Russische Stahlkonzerne haben im ersten Halbjahr 2026 deutliche Einbußen bei Umsatz und Gewinn verzeichnet. Nach einer am 31. Juli veröffentlichten Einschätzung von Analysten der SberInvestments befindet sich die russische Metallurgie wegen stagnierender Nachfrage, westlicher Sanktionen, hoher Zinsen und schwieriger Exportbedingungen in einer der tiefsten Krisen der vergangenen Jahrzehnte. Eine veröffentlichte Einschätzung zur Lage der größten russischen Stahlhersteller nennt zugleich einen weiteren Rückgang der Produktion.
Besonders stark zeigen sich die Belastungen in den Bilanzen der drei großen Produzenten NLMK, Severstal und Magnitogorsker Metallurgisches Kombinat (MMK). Der nach Angaben aus dem Bericht größte russische Stahlhersteller NLMK verringerte seinen Umsatz im ersten Halbjahr um zwölf Prozent auf 388 Milliarden Rubel. Der Nettogewinn sank von 45,6 Milliarden auf 21 Milliarden Rubel und hat sich damit mehr als halbiert.
Bei Severstal ging der Umsatz um 14 Prozent zurück. Das EBITDA, also das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen, fiel nahezu um die Hälfte auf 42,34 Milliarden Rubel. Der Nettogewinn brach um 89 Prozent auf 4,12 Milliarden Rubel ein. MMK schloss die ersten sechs Monate mit einem Nettoverlust von 19,1 Milliarden Rubel ab. Der Umsatz des Unternehmens sank um zehn Prozent.
Produktion und Exporte unter Druck
Auch die Produktionszahlen gingen zurück. Nach Daten der russischen Korporazija Tschermet verringerte sich die Stahlproduktion von Jänner bis Mai 2026 um 8,4 Prozent auf 26,6 Millionen Tonnen. Die Angaben betreffen damit die ersten fünf Monate des Jahres und nicht das gesamte Halbjahr.
Als wesentlicher Faktor gilt der eingeschränkte Zugang zu den besonders profitablen Märkten in Europa und den USA. Die Sanktionen wurden als Reaktion auf Russlands bewaffnete Aggression gegen die Ukraine verhängt. Die russischen Unternehmen versuchten, ihre Exporte stärker nach Asien umzuleiten. Nach der Einschätzung der SberInvestments konnten die asiatischen Märkte die früheren Absatzmöglichkeiten jedoch nicht ausgleichen.
Genannt werden dafür hohe Logistikkosten, ungünstige Wechselkursbedingungen und die Notwendigkeit, den Abnehmern erhebliche Preisnachlässe einzuräumen. Zusätzlich verfügten die asiatischen Märkte über eigene Walzkapazitäten. Russische Unternehmen lieferten deshalb vermehrt Halbzeuge wie Roheisen und Brammen statt fertiger Walzprodukte mit höherer Wertschöpfung.
Diese Verschiebung der Exportstruktur belastet die Erlöse und die Rentabilität. Bei Severstal fiel das EBITDA um 46 Prozent, während der Nettogewinn um 89 Prozent zurückging. Die Zahlen werden in der Analyse mit der geringeren Profitabilität der Ausfuhren und der veränderten Zusammensetzung der Lieferungen in Verbindung gebracht.
Hohe Zinsen beschränken Investitionen
Zusätzlichen Druck erzeugt die Geldpolitik der russischen Zentralbank. Der Leitzins liegt nach den Angaben der Analyse bei mehr als 14 Prozent. Damit werden Investitionen erschwert und Kredite am Markt verteuert. Die Stahlkonzerne müssen zugleich bestehende Schulden bedienen, während ihre Umsätze sinken.
Bei Severstal belief sich der negative Cashflow im ersten Halbjahr auf 70,2 Milliarden Rubel. NLMK verzeichnete einen negativen Geldfluss von 11 Milliarden Rubel. Nach den vorliegenden Angaben führte die Kombination aus sinkenden Einnahmen und hohen Finanzierungskosten dazu, dass Entwicklungsprojekte der großen Unternehmen eingefroren wurden.
Die Analyse beziffert die Rentabilität der russischen Metallurgie auf 9,6 Prozent. In Verbindung mit der anhaltend straffen Geldpolitik und den gestiegenen Kosten für die Bedienung von Verbindlichkeiten wird dieser Wert als unzureichend beschrieben, um die Belastungen des Sektors auszugleichen.
Folgen für Industrieregionen
Die wirtschaftliche Bedeutung der Branche reicht über die einzelnen Unternehmen hinaus. Stahlwerke gehören in mehreren russischen Industriestädten zu den größten Arbeitgebern und übernehmen dort eine stadtprägende Funktion. Ein länger anhaltender Rückgang bei Umsatz und Produktion kann nach der Einschätzung der Analysten daher auch die Beschäftigung und die Einnahmen der betroffenen Regionen belasten.
Als mögliche Folge werden geringere Steuereinnahmen, sinkende Einkommen in Industriestädten und zusätzliche Belastungen für mit der Metallurgie verbundene Bereiche genannt. Konkrete Angaben zu bereits erfolgten Entlassungen enthält der Bericht nicht. Beschrieben werden vielmehr mögliche Maßnahmen der Unternehmensleitungen zur Stabilisierung der Bilanzen, darunter die Kürzung von Prämien, das Einfrieren von Lohnanpassungen und eine Optimierung der Belegschaften.
Die Stahlproduktion lag damit in den ersten fünf Monaten auf dem niedrigsten Stand seit 15 Jahren, wie es in den vorliegenden Thesen heißt. Gleichzeitig weisen die Bilanzen von NLMK, Severstal und MMK auf unterschiedliche Formen der Belastung hin: sinkende Erlöse bei NLMK und Severstal, ein drastischer Gewinnrückgang bei beiden Unternehmen und ein Nettoverlust bei MMK.
Die Entwicklung der russischen Metallurgie hängt nun von der weiteren Nachfrage, den Exportmöglichkeiten, den Finanzierungskosten und der Wechselkursentwicklung ab. Die bisher veröffentlichten Halbjahreszahlen zeigen vor allem, wie stark die großen Stahlhersteller durch diese Faktoren unter Druck geraten sind.


