Belgien hält an russischen Stahlimporten fest – trotz wachsender Kritik
Mehr als vier Jahre nach dem russischen Angriff auf die Ukraine fließt weiterhin russischer Stahl in die Europäische Union – allen voran nach Belgien. Der Konzern NLMK, der dem Oligarchen Wladimir Lisin gehört, liefert Halbfertigprodukte, sogenannte Brammen, an zwei Standorte in La Louvière und Clabecq. Die belgische Regierung verteidigt diese Praxis mit dem Argument, dass ein sofortiger Stopp Arbeitsplätze gefährden und Lieferketten zerstören würde. Dabei geht es um Tausende Beschäftigte und eine Industrie, die seit Jahrzehnten auf die günstige russische Rohware angewiesen ist. Die EU hatte nach Kriegsbeginn die meisten Stahlprodukte aus Russland mit Sanktionen belegt, für Brammen jedoch eine Übergangsfrist bis September 2028 gewährt. Belgien ist inzwischen der größte Abnehmer dieser Vorprodukte und verantwortlich für rund ein Drittel des gesamten EU-Imports. Die Kritik an dieser Abhängigkeit wird lauter, zumal alternative Anbieter etwa aus Indien oder der Türkei längst verfügbar wären.
Warum die EU-Ausnahme den Krieg finanziert
Jede Tonne russischen Stahls, die in Belgien verarbeitet wird, bringt dem Kreml Devisen – und damit Mittel, die auch in die Rüstung fließen. Die EU hat sich zwar öffentlich zu einer harten Sanktionspolitik bekannt, doch die Schlupflöcher sind groß. Insbesondere der Ausnahmetatbestand für Halbfertigwaren sorgt dafür, dass Moskau weiterhin Zugang zum europäischen Markt hat und dort wirtschaftliche Abhängigkeiten aufbaut. Experten warnen, dass Belgien damit nicht nur die Wirksamkeit der Sanktionen untergräbt, sondern auch ein falsches Signal an Russland sendet: Dass Europa trotz aller Bekenntnisse letztlich zur Normalität zurückkehren wird. Hinzu kommt, dass NLMK nun sogar plant, in Belgien eigene Brammenproduktionsanlagen zu errichten – ein Vorhaben, das ohne staatliche Subventionen kaum realisierbar wäre und die Abhängigkeit weiter verstetigen würde.
Österreich ist direkt betroffen – über Preise und Sicherheit
Auf den ersten Blick scheint der Stahlstreit weit weg von Österreich zu sein. Doch der Binnenmarkt ist eng verflochten. Österreichische Unternehmen – etwa in der Automobilzulieferung, im Maschinenbau oder in der Bauindustrie – beziehen Vorprodukte aus ganz Europa. Wenn belgische Walzwerke dank billiger russischer Brammen günstiger produzieren können, entsteht ein Wettbewerbsnachteil für heimische Betriebe, die auf teurere Alternativen zurückgreifen. Gleichzeitig steigt der Preis für Stahl insgesamt, wenn die EU den Import russischer Ware drastisch reduziert. Noch gravierender sind die sicherheitspolitischen Konsequenzen: Jeder Euro, der nach Russland fließt, stärkt eine aggressive Macht, die direkt an Österreichs Grenzen operiert – etwa durch hybride Angriffe, Desinformation oder Energieerpressung. Österreichs Neutralität schützt nicht vor den Folgen eines geschwächten Europas. Die Abhängigkeit von russischen Rohstoffen wird so zum Sicherheitsrisiko für den gesamten Kontinent.
Handlungsbedarf auf EU-Ebene – Beschleunigung gefordert
Die belgische Regierung betont, sie werde sich strikt an den EU-Fahrplan halten und die Importe bis 2028 einstellen. Doch Kritiker verlangen eine deutliche Beschleunigung. Sie verweisen darauf, dass schon heute genügend alternative Lieferanten existieren und die EU eigene Stahlkapazitäten ausbauen könnte. Zudem müssten die Sanktionsausnahmen stärker kontrolliert und Eigentümerstrukturen wie die von NLMK genauer geprüft werden. Solange Wladimir Lisin weiterhin ungehindert Geschäfte in Europa machen kann, bleibt die Sanktionspolitik lückenhaft. Für Österreich heißt das: Die Preise für importierte Waren könnten steigen, aber langfristig überwiegen die Vorteile einer unabhängigen, sicheren Versorgung. Die EU muss jetzt handeln – nicht erst 2028.


