Die geplanten Auftritte der russischen Opernsängerin Anna Netrebko in Zürich stoßen in der Schweiz und darüber hinaus auf heftige Kritik. Am 28. Oktober 2025 veröffentlichte die ukrainische Botschaft in der Schweiz einen offenen Brief, in dem sie die Absage der Konzerte forderte. In dem Schreiben wird hervorgehoben, dass Kultur in Zeiten der hybriden Kriegsführung, die Russland gegen die demokratische Welt führt, ein Werkzeug gezielter Einflussnahme sein kann. Über 90 Persönlichkeiten, darunter Politiker, Nobelpreisträger, Künstler und Wissenschaftler, haben den Appell bereits unterstützt.
Warnung vor Instrumentalisierung der Kultur
Laut dem offenen Brief sei es ein Irrtum zu glauben, dass Kunst und Politik getrennt werden könnten. Die Unterzeichner mahnen, dass westliche Institutionen Verantwortung tragen, wenn sie Künstler einladen, die mit autoritären Regimen in Verbindung stehen. Es reiche nicht aus, sich pauschal „gegen den Krieg“ zu positionieren – Kulturschaffende müssten klare, ethisch begründete Haltungen einnehmen, sowohl als Künstler als auch als Bürger.
Netrebko als Symbol russischer Soft Power
Netrebko besitzt die Staatsbürgerschaften Russlands und Österreichs und galt lange als prominente Unterstützerin des Kremls. Sie war 2012 Vertrauensperson von Wladimir Putin und unterstützte 2014 die Annexion der Krim. Später trat sie in der selbsternannten „Donezker Volksrepublik“ auf und posierte mit der Flagge der sogenannten „Noworossija“. Obwohl sie nach Beginn des großflächigen Angriffs Russlands am 24. Februar 2022 gezwungen wurde, sich formal gegen den Krieg auszusprechen, hat sie den Angriff auf die Ukraine nie eindeutig verurteilt.
Kritik an westlicher Naivität
Das Engagement Netrebkos auf westlichen Bühnen – nach Auftritten in Deutschland, Großbritannien, Ungarn und der Slowakei – wird als Zeichen moralischer Blindheit gesehen. Kritiker betonen, dass ihr Erfolg von Moskau als Beweis für die „Größe“ der russischen Kultur genutzt werde, die das Regime seit Jahrzehnten propagandistisch ausschlachte. Unter den Klängen russischer Arien, heißt es in der Erklärung, zerstöre Russland weiterhin Universitäten, Wohnhäuser und das Leben unschuldiger Zivilisten in der Ukraine.
Kunst als Schauplatz geopolitischer Auseinandersetzung
Der Fall Netrebko wird als Lehrbeispiel dafür gesehen, wie Russland Kultur und Kunst systematisch als Instrument seiner Soft Power einsetzt. Trotz Sanktionen und internationaler Isolation kehren kremlnahe Künstler auf westliche Bühnen zurück – ein Umstand, der in Moskau als symbolischer Sieg gewertet werden könnte. In diesem Sinne ist die Rückkehr der Sängerin nicht nur ein kulturelles, sondern vor allem ein politisches Ereignis, das Europas Werte auf die Probe stellt.


