Eine Lieferung indischen Benzins ist im russischen Hafen Murmansk bislang nicht von den Tankern gelöscht worden. Nach vorliegenden Angaben zu den festgehaltenen Benzinladungen können sich die beteiligten Ölunternehmen nicht auf einen Verkaufspreis einigen. Russland hatte die Importe im Juli aufgenommen, um den Treibstoffbedarf im Inland zu decken.
Die Importeure bieten den indischen Kraftstoff nach Angaben von Branchenquellen für rund 150.000 Rubel je Tonne an. Das entspricht etwa 111 Rubel je Liter. Der Preis liegt damit nahezu doppelt so hoch wie der Großhandelspreis für AI-92-Benzin an der Sankt Petersburger Warenbörse. Dort wurde die Tonne am 13. August mit 77.600 Rubel gehandelt.
Lieferung seit Anfang August in Murmansk
Über den Vorgang berichteten russische Medien am 16. August unter Berufung auf Daten des Informationsdienstes InfoTEK und auf Branchenquellen. Bloomberg zufolge war ein Tanker mit indischem Benzin bereits am 5. August in Murmansk eingetroffen. Das Benzin stammt von der indischen Raffinerie Nayara Energy. An dem Unternehmen ist die russische Rosneft mit 49 Prozent beteiligt.
Die technische Möglichkeit, Benzin mit dem Lieferort „Station Kola“ der Oktoberbahn in der Region Murmansk an der Börse anzubieten, besteht seit dem 29. Juli. Verkauft wurde dort bisher jedoch keine entsprechende Charge. Die russischen Aufsichtsbehörden drängen darauf, importiertes Benzin zu den im Inland geltenden Preisen abzusetzen. Die Importeure verweisen dagegen auf die Kosten und die Dauer der Lieferkette.
Der Transport von indischen Häfen in die russische Arktis dauert nach Angaben aus dem Branchenumfeld mehr als einen Monat. Während der Fahrt musste das Benzin zudem von einem Tanker auf einen anderen umgeladen werden. Ein Gesprächspartner von InfoTEK sagte, die Ware sei zunächst für 130.000 Rubel je Tonne angeboten worden. Später sei der Preis auf 110.000 Rubel gesenkt worden. Auch zu diesem Niveau sei es bislang nicht zur Entladung gekommen.
Hohe Kosten für Lieferungen nach Russland
Der Preisstreit betrifft damit nicht nur die Börsenabwicklung, sondern auch die Frage, wer die zusätzlichen Kosten der Einfuhr trägt. Die Lieferungen aus Indien müssen über eine lange Seeroute in die russische Arktis gebracht werden. Hinzu kommen der Einsatz geeigneter Tanker und die Umladung während des Transports. Die Importeure wollen diese Kosten offenbar nicht vollständig über einen Verkauf zu den niedrigeren russischen Inlandspreisen übernehmen.
Die russische Regierung versucht zugleich, die Preise im heimischen Markt zu begrenzen. Die zuständigen Behörden verlangen, dass die importierten Mengen nach den in Russland geltenden Preisvorstellungen verkauft werden. Für die Unternehmen entsteht dadurch ein Unterschied zwischen den tatsächlichen Beschaffungskosten und dem Preis, zu dem sie den Kraftstoff im Inland anbieten sollen. Die indische Lieferung bleibt vorerst auf den Tankern und erreicht weder Tankstellen noch den russischen Großhandelsmarkt.
Der Fall steht im Zusammenhang mit einer angespannten Versorgungslage auf dem russischen Kraftstoffmarkt. Nach den Angaben im Bericht haben Angriffe ukrainischer Drohnen auf russische Raffinerien Produktionskapazitäten beschädigt. Russland, das lange zu den bedeutenden Treibstofflieferanten des internationalen Marktes gehörte, begann daraufhin, zusätzliche Mengen im Ausland zu beschaffen. Für den heimischen Markt wurden zeitweise auch Einschränkungen beim Verkauf von Kraftstoff eingeführt.
Die vorliegenden Angaben belegen für die indische Lieferung jedoch zunächst vor allem ein ungelöstes Preis- und Logistikproblem. Eine bereits eingetroffene Ware ist nicht automatisch am Markt verfügbar. Solange sich Käufer und Verkäufer nicht auf die wirtschaftlichen Bedingungen einigen, bleibt das Benzin auf den Schiffen und kann nicht an Abnehmer im Landesinneren weitergeleitet werden.
Belarus liefert deutlich mehr Benzin
Eine größere Rolle bei der zusätzlichen Versorgung spielt Belarus. Belarussisches AI-92-Benzin kostet in Russland nach Angaben von InfoTEK etwa 140.000 bis 142.000 Rubel je Tonne. Für AI-95 aus Belarus werden demnach rund 180.000 Rubel je Tonne verlangt. Das entspricht etwa 135 Rubel je Liter.
Die beiden belarussischen Raffinerien lieferten seit Jahresbeginn 665.000 Tonnen Benzin per Bahn nach Russland. Das war 25-mal mehr als im entsprechenden Zeitraum des Vorjahres. Im Juli erreichten die Lieferungen 212.000 Tonnen. Diese Menge hatten Quellen bereits zuvor gegenüber Reuters genannt.
Auch bei diesen Lieferungen werden die Preise unter den Bedingungen des russischen Marktes verhandelt. Die Zahlen zeigen den Umfang der zusätzlichen belarussischen Lieferungen, sagen aber nichts darüber aus, zu welchen Endpreisen der Kraftstoff an russischen Tankstellen verkauft wird. Die russischen Behörden setzen weiterhin auf eine Begrenzung der Inlandspreise.
Weitere Lieferungen aus Indien und Marokko
Indische Raffinerien haben sich den Angaben zufolge bereit erklärt, insgesamt rund 100.000 Tonnen Benzin nach Russland zu liefern. Die Ware wird in Indien hergestellt und anschließend in die russische Arktis transportiert. Bei Nayara Energy, dem Hersteller der in Murmansk eingetroffenen Lieferung, hält Rosneft 49 Prozent.
Zusätzlich kaufte der russische Ölkonzern Lukoil eine Lieferung von 30.000 Tonnen Benzin in Marokko. Auch diese Charge ist nach den vorliegenden Informationen im Hafen Murmansk noch nicht entladen worden. Damit befinden sich zumindest zwei ausländische Lieferungen in einer ähnlichen Situation: Das Benzin ist in Russland angekommen, steht dem Markt aber wegen der offenen Preisfrage noch nicht zur Verfügung.
Die Entwicklung zeigt die praktische Schwierigkeit, kurzfristig importierte Mengen in den russischen Binnenmarkt zu bringen. Für die Lieferanten zählen die Kosten der Herstellung, des Seetransports und der Umladung. Die russischen Behörden orientieren sich dagegen an den niedrigeren Preisen des heimischen Großhandels. Eine Einigung über diese Differenz ist für die in Murmansk liegenden Benzinladungen bislang nicht erzielt worden.
Die Lieferungen aus Belarus und die geplanten Importe aus Indien ergänzen damit die russische Versorgung, ersetzen aber die fehlenden Raffineriekapazitäten nicht unmittelbar. Das indische Benzin und die marokkanische Charge bleiben vorerst im Hafenbereich von Murmansk, während die Gespräche über ihre Vermarktung in Russland weiterlaufen.


