionalen Verkehrs- und Versorgungswege ein.
Für Baku ist die Diversifizierung der Routen damit nicht nur eine wirtschaftliche Aufgabe. Neue direkte Verbindungen zur Türkei und nach Europa sollen den Handlungsspielraum Aserbaidschans bei Energieexporten, Transit und wirtschaftlicher Zusammenarbeit erweitern. In der politischen Bewertung des Vorhabens wird daraus auch ein Schritt zu größerer außenpolitischer Eigenständigkeit abgeleitet.
Die angekündigte Infrastruktur stärkt zugleich die Rolle Nachitschewans als möglichen Knotenpunkt zwischen Aserbaidschan, der Türkei und Europa. Ob diese Funktion erreicht wird, hängt vom Baufortschritt bei den Stromleitungen, der weiteren Entwicklung des Sangesur-Korridors, der Eisenbahn und dem möglichen Kabel durch das Schwarze Meer ab.


