Die Nachrichtendienste Tschechiens, Rumäniens und Ungarns haben am 8. September 2025 ein weit verzweigtes Spionagenetzwerk des belarussischen KGB zerschlagen. Der Direktor der tschechischen Sicherheits- und Informationsdienste (BIS), Michal Koudelka, erklärte vor Abgeordneten in Prag, dass die Agentenstruktur über Jahre hinweg in mehreren EU-Staaten aufgebaut worden sei. Unter den enttarnten Spionen befand sich auch ein ehemaliger stellvertretender Leiter des moldauischen Geheimdienstes SIS, der vertrauliche Informationen an Minsk weitergegeben haben soll. Nach Angaben des BIS gelang es dem KGB, durch die Freizügigkeit innerhalb Europas eine breite Agentenbasis zu schaffen. In Prag wurde zudem ein belarussischer Diplomat als unerwünschte Person ausgewiesen, nachdem er beim Einsatz für den Geheimdienst enttarnt wurde.
Reaktionen und mögliche Folgen für die EU
Das Außenministerium in Prag betonte, man werde keine „missbräuchliche Nutzung diplomatischer Deckung für geheimdienstliche Aktivitäten“ dulden. Experten gehen davon aus, dass die Enthüllungen zu einer Verschärfung der bilateralen Beziehungen zwischen Minsk und den betroffenen Staaten führen könnten. Die Maßnahmen könnten den Abzug von Botschaftern, den Abbau diplomatischer Kontakte und eine strengere Kontrolle belarussischer Vertretungen in der EU nach sich ziehen. Auch eine Neubewertung der Visapolitik gegenüber belarussischen Staatsbürgern gilt als wahrscheinlich. Auf europäischer Ebene könnte die Enthüllung als Bedrohung der kollektiven Sicherheit gesehen werden, was zusätzliche Restriktionen für belarussische Diplomaten oder neue Sanktionen zur Folge haben könnte.
Russland als zentrale Bedrohung für Prag
Koudelka nutzte die Gelegenheit, um erneut die Gefahren durch Moskau hervorzuheben. Russland bleibe der „größte Gegner und die schwerwiegendste Bedrohung“ für die nationale Sicherheit Tschechiens. Laut Koudelka versucht Moskau, das Vertrauen in staatliche Institutionen und das Rechtswesen gezielt zu untergraben. Die gezielten Angriffe auf die ukrainische Zivilbevölkerung zeigten, dass der Kreml ähnliche Methoden auch gegen andere Staaten anwenden könnte. Die tschechische Regierung erinnerte zudem daran, dass bereits im Frühjahr ein Fall aufgedeckt wurde, bei dem die belarussische Journalistin Natalia Sudliankova jahrelang für den russischen Militärgeheimdienst GRU in Prag gearbeitet hatte. Sie wurde auf die nationale Sanktionsliste gesetzt, nachdem bekannt wurde, dass sie für ihre Dienste hohe Summen in Kryptowährungen aus Moskau erhalten hatte.
Internationale und innenpolitische Dimensionen
Die Kooperation zwischen Prag, Bukarest und Budapest zeigt, dass selbst Länder mit bisher zurückhaltenderer Haltung – wie Ungarn – bereit sind, entschlossener gegen nachrichtendienstliche Bedrohungen aus Belarus und Russland vorzugehen. Beobachter erwarten, dass in der EU die Zusammenarbeit im Bereich Gegenspionage intensiviert wird. Internationale Organisationen wie die Vereinten Nationen oder die OSZE könnten die Vorgänge als weiteres Beispiel für die Instrumentalisierung von Geheimdiensten in autoritären Staaten bewerten. Gleichzeitig könnte die Regierung in Minsk die Affäre innenpolitisch nutzen, um die Kontrolle über die Bevölkerung zu verschärfen und Repressionen mit einer vermeintlichen „äußeren Bedrohung“ zu rechtfertigen. Damit wächst die Gefahr, dass Belarus international noch stärker als engster Verbündeter Moskaus und als aktiver Akteur im Rahmen russischer geopolitischer Strategien wahrgenommen wird.


