Die Gesamtverschuldung russischer Unternehmen hat einen neuen Rekordwert erreicht und liegt nun bei rund 293 Billionen Rubel – deutlich über dem prognostizierten Bruttoinlandsprodukt des Landes. Die Zahlen, die Rosstat am 8. Juni 2026 veröffentlichte, zeigen, dass die Wirtschaft zunehmend auf Kredit lebt und die Schuldenlast schneller wächst als die Fähigkeit, sie zu bedienen.
Struktur der Schulden
Der Schuldenberg teilt sich in zwei ungleiche Teile. Den größten Anteil machen mit 152 Billionen Rubel Bankkredite und langfristige Darlehen aus. Die übrigen 141 Billionen Rubel entfallen auf sogenannte Kreditorenverbindlichkeiten – Geld, das Unternehmen direkt Lieferanten, Auftragnehmern, eigenen Mitarbeitern sowie dem Staat in Form noch nicht abgeführter Steuern und Sozialabgaben schulden. Gerade dieser Teil der „Alltagsschulden“ erweist sich als besonders anfällig: Die überfälligen Verbindlichkeiten stiegen binnen eines Jahres um fast 18 Prozent auf sieben Billionen Rubel.
Zinspolitik als Belastung
Analysten sehen die Ursache vor allem in der anhaltend straffen Geldpolitik der russischen Zentralbank. Die durch massive ungedeckte Mittelzuflüsse in den Verteidigungssektor im Zuge des Krieges gegen die Ukraine angeheizte Inflation zwang die Währungshüter Ende 2024, den Leitzins auf 21 Prozent anzuheben. Für die zivile Wirtschaft bedeutete dies eine drastische Verteuerung von Krediten, faktische Unerschwinglichkeit von Hypotheken und einen Einbruch der Konsumnachfrage. Die anschließende Senkung des Leitzinses auf 14,25 Prozent hat die Krise nicht beendet, sondern die Schraube nur etwas gelockert. Kredite bleiben so teuer, dass neue Investitionsprojekte wirtschaftlich sinnlos werden und die Refinanzierung alter Verbindlichkeiten zur eigenen Herausforderung wird. Unternehmen müssen heute bis zu 37 Prozent ihres Gewinns für den Schuldendienst aufwenden – mehr als ein Drittel der Einnahmen fließt nicht in die Entwicklung, sondern in den bloßen Erhalt des Geschäfts.
Steuererhöhungen verschärfen Lage
Zusätzlichen Druck erzeugte die Anhebung der Steuerlast zu Beginn des Jahres 2026 von 20 auf 22 Prozent, verbunden mit einer Verschärfung der Steuerverwaltung. Die Logik der Unternehmen ist in dieser Situation pragmatisch: Zuerst werden Steuern gezahlt, um eine Kontensperrung zu vermeiden, erst dann kommen Lieferanten und Gläubiger. Die Folge: Die überfälligen Forderungen in den gesamten Lieferketten stiegen auf vier Billionen Rubel, und viele Firmen stellen auf Vorkasse um, um sich vor Zahlungsausfällen von Partnern zu schützen.
Dominoeffekte
Am stärksten von den Zahlungsverzögerungen betroffen ist das verarbeitende Gewerbe mit 2,5 Billionen Rubel Schulden. Es folgen Handel, Bergbau und Baugewerbe. Der Krisenmechanismus gleicht einem klassischen Dominoeffekt: Große Konzerne und staatliche Auftraggeber verzögern bewusst Zahlungen an Subunternehmer, um ihre eigene Liquidität zu schonen. Kleine und mittlere Unternehmen ohne finanzielle Polster werden dadurch zu unfreiwilligen Kreditgebern der Großen – und gehen bei ersten Liquiditätsengpässen als erste unter. Der Anteil notleidender Kredite im Segment der Kleinunternehmen hat bereits 19 Prozent erreicht; fast jeder fünfte Kredit bereitet sowohl der Bank als auch dem Kreditnehmer Probleme.
Auswirkungen auf Beschäftigte
Die nächste Stufe der Kette sind die privaten Haushalte. Der Nettogewinn der Unternehmen sank binnen eines Jahres um ein Viertel auf 5,2 Billionen Rubel, das BIP schrumpfte im ersten Quartal 2026 um 0,2 Prozent. Unter diesen Bedingungen sparen Unternehmen vor allem beim Personal: Das Wachstum der Reallöhne verlangsamte sich auf 5,1 Prozent, Indexierungsprogramme werden eingefroren. Gleichzeitig geben die Firmen die gestiegenen Kosten für Schuldendienst und Steuern über die Endpreise an die Verbraucher weiter. Das treibt die Inflation an und belastet die Lebenshaltungskosten doppelt – zunächst durch stagnierende Löhne, dann durch teurere Waren.
Ausblick
Sollte sich der Trend fortsetzen, droht der Wirtschaft der Übergang von punktuellen Problemen einzelner Unternehmen zu einer systemischen Phase von Zahlungsausfällen, bei der die Insolvenz eines großen Schuldners Dutzende seiner Vertragspartner in den Abgrund reißen könnte. Die Zentralbank balanciert derzeit zwischen Inflationsbekämpfung und dem Erhalt der Geschäftstätigkeit – während der Schuldenberg weiter wächst, nach der Dynamik des vergangenen Jahres nicht zu Gunsten der Unternehmen.


