Die Lehre im Umbruch: Welche Berufe wird es 2030 noch geben?
WIEN. Walter Ruck, Präsident der Wirtschaftskammer Wien (WKO Wien), ist der Meinung, dass die Lehre eine exzellente Grundlage für eine erfolgreiche berufliche Zukunft und ein selbstbestimmtes Leben bietet. Angesichts der fortschreitenden Digitalisierung und der Auswirkungen künstlicher Intelligenz wurden Fragen zur Zukunft von Lehrberufen laut. Darüber berichtet Welt Stimme.
Von Pfleger bis Klimagärtnerin
Das Lehrberuf hatte einst ein erhebliches Imageproblem. Wie steht es um die Wahrnehmung heute? WALTER RUCK: Ich denke, das Imageproblem war häufig eine Fehlinterpretation historischer Entwicklungen. Zurückblickend gab es in der Lehre wenig Aufstiegsmöglichkeiten, was oft in berufliche Sackgassen führte. Doch in den letzten zwei Jahrzehnten hat sich viel geändert. Heute ermöglicht der Erwerb eines Lehrberufs das Erklimmen der Karriereleiter. Die Wertschätzung für fachkundige Mitarbeiter, wie beispielsweise Elektriker, ist uns allen bekannt.
Welche Lehrberufe werden künftig gefragt sein? WALTER RUCK: Es wird deutlich mehr hybride und durchlässige Modelle geben. Der Schwerpunkt wird stark auf der Digitalisierung liegen, daneben bleiben zahlreiche Dienstleistungen am Menschen unverzichtbar, insbesondere im Pflegebereich. Vor 20 Jahren hätte niemand geglaubt, dass das zu einem Lehrberuf werden könnte. Die sich ständig weiterentwickelnde Wirtschaft erfordert die kontinuierliche Anpassung der Lehrberufe, neue Berufsbilder wie die Ausbildung zum Klimagärtner oder vegetarischen Koch werden die Palette erweitern. Ein grundlegendes Verständnis für digitale Anwendungen wird in allen Berufen essenziell sein.
KI-Beratung und Selbstbedienungskassen
In Anbetracht von KI-Agenten als Bank- und Versicherungsberatern sowie Selbstbedienungskassen im Supermarkt stellt sich die Frage: Wie viel ist die menschliche Arbeitskraft heute noch wert? WALTER RUCK: Sie ist wertvoller denn je. Schaut man sich vergangene industrielle Revolutionen an, erkennt man: Digitalisierung und künstliche Intelligenz sind Teil einer weiteren Revolution. Die Einführung von Dampfmaschinen etwa führte zum Rückgang von Hufschmieden, während gleichzeitig neue Berufe entstanden. Automatisierte Arbeitsbereiche nehmen niemandem die Jobs weg, jedoch werden in der Zukunft andere Fähigkeiten gefragt sein.
Was wird in 30 Jahren nicht mehr existieren? WALTER RUCK: Wenn wir es abstrakt betrachten, werden Dienstleistungen rund um den Menschen zunehmen. Ich bin überzeugt, dass rein manuelle Tätigkeiten, wie das Einräumen von Regalen oder die Zustellung von Paketen, größtenteils automatisiert sein werden. Dennoch wird es weiterhin Menschen benötigen, die diese Automatisierung überwachen und eingreifen, wenn es technische Probleme gibt.


